Ostsee – Usedom – Koserow

Einführung

Usedom ist eine 445 Quadratkilometer große Insel in der Ostsee, die größtenteils zu Deutschland (im Land Mecklenburg-Vorpommern) gehört. Ein kleinerer Teil umfasst polnisches Gebiet. Usedom ist das sonnenreichste Gebiet Deutschlands. Ein breiter Strand mit feinem Sand erstreckt sich über 42 Kilometer vom westlich gelegenen Peenemünde bis nach Swinemünde im Osten der Insel. Auch im Winter ist diese Insel immer ein gutes Ausflugsziel: Strandspaziergänge an frischer Seeluft, das beruhigende Rauschen der Wellen, Restaurants mit leckerem Essen, Museen, Ausstellungen, Möglichkeiten zum Sporttreiben, …

7. Februar 2019: Forsthaus Damerow auf Usedom
Mit meinen Enkelinnen Jane und Lexi geht es in den Winterferien für vier Tage auf die Insel Usedom. Ich habe drei Übernachtungen im Hotel Forsthaus Damerow im Ostseebad Koserow gebucht. Gegen 10 Uhr hole ich die Mädchen von zu Hause ab. Gut drei Stunden später erreichen wir Koserow, wo wir erst einmal ein paar Runden durch den Ort fahren, ehe ich die richtige Zufahrt zum Hotel („gewissermaßen hinter den Gleisen“) entdecke. Das Hotel liegt sehr romantisch am Waldesrand ca. zwei Kilometer von Koserow entfernt.
Koserow gehört zu den Bernsteinbädern im Mittelteil der Insel Usedom. Der Ort befindet sich zwischen Ostsee und Achterwasser auf dem schmalsten Teil der Insel an einer Steilküste, deren höchste Erhebung mit 58 Meter der Streckelsberg ist. Koserow liegt an der B111 und hat einen Bahnanschluss. Seit 1993 ist Koserow ein staatlich anerkanntes Seebad mit einer Seebrücke, einem Promenadenplatz und vielen kleinen Restaurants, Cafés und Geschäften. Im nahegelegenen Ortsteil Damerow befindet sich das Atelier-Museum des Malers Otto Niemeyer-Holstein.
Nach dem Einchecken inspizieren wir unser Zimmer: ein kleines Apartment mit zwei Räumen und einem Bad, wie für uns geschaffen. Die Mädchen stellen amüsiert fest: Oma schläft im Kinderzimmer. Ja, so bleibt man jung! Wir nehmen die Räumlichkeiten in Beschlag, d.h. wir räumen die Sachen in die Wandschränke und deponieren die Hygiene-Utensilien im Bad. Ich zähle durch: Uns stehen pro Person 15 große Handtücher zur Verfügung. Inzwischen wissen wir auch, dass das Hotel über ein eigenes Schwimmbad verfügt. Von unserem Zimmer können wir auf die Badanlage blicken. Ein paar Gäste tummeln sich im Wasser, andere habe es sich auf einer Liege bequem gemacht. Natürlich höre ich sofort: Da müssen wir auch hin!

Aber zunächst überrede ich die Mädchen zu einem kleinen Spaziergang zur Erkundung der Hotelumgebung. Wir haben lange im Auto gesessen. So ein bisschen frischen Wind um die Nase wehen zu lassen, ist sicher nicht verkehrt – trotz eines immer wieder sporadisch einsetzenden sanften Nieselregens.

Insektenhotel

Wir laufen bis zum Achterwasser, entdecken dabei ein Insektenhotel, einen Spielplatz und einen Bootsanleger. Zurück im Hotel leihe ich einen Ball für den Kickertisch aus (50 Cent). Bereits auf unserem ersten Weg durch das Hotel hatten wir einen Spieleraum durchquert: Billard, Tischfußball (Kickern) und Dart; für die Kleinen Spielzeug, Bausteine und Bücher. Lexi hat sofort der Ehrgeiz gepackt. Sie will unbedingt Kickern. Warum nicht? Jane lässt sich das nicht zweimal sagen. Ich setze mich in einen Sessel und schaue den Mädchen zu, wie sie sich enthusiastisch dem Spiel hingeben.

