Thüringen – Bilzingsleben

19. Oktober 2020: Thüringen und Kyffhäuser

Es sind Herbstferien. Mit Enkel Arvid fahre ich ein paar Tage nach Thüringen. In Bilzingsleben konnte ich eine Unterkunft in dem Landhotel „Altes Pfarrhaus“ buchen. Mit dem Auto sind wir von Berlin aus gut 3 Stunden unterwegs; zunächst auf dem Berliner Ring, dann A9 bis zur Abfahrt nach Halle, weiter geht es auf dem gut ausgebauten Autobahnnetz: A143, A38 und A71. An der Schmücke verlassen wir die Autobahn und folgen der B86. Kindelbrück wird bald angezeigt und kurz darauf erreichen wir Bilzingsleben.

Bilzingsleben ist mit  weniger als 700 Einwohnern ein überschaubarer Ort der Landgemeinde Kindelbrück im thüringischen Landkreis Sömmerda. Das ehemalige Pfarrhaus wurde zum Hotel umfunktioniert. Davor stehen kostenlose Parkplätze zur Verfügung. Das ist sehr angenehm. Auch die Anmeldung geht zügig und unkompliziert vonstatten, was ja in Corona-Zeiten nicht unbedingt selbstverständlich ist. Ja, Corona bringt doch manche Einschränkung: Außenpool und Sauna sind gesperrt. Aber eine große Rasenfläche zur Sportnutzung steht zur Verfügung. Da schlägt sofort Arvids Fußballherz höher.

Aber heute wollen wir den frühen Vormittag für einen Ausflug zum nahegelegenen Kyffhäusergebirge nutzen. Schon von weitem sieht man das Kyffhäuserdenkmal, das im Nordosten des kleinen Mittelgebirges am Rande des Harzes thront. Wir starten in Richtung Bad Frankenhausen. Vorbei an der Barbarossa-Höhle geht es direkt zum Kyffhäuser-Parkplatz. Leider begleitet uns die ganze Zeit mal mehr, mal weniger ein leichter Nieselregen. Vom Parkplatz führt ein ein Kilometer langer, sehr bequemer Wanderweg zur Kyffhäuser Burg. Jetzt heißt es anstellen, um ein Ticket zu erwerben.

Auf dem Kyffhäuser befindet sich eine ehemalige Burganlage, die Reichsburg Kyffhausen. Auf dem Burggelände wurde 1896 das Kyffhäuser-Denkmal, das auch als Barbarossa-Denkmal bekannt ist, zu Ehren von Kaiser Wilhelm I. eingeweiht. Es gehört mit dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal bei Porta Westfalica, dem Hermanns-Denkmal bei Detmold, der Walhalla bei Donaustaub zu den monumentalen Denkmalsbauten in Deutschland und damit zur Straße der Monumente.

Kyffhäuser-Denkmal


Natürlich wollen wir auf die Aussichtsplattform. Zu Corona-Zeiten heißt das, sich  wieder anzustellen, denn es darf nur eine begrenzte Besucherzahl auf den Turm. Ich staune mit welcher Gelassenheit Arvid diese öde Zeit des Wartens im Nieselregen erträgt. Natürlich bleibt er nicht die gesamte Zeit in der Reihe stehen, sondern schaut sich auf dem Burggelände um – wie mir scheint, immer in Sichtweite. Schließlich haben wir es geschafft und können die 247 Stufen zur Aussichtsplattform erklimmen. Für mich ist das schon eine Herausforderung. Oben weht ein frisches Lüftchen. Trotz des nieseligen Wetters erblicken wir ein beeindruckendes Landschaftspanorama auf der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt.
Ein 11 Meter hohes Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. illusioniert, wie der Kaiser aus dem Turm herausreitet, darunter im Sockel des Denkmals sitzt schlafend einer seiner Vorgänger, Kaiser Friedrich I., besser bekannt als Barbarossa. Laut Sage erwacht Barbarossa alle 100 Jahre, um zu schauen, ob er von seinem Zauberbann erlöst werden kann.