Pool im Hotel Damerow


Vor dem Abendessen geht es noch eine gute Stunde in die Schwimmhalle. Es sind nur wenige Gäste im Bad. Jane und Lexi toben sich richtig aus: Schwimmen, Handstand im Wasser, Tauchen ohne Ende. Sie scheinen nicht müde zu werden. Ich schwimme ein paar Runden in dem elf Meter langen Becken und bestaune die Kunststücke, die die Mädchen ohne Unterlass vorführen. Wir verlassen das Schwimmbad und machen uns fertig für das Abendessen. Wohlweislich hatte ich für 19 Uhr Plätze im Restaurant bestellt; Platzreservierung ist sehr empfehlenswert, da das Restaurant zu dieser Zeit immer gut besucht ist. Wir werden an einen Tisch geleitet und bekommen die Speisekarte. Ich bin nicht überrascht, dass die Mädchen sich sofort für Nudeln mit Tomatensoße entscheiden – das Standardessen vieler Kinder. Ich nehme die angepriesene Roulade. Schmeckt ganz ausgezeichnet.
Zurück auf dem Zimmer schnappt sich Jane ihr Mathebuch. Da sie wegen Krankheit ein paar Tage nicht in der Schule war, muss sie Aufgaben nachholen. Es geht um Strahlensätze und Proportionalität. Jane hat keine Probleme, den Lösungsansatz zu verstehen. Damit sich Lexi nicht ausgeschlossen fühlt, wird sie einfach mit einbezogen. Ich erkläre ihr, wie man solche Aufgabe lösen kann und freue mich über ihr Interesse. Um 23 Uhr machen wir das Licht aus. Schlafenszeit. Schon bald höre ich kein Flüstern mehr aus dem Nebenzimmer.
8. Februar 2019: Peenemünde – Phänomenta und U-Boot-Museum

Heute fallen wir schon früh aus dem Bett und sind gestiefelt und gespornt vor 9 Uhr im Frühstücksraum. Das alles ohne Wecker und ohne Not. Ich staune! Nach dem Frühstück folgt noch „Lerneinheit“. Lexi vertieft sich in ihr Französisch-Buch. Jane schreibt die gestrigen Matheaufgaben fein säuberlich ab. Inzwischen durch kommt ein Hausmeister, der eine Glühlampe auswechselt und nach dem Fernseher schaut. Ja, der Fernseher. Das ist und bleibt ein Ärgernis. Das Bild fällt immer sich zusammen und ist total verpixelt. Das ändert sich bis zum Schluss unseres Aufenthalts – trotz mehrmaliger Reklamationen – auch nicht. Schade.

Gegen 11 Uhr starten wir mit dem Auto nach Peenemünde. Auf unserer Fahrt passieren wir die Seebäder Trassenheide und Karlshagen. Nach einer knappen halben Stunde rollen wir auf den Phänomenta-Parkplatz. Um diese Jahreszeit ist es kein Problem, eine Parkmöglichkeit in Peenemünde zu finden. Es gibt mehrere Parkplätze. Für 2 Euro kann man auf dem Parkplatz der Phänomenta solange Parken, wie man möchte. 

Phänomenta in Peenemünde

Phänomenta (Eintritt: Erwachsene 9€; Kinder 7€) – das ist ein interaktiver Erlebnisraum auf 2500 Quadratmeter, in dem man auf zwei Etagen (leider ohne Lift) an 300 Stationen mit naturwissenschaftlichen Phänomenen konfrontiert wird. Vor allem: man kann alles selbst ausprobieren. Die Wirkungen der physikalischen Experimente sind oft so überraschend und man fragt sich, ob man wirklich seinen Sinnen trauen kann. Unterschiedliche Spiegelkonstruktionen zeigen verblüffende optische Phänomene. Die Wirkung der Hebelgesetze wird durch das Anheben eines Autos bzw. durch verschiedene Rollenkonstruktionen (Flaschenzug) auf beeindruckende Weise demonstriert. Wie funktioniert die Blindenschrift? Wie kann eine stabile Brücke ausschließlich mit leichten Latten gebaut werden? Laut Leonardo da Vinci ist das mit ein wenig Geschick leicht zu