Der Regen hat aufgehört. Endlich. Nach der Turmbesteigung unternehmen wir eine Erkundungstour durch die Ruinen der Ober- und der Unterburg. Neben der Barbarossa-Sage interessiert Arvid am meisten der (inzwischen restaurierte) Burgbrunnen, der mit 176 Meter zu den tiefsten mittelalterlichen Brunnen in Mitteleuropa gehört.

Wir erklettern auch den Burgfried der Oberburg, den so genannten Barbarossa-Turm, werfen einen Blick in das Burgmuseum, wo ein Modell der gesamten Burganlage zu besichtigen ist, und schauen uns in der Unterburg die erhaltenen Teile einer gewaltigen Ringmauer und die Überreste einer Kapelle an.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz merken wir beide, dass wir eine Pause und vor allem eine Stärkung brauchen. Beides bekommen wir in Bad Frankenhausen in der griechischen Gaststätte „Taverne Athos“: Freundliche Bewirtung, Superessen – kann man nur empfehlen“

20. Oktober 2020:
Himmelsscheibe in der Arche bei Nebra – Klosteranlage in Memleben

Der heutiger Tag verspricht ein ganz spannender zu werden. Arvid und ich sind von den Berichten über die Himmelsscheibe, die bei Nebra gefunden worden ist, fasziniert. Jetzt sind wir auf dem Weg nach Nebra. Über die über B86 und L1215 benötigen wir eine knappe Stunde. Nebra liegt schon in Sachsen-Anhalt. Es ist ein kleiner Ort mit ca. 3000 Einwohnern. Am Ortsrand wurde ein neuer Parkplatz eingerichtet und in der Nähe des Fundortes ein futuristisch in den Hang gebautes, multimediales Besucherzentrum, die Arche Nebra, erbaut. Alles für die Himmelsscheibe. Die ist in der Tat etwas Besonderes. Etwa 2100 bis 1700 v. Chr. hergestellt und um 1600 v. Chr. in der Erde vergraben, ist sie (bis jetzt) die früheste bekannte Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte. Sie gehört seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Vom Parkplatz bis zum Besucherzentrum braucht man zu Fuß eine Viertelstunde. Da der Weg ansteigend und weitgehend naturbelassen ist, bietet sich für Besucher, die nicht gut zu Fuß sind, eine Fahrt mit dem kleinen Shuttlebus an, der in kurzen Abständen zwischen Parkplatz und Besucherzentrum pendelt. Schon von weitem sehen wir eine lange Schlange vor dem Eingang. Natürlich: In Corona-Zeiten darf nur eine begrenzte Besuchermenge in das Gebäude. Jetzt heißt es erst einmal anstehen und sich in Geduld üben. Es geht nur langsam voran. Arvid rennt und turnt auf den umliegenden Wiesen herum. Die meisten Kinder vertreiben sich auf diese Art und Weise die Zeit. Nach zwei Stunden (!) Wartezeit können wir das Gebäude betreten.

In dem 2007 eröffneten Besucherzentrum „Arche Nebra“ werden in einer Dauerpräsentation die Fundgeschichte der Himmelsscheibe erzählt und deren astronomische wie kulturhistorische Bedeutung erläutert. Die Fundgeschichte ist ein echter Kriminalfall: 1999 sind Grabräuber (die gibt es offensichtlich auch in Deutschland) auf dem Mittelberg bei Nebra eher zufällig auf die Himmelsscheibe gestoßen und haben diese mit weiteren bronzenen Gegenständen ausgegraben.

Dabei sind sie nicht zimperlich vorgegangen. Mit einem Hammer haben sie bei der Ausgrabung die Scheibe beschädigt. Außerdem entdecken sie zwei Schwerter mit goldverzierten Griffen, zwei Beile, einen Meißel und zwei zerbrochene Armreifen. Alles wird mitgenommen und soll über Ebay verkauft werden. Als schließlich 2002 die Scheibe dem Landesmuseum in Halle für 380.000 Euro angeboten wird, informiert der Museumsdirektor die Polizei. In einem Baseler Hotel soll der Verkauf abgewickelt werden. Hier ist die Polizei schon zur Stelle und nimmt die Hehler fest.

Heute kennzeichnen ein astronomischer Aussichtsturm, das so genannte „Himmelsauge“ und eine Stahlkopie der Himmelsscheibe, die Fundstelle, die ungefähr 3 Kilometer von dem  Besucherzentrum „Arche Nebra“ entfernt ist. Hier wird die 32 Zentimeter große Himmelsscheibe mittels moderner Technik in einem großen Panoramafenster veranschaulicht, ohne selbst als Gegenstand vor Ort zu sein. Das Original befindet sich im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Aber auch in dieser Präsentation sind die goldenen Elemente auf der Bronzescheibe gut zu erkennen: Vollmond (oder Sonne?), Sichelmond und Plejaden, die durch sieben Goldpunkte  das Siebengestirn darstellen. Insgesamt sind 32 Sterne durch Goldpunkte markiert. Am rechten Rand befindet sich ein goldener Bogen. Es ist zu erkennen, dass auch auf der gegenüberliegenden Seite sich einmal ein solcher Bogen befand, der im Laufe der Zeit abhandengekommen ist. Am unteren Rand schwimmt zwischen Vollmond und Sichelmond symbolisch ein mythisches Schiff, interpretiert als eine Sonnenbarke, über den nächtlichen Himmel.

Die Himmelsscheibe, das zeigen die Untersuchungen, wurde immer wieder überarbeitet und dem sich verändernden Weltbild angepasst. Auf jeden Fall wollen wir uns das Original im Hallender Museum anschauen. Aber jetzt nutzen wir die Zeit, um einen Abstecher in das ehemalige Kloster Memleben zu machen, das nur 6 Kilometer entfernt ist. Mit dem Auto sind wir in 8 Minuten auf dem Klosterparkplatz.

König Heinrich I. (876 – 936) und sein Sohn Kaiser Otto I. (912 – 973) stabilisieren das ostfränkische Reich. In Memleben befindet sich zu dieser Zeit eine Pfalz. König Heinrich I. wird hier geboren und hier stirbt er auch (Grablegung im Quedlinburger Dom). 37 Jahre später stirbt auch Kaiser Otto I. im Memleben. Er wird im Magdeburger Dom beigesetzt; sein Herz wird jedoch in Memleben bestattet. Zum Andenken an seinen Vater stiftet Kaiser Otto II. mit seiner Gattin Theophanu in Memleben ein reich ausgestattetes Benediktinerkloster in Memleben. Die Klosterkirche aus dem 10 Jahrhundert ist heute eine Ruine. Im 13. Jahrhundert wird eine neue Kirche, die Marienkirche, erbaut, heute auch eine Ruine. Aber die spätromanische Krypta ist gut erhalten und kann besichtigt werden. Das dies möglich ist, ist auch dem Architekten Carl Friedrich Schinkel zu verdanken, der sich die Sicherung der Krypta veranlasst. Neben der Marienkirche entstand eine zugehörige Klausur, von der umfangreiche Gebäudeteile erhalten sind und als Museum genutzt werden.

Im ehemaligen Speisesaal der Mönche (Neues Refektorium) ist ein Café untergebracht. Hier stärken wir bei Kaffee und Kuchen unsere Kräfte, denn wir wollen uns alles genau ansehen. Und es gibt einiges zusehen. In der ehemaligen Sakristei wird die Baugeschichte der Klosteranlage anschaulich präsentiert. Ein Ausstellungsbereich widmet sich dem Leben im Kloster. „Ora et labora“ („bete und arbeite“) – war der ein Leitspruch der Benediktinermönche. Eine weitere Ausstellung zeigt das Skriptorium, die Schreibstube der Mönche mit den entsprechenden Schreibutensilien zum Verfassen von Texten und zur Buchherstellung. Wir betreten einen Raum mit spirituellen Dauerausstellung „Wenn der Kaiser stirbt – Der Herrschertod im Mittelalter„. Leben und Tod. Was ist Seele? Was geschieht mit ihr nach dem Tod? Wie geht man mit dem Tod eines Herrschers um? Dort steht so genannte Bußwaage: Die Sünden und die guten Taten werden gegeneinander abgewogen. 