Schlank, schlanker, am schlankesten

schaffen. Unglaublich, man schlägt auf eine große Pauke und in einer Entfernung von ca. 3 bis 4 Meter erlischt eine brennende Kerze. Und die Gesichtsmasken. Man schaut in das Gesicht und egal von welcher Seite das geschieht, immer hat man den Eindruck, dass das Maskengesicht einen anschaut. Alle Kinder haben viel Spaß in dem Seifenblasenraum. Sie können so große Seifenblasen erzeugen, dass die Seifenblase sie umhüllt. Gegenüber fordert eine Kletterwand die Geschicklichkeit der Kinder heraus. Weitere Experimente sind u.a. Lichtmischer, Kugelwettlauf und Resonanzpendel. Im Bistro gönnen wir uns eine Pause und nehmen eine kleine Stärkung zu uns.

Lasershow

Eine Lautsprecherdurchsage kündigt die Lasershow an. Das dürfen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Der Raum ist völlig dunkel. Musik erklingt. Dann zucken bunte Laserstrahlen durch die Dunkelheit und zaubern die verschiedensten Muster in den schönsten Farben. Das Spektakel dauert etwa eine Viertelstunde. Später finden wir uns in diesem Saal zu einer weiteren Vorführung ein: Eine Tornadoflamme wird entzündet. Es gäbe noch Vieles zu entdecken. Aber wir sind jetzt schon über drei Stunden hier und die Konzentration lässt nach. Doch vor dem Verlassen der Phänomenta lässt es sich Lexi nicht nehmen, den Astronautentrainer auszuprobieren. Mein Gott, horizontale und vertikale Drehbewegungen im schnellen Wechsel machen ihr gar nichts aus. Als das Gerät gestoppt wird, steigt sie putzmunter aus dem Sitz. Mit dieser Physis kann sie sich als Astronautin bewerben.

Museumsschiff: U-Boot U-461

Tschüs Phänomenta, war eine tolle Erfahrung. Jetzt wollen wir aber noch das im Peenemünder Hafen vertäute U-Boot uns anschauen. Das noch aus sowjetischen Zeiten stammende U-Boot U-461 ist seit Ende der 90er Jahre ein Museumsschiff. Wir informieren uns: Es ist das letzte noch existierende U-Boot seiner Klasse und das größte gebaute konventionelle, also mit Dieselmotoren betriebene U-Boot seiner Zeit. In der Tat, wir stehen vor einem gigantischen grauen Stahlkoloss: gut 85 Meter lang und fast 10 Meter breit. Für das U-Boot Museum ist die Familienkarte für uns das günstigste Ticket (Eintritt: Erwachsene 7€; Kinder: 4€; Familienkarte: 14€). In dieser Jahreszeit drängeln sich nicht viele Schaulustige um das U-Boot. Auf zu neuen Taten. Über einen Steg klettern wir in das Boot; eine riesige Röhre mit acht Sektionen. Der erste Eindruck: Alles ist furchtbar eng. Hier sollen an die 80 Seeleute wochenlang gelebt haben. Einfach unvorstellbar, wenn man die winzigen Kajüten sieht, eingelassen in jede kleinste verfügbare Ecke; wenn man weiß, an Bord gibt es nur drei Toiletten und eine Dusche. Andererseits ist nur ein Drittel des U-Bootes über der Wasseroberfläche sichtbar. Das gesamte Schiff hat die Höhe eines sechsstöckigen Hauses, d.h. wir bekommen nur einen kleinen Teil zu Gesicht.

Im U-Boot

Der Gang durch das Schiff erfordert eine gewisse Beweglichkeit. Die acht Schiffsektionen können im Alarmfall in kürzester Zeit durch Stahltüren hermetisch abgeschottet werden. Jetzt sind diese natürlich geöffnet – kreisrunde Luken, die man auf irgendeine Art und Weise passieren muss. Die eleganteste Art und Weise wäre ein sportliches Durchschwingen; weniger elegant ein mühseliges Durchklettern. Durch Geräusche und Kommandos soll die Atmosphäre während einer Tauchfahrt erlebbar gemacht werden. Lebensgroße Puppen verkörpern Matrosen und Offiziere in unterschiedlichen, an Bord typischen Tätigkeiten. Lexi findet sie gruslig, Jane ist da entspannt: Sind doch nur Puppen! Ich finde dagegen den Anblick der Waffen, Torpedos und Marschflugkörper gruslig. Das will ich mir gar nicht vorstellen.

Nach der U-Boot-Besichtigung machen wir noch einen ausgedehnten Spaziergang durch Peenemünde, ehe wir uns gegen 17 Uhr auf die Rückfahrt in das 25 Kilometer entfernte Koserow machen. Ich darf nicht vergessen, für das Abendessen einen Tisch zu bestellen. Heute scheint der Andrang auf die Gaststättenplätze besonders groß zu sein. Wir bekommen nur noch einen Tisch für 18 Uhr. Aber das ist kein Problem. Wir sind flexibel und – hungrig.

9. Februar 2019: Strandwanderung von Bansin nach Heringsdorf

Heute müssen wir als Langschläfer zum Frühstück eilen. Noch einmal Glück gehabt. Vielleicht sollte ich doch den Wecker stellen – einfach vorsichthalber. Gegen 11:30 Uhr starten wir nach Bansin. Ein wunderbarer Wintertag mit strahlend blauen Himmel. Die Sonne lacht. Bei diesem herrlichen Wetter wollen wir eine Strandwanderung von Bansin nach Heringsdorf und zurück unternehmen, so der Plan.

Strand bei Bansin

Direkt an der Ostsee gelegen ist Bansin eines der drei Kaiserbäder auf Usedom. Zahlreiche Villen im Stile der Bäderarchitektur prägen das Bild des Seebades. Ein breiter, wunderbarer Sandstrand ist sommers wie winters gut besucht. Die Steilküste ist auch nicht weit. Auf einer hölzernen Seebrücke kann man fast 300 Meter hinaus auf die Ostsee spazieren. Hier legen regelmäßig Fahrgastschiffe an, auf denen man eine Sightseeing-Tour entlang der Küste unternehmen kann. Das geht auch ausgezeichnet zu Fuß, denn von Bansin aus kann man auf der längsten Strandpromenade Europas grenzüberschreitend bis ins polnische Swinemünde wandern.

Seebrücke von Heringsdorf

Von unserem Hotel bis nach Bansin sind es ca. 15 Kilometer, d.h. in knapp 20 Minuten  haben wir einen ostseenahen Parkplatz in Bansin erreicht. Das Tagesticket kostet 7€. Das ist der Vorteil eines Winterurlaubs. Jetzt haben wir auf der B 111 freie Fahrt. Davon kann man im Sommer wohl nicht ausgehen. Ein paar Schritte die Badstraße entlang und schon betreten wir den herrlichen Sandstrand. Unser Ziel, das Seebad Heringsdorf, ist ca. 3 Kilometer entfernt. Gut sichtbar schon von weitem die Heringsdorfer Seebrücke. Die Mädchen nehmen den Strand sofort für ihre Turnübungen in Beschlag. Ausgefeilte Choreographien werden immer wieder erprobt. Der Spaß steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Wenn sie keinen Handstand, Überschlag machen, kein Rad schlagen, dann wird fotografiert – dem Handy sei Dank. Natürlich müssen die Bilder immer wieder gezeigt und bewundert werden. Sind aber auch eindrucksvolle Aufnahmen.

Auch ich habe Glück. Mir gelingt es, eine Möwe beim Verspeisen eines relativ großen Fisches zu fotografieren. Zunächst plagt sie sich am Stand damit ab. Als ihr aber ein paar Menschen zu nahe kommen, fliegt sie mitsamt dem Fisch ein Stück ins Meer. Schwimmend versucht sie, mit fast artistischen Bewegungen den Fisch irgendwie zu schlucken. Ein echtes Schauspiel.

Neben Turnen und Fotografieren hält noch eine dritte Aktivität die Mädchen in Bewegung. Sie suchen am Strand nach Besonderheiten und entdecken viele angespülte Quallen. Die glibberig aussehenden Tiere liegen bewegungslos auf dem Sand. Ob sie tot sind? Man kann fast durch sie hindurchgucken. Es scheint sich um Ohrenquallen zu handeln.