Heute ist Memleben ein unscheinbarer Ort mit ca. 500 Einwohnern. Sein Kleinod ist das ehemalige Kloster.  Dort kann man übrigens auch übernachten. Zum Abendessen fahren wir nach Artern und dort speisen wir in einer italienischen Gaststätte „Ristorante Da Vinvi“. Glück gehabt, in Corona-Zeiten ist es nicht leicht, einen Platz in einer Gaststätte zu bekommen.

 21. Oktober 2020:  Höhle „Heimkehle“ – Nordhausen

Heute machen wir einen Ausflug in den Südharz nach Uftrungen, einem Dorf mit etwas mehr als 1000 Einwohnern. Nicht der Ort selbst ist das Ziel, sondern die ca. 2 Kilometer entfernt gelegene Heimkehle, eine von zwei großen Gipshöhlen in Deutschland.

Zunächst fahren wir in das Dorf hinein. Das ist aber der falsche Weg. Der Abzweig zur Höhle liegt direkt an der Landstraße L 236 und ist auch ausgeschildert. Vor der Höhle kann man unentgeltlich parken. Vor dem Kassenhäuschen hat sich schon einen Schlange gebildet. Es dauert, da in Corona-Zeiten alle Personalien erfasst werden. Bis zur nächsten Führung ist aber ist noch genügend Zeit. Jeder Besucher bekommt einen Schutzhelm, dann geht es los. Vorsicht beim Laufen! Es ist schummrig. Die relativ breiten Wege sind rollstuhlgerecht angelegt, aber nicht immer eben, zum Teil feucht und etwas glitschig, vorstehende Felsbrocken an den Wänden sind zu beachten. Und eine Jacke ist empfehlenswert, sind doch in der Höhle zu jeder Jahreszeit immer nur 8°C.

Ufftrungen: Vor dem Höhleneingang der Heimkehle

Zuerst erfahren wir etwas über die Höhle: Die Heimkehle ist seit Mitte des 14. Jahrhunderts bekannt. Sie entstand durch das Auswaschen des Sulfatkarstes (Kalziumsulfat: Gips). Erst 1920 wurde die Höhle als Schauhöhle erschlossen und für Besucher eröffnet. Das Höhlensystem umfasst etwa 2000 Quadratmeter. Aber davon ist nicht alles begehbar. Viele Räume sind mit Wasser gefüllt. Unterirdische Seen sind entstanden. Noch 1920 bedeckte ein zusammenhängender See die Höhle, sodass man die Besichtigung als Bootstour unternahm.

In der Heimkehle leben 10 unterschiedliche Fledermausarten. Das können bis zu 4000 Tiere sein, erfahren wir in der Führung. Um die Populationen zu erfassen, werden Fledermäuse in netzartigen Vorrichtungen gefangen und mit Flügelklammern markiert. Wer sich für die fliegenden Säuger interessiert, sollte im August bzw. September der Höhle einen Besuch abstatten. In dieser Zeit sind die Tiere wegen ihres Paarungsverhaltens besonders aktiv und können gut beobachtet werden.

Die Geschichte der Höhle hat auch eine dunkle Seite. 1944 wurde in der Höhle eine unterirdische Produktionsstätte für die Junkerswerke Dessau errichtet, um Teile für die Kampfflugzeuge Ju88 und Ju188 zu bauen. Die Bauarbeiten wurden unter unmenschlichen Bedingungen von KZ-Häftlingen ausgeführt, wobei viele von ihnen durch Erschöpfung, Hunger und Unfälle ums Leben kamen. Im Kleinen Dom befindet sich eine Gedenkstätte.

1945 nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Produktionsanlagen gesprengt und damit auch Teile der Höhle zerstört. Erst 1954 konnte die Schauhöhle wieder eröffnet werden, allerdings liegen die Seen immer noch unter einer dicken Betondecke. Im Großen Dom verzaubert seit 1990 eine Lasershow die Besucher. Es war insgesamt eine interessante Erfahrung, aber es gibt schönere, beeindruckendere Höhlen.