Ohrenqualle

Ohrenquallen sind in Meeren weitverbreitete Nesseltiere. Sie bestehen zu 98% aus Wasser. Im Innern schimmern vier ringförmig angelegten Geschlechtsorgane in verschiedenen rötlichen Farbtönen. Quallen haben ein einfaches Nervensystem, aber kein Herz, kein Blut. Mit Tentakeln fördern sie Nahrung, vor allem Plankton und Wasserflöhe, in die Mundhöhle. Ohrenquallen sind nicht giftig.

Bei diesen vielen Aktivitäten vergeht die Zeit wie im Fluge. Wir sind in Heringsdorf, dem größten Seebad auf der deutschen Seite der Insel Usedom, angekommen. Obwohl nicht das erste Mal in Heringsdorf, staune ich, wie hügelig der Ort ist. Erst stapfen wir den Berg hinauf, passieren eine Kirche, und laufen bergab in Richtung Seebrücke, die mit mehr als 500 Meter die längste ihrer Art in Europa sein soll. Heringsdorf ist ein schick herausgeputzter Ort mit zahlreihen Gebäuden im Stile der Bäderarchitektur. Nach dem intensiven Strandwanderung meldet sich der Magen: Hunger! Ganz in der Nähe der Seebrücke, genauer gesagt in der Strandpromenade 1, entdecken wir Ciao Ciao, ein italienisches Restaurant, in dem wir ganz ausgezeichnet speisen – und das zu einem moderaten Preis.

Nach dem Essen erwartet uns eine Überraschung. Es hatte etwas geregnet und nun leuchtet ein herrlicher, unglaublich farbintensiver Regenbogen am Horizont. Viele Menschen zücken ihre Kamera, um das Naturschauspiel festzuhalten. Gegen 15:30 Uhr geht es, wieder am Strand entlang, zurück nach Bansin zu unserem geparkten Auto. Wie schon auf dem Hinweg sind Jane und Lexi immerzu mit irgendwas beschäftigt. Es ist eine Freude, Kinder so unbeschwert zu erleben. Ihr Enthusiasmus ist ansteckend. So macht Wandern Freude.

Nach dem Abendbrot spielen wir „Mensch ärgere dich nicht“ als Kartenspiel. Eine gute Beschäftigung, um Spaß zu haben und gleichzeitig zur Ruhe zu kommen.

10. Februar 2019: Peenemünde – Historisch-Technisches Museum

Heute geht es zurück nach Berlin. Aber das hat noch Zeit. Bevor wir die Heimreise antreten, fahren wir noch einmal nach Peenemünde, um uns das Historisch-Technisches Museum anzuschauen. Der Weg dorthin ist uns gut bekannt, Parken um diese Jahreszeit kein Problem.

Das 1991 eröffnete Historisch-Technisches Museum (Eintritt: Erwachsene: 8€; Kinder: 5€) befindet sich auf Teilen des Geländes der ehemaligen Heeresversuchsanstalt, auf dem von Mitte der dreißiger bis Anfang der vierziger Jahre Raketen entwickelt und getestet wurden. Seit 2007 gehört das Historisch-Technisches Museum zur europäischen Route der Industriekultur.

In der ehemaligen Bunkerwarte befinden sich die Kasse und ein Souvenirshop. Von dort aus gelangen wir auf das Museumsgelände. Die meisten Gebäude und Anlagen der Heeresversuchsanstalt wurden entweder durch Bombenangriffe zerstört oder nach Kriegsende abgerissen.

Nachgebaute A4-Rakete (V2)

Zunächst zieht die im Freien ausgestellte Rakete unsere Aufmerksamkeit auf sich. Informationstafeln geben über die Art der ausgestellten Objekte und deren geschichtlichen Hintergrund Auskunft. Es handelt sich um eine 14 Meter hohe mit Originalteilen nachgebaute A4-Rakete (V2). 1942 gelang unter Leitung des Ingenieurs Wernher von Braun der erste Start einer Großrakete mit Flüssigkeitsantrieb unter der Bezeichnung Aggregat 4 ins Weltall. 84,5 Kilometer hoch flog die Rakete ins All. Aber nicht die friedliche Erforschung des Weltraumes war das Ziel. Diese Rakete wurde als so genannte Vergeltungswaffe (V2) von den Nazis im Zweiten Weltkrieg eingesetzt und brachte tausenden Menschen den Tod.

Wernher von Braun (1912-1977) war Technischer Leiter des Raketenprogramms in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Nach dem Krieg arrangierte er die Übergabe von 500 Wissenschaftlern und der Forschungsunterlagen an die US-Armee. In den USA setzte er seine Forschungen zur Raketenentwicklung fort.

Eine zweite so genannte Vergeltungswaffe (V1) ist in unmittelbarer Nachbarschaft aufgedockt: eine Fieseler FI 103. Gleich daneben kann man sich die katapultartige Startrampe ansehen, von der aus der erste militärisch eingesetzte Marschflugkörper abgeschossen wurde.

Peenemünder Werkbahn

Ein paar Schritte weiter steht ein Kurzzug der ehemaligen Peenemünder Werkbahn. Nicht von ungefähr fällt sofort die Ähnlichkeit mit Berliner S-Bahn-Zügen auf. Das hier 1936 zur Beförderung von Materialien und Personen angelegte elektrifizierte S-Bahn-System war nach Berlin und Hamburg das dritte seiner Art. Auf einer der Schautafeln lese ich: Eine Linie führte von Karlshagen-Siedlung über Zinnowitz nach Peenemünde-Dorf. Eine zweite Linie begann ich Zinnowitz über Karlshagen-Siedlung, Werk Ost bis zum Werk West. Bei Schichtwechsel im Werk Süd betrieb man noch eine dritte Linie von Zinnowitz über Karlshagen-Siedlung und die Haltepunkte Holzwerkstatt und Wasserwerk Süd bis zur Fertigungshalle 1.

Ehemalige Kraftwerk der Heeresversuchsanstalt

Es hat zu nieseln angefangen. Schnell laufen wir hinüber in das ehemalige Kraftwerk. Es ist in der Tat ein riesiges Gebäude, ein freibegehbares technisches Denkmal. Auf Schautafeln sind die noch erhaltenen technischen Anlagen erklärt. In der zweiten Etage befand sich der 1600 Quadratmeter große Turbinensaal, heute ein Ort für kulturelle Großveranstaltungen. 1200 Besucher finden hier Platz. Im Kesselhaus informiert eine Ausstellung über die Geschichte des Gebäudes. Gerne hätten wir den gläsernen Aufzug auf die Aussichtsplattform hoch oben auf dem Dach des Kraftwerkes genutzt. Aber um diese Jahreszeit war er außer Betrieb. Schade!

Nach einem Rundgang verlassen wir das Kraftwerk und begeben uns in den Schalthausanbau. Hier befindet sich auf mehreren Etagen eine Dauerausstellung über die Geschichte der deutschen Raketentechnik. Pfeile weisen den Weg. Es wird anhand von Bild- und Filmmaterialien dokumentiert, wer in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde arbeitete, unter welche Bedingungen die Menschen lebten und mit welchem technischen Aufwand die Rüstungsproduktion betrieben wurde. Originalteile und Modelle veranschaulichen die technische Entwicklungsarbeit. Immer wieder taucht die Frage nach der ethischen Verantwortung von Wissenschaftlern und Forschern auf. Das Museum versucht, die Ambivalenz der Raketentechnologie sichtbar zu machen. Immanuel Kant
Deutscher Philosoph
(1724-1804)

Zwei Dinge erfüllen
das Gemüt mit immer
neuer und zunehmender
Bewunderung und Ehrfurcht,
je öfter und anhaltender
sich das Nachdenken
damit beschäftigt:
Der gestirnte Himmel
über mir
und das moralische Gesetz
in mir.

Es ist heute wirklich kein einladendes Wetter. Grau in Grau und immer wieder Nieselregen. Schnell zurück zum Auto. Bevor es endgültig nach Berlin geht, machen wir einen Stopp in einer italienischen Gaststätte. „Stella del lago“ – das war eine gute Wahl. Gesättigt und ausgeruht treten wir die Heimreise an.

 

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