Nach einer Stunde verlassen wir die Höhle und machen uns auf zu unserem zweiten Tagesziel. Wir fahren nach Nordhausen, einer nur 11 Kilometer entfernten Stadt in Thüringen. Gut 40.000 Einwohner leben hier. Wir fahren direkt ins Zentrum und parken in dem Parkhaus unter dem Shoppingcenter am Pferdemarkt. Die Parkgebühr beträgt pro Stunde 50 Cent. Nach dem Essen in einer türkischen Gaststätte, Arvid hatte auf Döner Appetit, machen wir uns auf eine Erkundungstour.

Da Ende des Zweiten Weltkrieges durch Luftangriffe zweidrittel der Stadt zerstört wurde, trifft man nur sporadisch auf die einstmals für Nordhausen typischen Fachwerkhäuser und andere historische Gebäude. Dazu gehört das Alte Rathaus von 1610 vor, dem ein großer Roland über die Stadtgeschicke wacht. Der Roland symbolisiert die damalige Reichsfreiheit der Stadt, die im 15. Jahrhundert sogar Mitglied der Hanse war. Heute ist der Roland das Wahrzeichen der Stadt.

Vom Rathaus spazieren wir zum Lutherplatz. 1888 wurde der Holzmarkt zu Ehren Martin Luthers in Lutherplatz umbenannt, der mindestens zweimal in Nordhausen weilte. Ein das monumentales Denkmal erinnerte hier an den Reformator, das während des Krieges eingeschmolzen wurde. Anlässlich der 2. Thüringer Landesgartenschau 2004 schuf der Bildhauer Peter Genßler mit dem Luther-Brunnen ein neues Luther-Denkmal.

Hier befand sich auch das Riesenhaus, an dessen Giebel eine überlebensgroße Ritterfigur angebracht war, daher der Name „Riesenhaus“. Auf einer Informationstafel ist zu lesen: Das Gebäude wurde 1945 ein Opfer eines Bombenangriffs. 1954 entstand an dieser Stelle ein Neubau. 2010 wurde das Hauszeichen des früheren Hauses, der Riese in Gestalt der 1710 geschaffenen Ritterfigur, wieder angebracht. Arvid ist von dem Ritter fasziniert. Solch ein Schmuckelement sieht man ja auch nicht alle Tage.

Wir laufen bis zur Kutteltreppe und rüber zum Petersberg, wo es wieder ans Treppensteigen geht. Auf dem Berg stand einst die Petrikirche, wovon heute nur noch ihr einsam dastehender 62 Meter hoher Turm, heute ein Aussichtsturm, zeugt. Aber bemerkenswert ist die großzügige und sehr abwechslungsreich gestaltete Spiellandschaft für kleinere und größere Kinder, die im Zuge der Bundesgartenschau 2004 hier angelegt wurde.

Jetzt geht es wieder eine Treppe hinunter – Nordhausen, die Stadt der Treppen. Am Kornmarkt werfen wir einen Blick auf das Stadttheater. Wir versuchen uns zu orientieren. Das Ziel ist die Nordhäuser Traditionsbrennerei. In einer Führung wollen wir erfahren, wie aus Getreide Alkohol produziert wird. Auf dem Weg dorthin passieren wir die Blasiuskirche, die größte evangelische Kirche der Stadt. Auffällig die beiden unterschiedlich hohen achteckigen Türme.

Jetzt treffen wir auf Teile der alten Stadtmauer. Natürlich sind auch wieder Treppen im Spiel. Als wir endlich die Brennerei gefunden haben, wird uns mitgeteilt, dass wir zu spät sind. Schade. Eine Anmeldung ist auf jeden Fall zu empfehlen. Aber wir schauen uns in dem kleinen Museum um. Arvid interessiert sich für die Gerätschaften, ich lese etwas zur Geschichte der Kornbrennerei in Nordhausen. Eine Urkunde bestätigt, dass bereits 1507  Branntwein in Nordhausen produziert wurde. Und es gab an die 100 Brennereien in der Stadt.

Auf dem Rückweg kommen wir an dem Dom zum Heiligen Kreuz vorbei. Über die Wassertreppe erreichen wir die Domstraße. Hier gibt es noch eine Besonderheit: Das Haus in der Domstraße 12 gilt als eines der ältesten Wohnhäuser in Thüringen.

Heute sind wir beide ganz schön geschafft. Im Shoppingcenter schnell noch etwas fürs Abendbrot einkaufen und dann geht es zurück in unser Hotel.

22. Oktober 2020:
Prähistorische Ausgrabungsstätte in Bilzingsleben – 
Kaiserpfalz in Tilleda – Panorama-Museum in Bad Frankenhausen

Unsere Unterkunftswahl in Bilzingsleben war eher Zufall. Jetzt wissen wir, dass dieser kleine Ort eine große Attraktion zu bieten hat. In der Steinrinne Bilzingsleben, das ist ein ehemaliger Steinbruch am Rande des Wippertals, wurden 1972 Skelettteile eines Urmenschen, des homo erectus, gefunden. Eine archäologische Sensation! Der homo erectus bilzingslebenensis lebte vor etwa 370.000 Jahren hier im Thüringer Becken. Bis jetzt konnten die Archäologen 28 Schädelreste, ein rechter Unterkieferast und 9 einzelne Zähne dieses Urmenschen bergen. In der Steinrinne stießen die Forscher auf eine komplette urmenschliche Siedlungsstätte, in der viele Alltags- und Jagdgegenstände aus jener Zeit gefunden wurden. Aufgrund der Vielzahl der Artefakte kann die Umwelt des homo erectus genau rekonstruiert werden. Zu dieser Zeit herrschte ein Klima vor, wie wir es heute in Afrika kennen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass homo erectus neben Hirschen, Bären und Bibern auch Elefanten, Löwen und Nashörner jagte. All das kann man sich in der Ausstellungshalle des Freilichtmuseums „Ausgrabungsstätte Steinrinne Bilzingsleben“ (Frömmstedter Straße, 06578 Bilzingsleben) erschließen. Und davon machen wir umfänglichen Gebrauch. Wir besichtigen die Ausgrabungsstätte, betrachten die in Vitrinen ausgestellten Fossilien, lesen die aufschlussreichen Beschreibungen dazu und – der für Arvid wohl interessanteste Teil – schauen uns die wirklich beeindruckenden Videos an. So sind nicht nur der Urmensch von Bilzingsleben, sondern auch Waldelefant, Waldnasnorn, Löwe und Höhlenhyäne im 3D-Format digitalisiert worden. Es erscheint zunächst das Skelett, dann die Vollkörperrekonstruktion in einer jeweils eine 360°-Drehung und schließlich Mensch bzw. Tier in seiner Umwelt. Arvid ist begeistert. Ein Besuch dieser Ausstellung ist in jedem Falle empfehlenswert.

Wir fahren weiter nach Tilleda. In dem kleinen Ort am Fuße des Kyffhäusers mit ca. 800 Einwohnern gibt es einzige, vollständig ausgegrabene Pfalzanlage. Hier haben  im Mittelalter Kaiser und Könige auf ihren immerwährenden Reisen residiert. Zwischen den Jahren 974 und 1194 beherbergt die Pfalz in Tilleda neunmal den königlichen Hof. Bevor wir zum Freilichtmuseum gehen, machen wir im Restaurant „Kirschcafé“ Rast und stärken uns.

Im Freilichtmuseum wurden, so ist zu lesen, am Originalstandort die wesentlichen Teile dieser imposanten Pfalz teilrekonstruiert. Ein Wachturm wurde rekonstruiert, die ehemaligen Wallanlagen und Palisaden umgeben die Anlage, Mauerreste zeugen von dem Pallas, dem königlichen Repräsentationsgebäude, mehrere Gebäude wurden nach historischem Vorbild wieder aufgebaut. Hier kann man sehen, wie Menschen eines bestimmten Standes zur damaligen Zeit ihren Alltag gelebt haben, welche Kleidung sie trugen, wie sie gewohnt haben, wie sie in verschiedenen Handwerken gearbeitet haben. Einige dieser Arbeiten kann man praktisch ausprobieren, was Arvid auch sofort in Angriff nimmt und erfährt beispielsweise wie anstrengend es war, Getreide zu Mehl zu malen – alles Handarbeit mit gehörigem Kraftaufwand. Da fallen die Eroberungen eines Wehrturmes, das Erstürmen eines Walls oder das Lösen eines Rätsels schon sichtlich leichter. Die Pfalz umfasst ein ausgedehntes Gelände. Man sollte gut zu Fuß sein.

Es ist ein wunderbarer sonniger Herbsttag. Wir nutzen die restliche Zeit, um in Bad Frankenhausen dem Panorama-Museum einen Besuch abzustatten. Für die gut 20 Kilometer brauchen wir 25 Minuten. Dann geht es ein Stück den Schlachtberg hinauf zum Museumsparkplatz. Zu dieser Zeit haben wir keine Parkkonkurrenz. Auch keine Schlange an der Kasse (Erwachsene: 8€; Kinder: 3€). Das liegt wohl daran, dass das Museum in 40 Minuten schließt.

Bad Frankenhausen: Panorama-Museum

Ich hatte Arvid im Vorfeld über das Museum mit dem riesigen Monumentalgemälde informiert. Wir haben über die Geschichte der Frühbürgerlichen Revolution und den Maler Werner Tübke (1929-2004) gesprochen. 1525 fand die Schlacht bei Frankenhausen auf dem Weißen Berg, der seitdem den Namen Schlachtberg trägt, statt. Die Erhebung der Bauern wurde blutig niedergeschlagen. Unter den Aufständischen war auch der Prediger Thomas Müntzer (1489-1525), der nach der Schlacht gefangengenommen und in Mühlhausen hingerichtet wurde.

Nun möchte Arvid das Bild selbst in Augenschein nehmen. Als wir schließlich die große Halle mit dem Rundpanorama betreten, ist er total fasziniert. Unglaublich so ein gewaltiges Gemälde. Die Leinwand ist 123 Meter lang, 14 Breit und wiegt 1,1 Tonnen. Tübke und viele Helfer haben 12 Jahre an dem Bild gearbeitet.

Im Saal ist es relativ dunkel. Das Licht ist auf das Gemälde gerichtet. Wir versuchen einzelne Szenen, über die wir gesprochen haben, herauszufinden: Thomas Müntzer steht desillusioniert im Schlachtgeschehen, darunter der Brunnen der Unsterblichkeit umringt von Persönlichkeiten des Zeitgeschehens wie die Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, die Humanisten Erasmus von Rotterdam und Ulrich von Hutten, die Maler Albrecht Dürer, Lucas Cranach d.Ä. und Jörg Ratgeb, der Holzschnitzer Tilman Riemenschneider u.a.m. Arvid entdeckt die großen blauen Fisch, ein Symbol auf Reinigung und Hoffnung der Wiederauferstehung inmitten apokalyptischer Zustände. Fast jede Erklärung zieht eine weitere Frage nach sich. Wir sind so vertieft in die Auseinandersetzung mit dem Bild, dass wir richtig zusammenzucken, als wir aufgefordert werden, den Panorama-Saal zu verlassen: Das Museum schließt in einigen Minuten.

23. Okober 2020:  Erfurt – Altstadt und Zitadelle

Abreisetag. Wir werden über Erfurt zurück nach Berlin fahren und in der Hauptstadt des Bundeslandes Thüringen einen Stopp einlegen. Von Bilzingsleben bis Erfurt sind es über Sömmerda ca. 40 Kilometer. Da ich mich in Erfurt relativ gut auskenne, steuere ich direkt das Parkhaus am Domplatz an. Es sind genügend Parkplätze frei. Eine Stunde Parken kostet 2€.

Erfurt: Mariendom und Severikirche

Erfurt ist nicht nur die Landeshauptstadt des Bundeslandes Thüringen, sondern auch mit 214.000 Einwohnern seine größte Stadt. Hier gibt es viel Interessantes zu entdecken. Erfurt hat eine wunderbare historische Altstadt mit vielen kleinen Gassen, Fachwerkhäusern, repräsentative Bürgerhäuser, Restaurants, Cafés und jede Menge kleiner und größerer Läden, die zum Shoppen einladen. Aber Shoppen ist heute nicht das Ziel. Wir schauen uns den Domplatz mit dem Mariendom und der Severikirche an. Das ist ein überaus beeindruckendes Ensemble. Der Dom aus dem 12. Jahrhundert ist der älteste Kirchenbau in Erfurt. Er besitzt 13 Glocken, darunter die Gloriosa, die größte freischwingende, aus dem Mittelalter stammende Glocke der Welt. In diesem Dom wurde Martin Luther als Mönch des Erfurter Augustinerklosters zum Priester geweiht.

Wir möchten uns den Dom auch innen ansehen. So erklimmen wir die 70 Stufen einer Freitreppe, um zum Eingang, dem Triangelportal, zu gelangen. Der erste Eindruck gehört dem 81 Meter hohen Kirchenschiff. Wir schauen uns um. Unmittelbar fallen die wundervollen 18 Meter hohen  Farbglasfenster, die viel Licht hereinlassen, ins Auge. Der Dom besitzt einen barocken Hochaltar und ein über 600 Jahre altes und mit filigranen Schnitzereien verziertes Chorgestühl. Arvid versucht eine Leuchterfigur zu fotografieren. Wer ist das? Auf dem Gürtel des Mannes steht „Wolfram“. Die 1,50 Meter hohe Bronzefigur ist ca. 850 Jahre alt. Der Mann reckt beide Arme hoch. In jeder Hand hält er eine Kerze. Es gibt eine ganze Reihe von Interpretationen, wer dieser Wolfram sei, auch eine Sage, aufgeschrieben von Ludwig Bechstein, erzählt die Büßergeschichte eines Mannes namens Wolfram.

Nach dem Dombesuch wenden wir uns dem benachbarten Petersberg zu. Wir möchten zur Zitadelle. In der barocken Stadtbefestigung laufen die Vorbereitungen für die Bundesgartenschau 2021, sodass nur ein Teil der Zitadelle kostenfrei zu besichtigen ist. Aufgrund der bemessenen Zeit beschränken wir uns auf einen Rundgang des zugänglichen Geländes und genießen den herrlichen Blick über die Altstadt.

Bevor es endgültig in Richtung Heimat geht, machen wir noch einen Abstecher zur berühmten Krämerbrücke, einer Fußgängerbrücke, die den Fluss Gera überbrückt. Und das schon sehr lange. Die Brücke ist eines der ältesten Bauwerke der Stadt und zählt neben dem Dom und der Severikirche zu ihren Wahrzeichen. Das Besondere ist die beidseitige Bebauung der Brücke mit Fachwerkhäusern, in denen neben Wohnungen kleine, aber feine Geschäfte untergebracht sind wie Antiquitäten, Kunsthandwerk, thüringische Spezialitäten, Schmuckwaren, spezielles Holzspielzeug u.a.m. Wir überqueren einmal die Brücke bis zum Wenigemarkt und schauen uns alles an.

Auf dem Rückweg kommen wir am Rathaus vorbei. Hier entdeckt Arvid „Till-Eulenspiegel-Skulptur“. Till sitzt auf einer Säule und unter ihm ein Eselskopf, der über ein Buch gebeugt ist. Laut Sage hat in Erfurt der Schelm den Leuten weißgemacht, dass er einem Esel das Lesen beibringen kann. Ein paar Meter weiter stürmt er zur Kika-Figur „Bert, das Brot“ (der Kinderkanal hat seine Sitz in Erfurt), den er gründlich in Augenschein nimmt und natürlich fotografiert. In der Marktstraße kehren wir im Restaurant „Ristorante-Pizzeria-Eiscafè“ ein. Arvid bestellt sich eine Pizza und bekommt große Augen, als ihm eine überdimensionierte Pizza serviert wird. Nach dieser Stärkung treten wir die Heimfahrt an. Die Fahrt von Erfurt nach Berlin dauert ohne Unterbrechung ca. 3 Stunden.

21

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.