Schwedt an der Oder

Ende Mai 2022 fahre ich zur Jubiläumsgeburtstagsfeier von Hertha nach Schwedt in die Uckermark. Die Feierlichkeiten erstrecken sich über 3 Tage; es wird alles nachgeholt, was Corona in den letzten zwei Jahren verwehrt hat. Um es gleich vorweg zu nehmen: Super-Feierlichkeiten mit vielen interessanten Menschen aus allen Teilen Deutschlands. Durch die abwechslungsreiche Programmgestaltung konnten wir alle auch die Stadt Schwedt näher kennenlernen.

Kurz zur Stadtgeschichte: Schwedt liegt an der Oder, dem Grenzfluss zu Polen, genau genommen an der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße, einem Schifffahrtskanal, der parallel zur Oder verläuft. Zwischen Fluss und Kanal befindet sich eine Polderlandschaft, die zum Nationalpark Unteres Odertal gehört. Stolz trägt Schwedt den Titel „Nationalparkstadt“.

Hier entwickelte sich seit dem 13. Jahrhundert eine für diesen Landstrich typische Ackerbauersiedlung, die das Stadtrecht erhielt. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurde Schwedt fast vollständig zerstört. Kurfürstin Dorothea, zweite Gemahlin des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, erwarb gut 20 Jahre nach diesem Krieg die Stadt und förderte deren wirtschaftliche Entwicklung. Einige Jahre darauf siedelten sich Hugenotten in der Stadt an. Sie brachten den Tabakanbau mit. Schwedt entwickelte sich zu einem Zentrum der Tabakverarbeitung und des Tabakhandels. Die Markgrafen von Brandenburg-Schwedt ließen ein pompöses Stadtschloss errichten, das 1788 in den Privatbesitz des Stammhauses der Hohenzollern überging Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es, wie die gesamte Stadt, stark zerstört. 1962 erfolgte die Sprengung der Ruine. Die wirtschaftliche Nachkriegsentwicklung wird  vor allem von der 1952 gegründeten Papierfabrik und dem 1960 erbauten Erdölverarbeitungswerkes (Petrolchemischen Kombinat Schwedt = PCK) bestimmt.

Eine dreitätige Geburtstagsfeier zu organisieren, erfordert ohne Zweifel Kreativität, Engagement und – Nerven. Das erste Zusammensein findet im häuslichen Garten von Hertha und Thomas statt. Alles ist bestens vorbereitet. Kaffee, Kuchen ohne Ende und viele gute Gespräche. Neugier, Spaß, Lachen, Augenzwinkern – Deutschland kommt sich näher; eine Mikrostudie. Abends ein üppiges Buffet mit einem fleißigen Grillmeister. Alles passt. Die Rückkehr zum Hotel Altstadt Quartier erfolgt erst um Mitternacht.

Schwedt: Jüdischen Ritualbades (Mikwe)

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück finden sich alle Interessierten auf dem Hof eines Jüdischen Ritualbades (Mikwe) ein. Hier erleben wir eine sehr informative Führung zur Geschichte des Tauchbades zur rituellen Reinigung. Direkt an der Stadtmauer zwischen Louis-Harlan-Straße und Gartenstraße befand sich das Gemeindegelände mit der 1862 geweihten Synagoge, die 1938 geplündert und später abgerissen wurde. Auf dem Gemeindezentrum wurde 1871 eine Mikwe erbaut. Das Wort Mikwe ist hebräisch und bedeutet „Sammlung des Wassers“. Das Wasser für eine kultische Reinigungshandlung muss unabdingbar natürlichen Ursprungs und bewegt sein („lebendig“) sein.

Die Mikwe und das Synagogendienerhaus sind heute die Hauptbereiche eines 2010 eröffneten Museumsensembles. Dem Besucher fällt sofort eine große gemauerte Kuppel, auf der eine Laterne steht, ins Auge. 5 Meter unter dieser Kuppel befindet sich das durch eine Quelle gespeiste Tauchbad, in dem man nach der religiösen Tradition dreimal mit dem ganzen Körper, also auch mit dem Kopf, untertauchte und eine kultische Reinigung vollzog. Ehe man die Treppe zum Tauchbad hinunterstieg, unterzog man sich eine Etage höher einer kompletten Reinigung in einem Wannenbad. In dem  ehemaligen Synagogendienerhaus ist eine Ausstellung über die jüdische Alltags- und Sakralkultur der Stadt und insbesondere über Leben und Schicksal jüdischer Mitbürger zu besichtigen.

Nach dem Besuch des Jüdischen Ritualbades ist individuelle Freizeitgestaltung angesagt. Aber Hertha hat vorgesorgt: Für alle, die eine kleine Radtour (auf dem Oder-Radweg?) unternehmen wollen, hat sie Leihfahrräder reservieren lassen. Ich möchte mir das Stadtmuseum und danach den Jüdischen Friedhof anschauen. Das wird mir durch die Museumsleiterin, die auch durch das Ritualbad geführt hat, trotz Schließtag freundlicherweise ermöglicht.

Schwedt: Stadtmuseum

Das Stadtmuseum befindet sich unweit des Jüdischen Ritualbades in einem ehemaligen Bürgerhaus der Jüdenstraße (Nr. 17). Hier erwartet den Besucher eine kleine, aber sehr gepflegte und liebevoll gestaltete Ausstellung zur Geschichte Schwedts und seiner Bürger. Die Stadt erlebte ihren Aufschwung im 17. und 18. Jahrhundert in der so genannten „goldenen“ Markgrafenzeit. Auch der als Freikorpsführer im Kampf gegen Napoleon bekannt gewordenen Major Ferdinand von Schill war einmal in Schwedt, wovon eine seiner Steinschlosspistolen erzählt. Die Museumsleiterin übergibt mir noch den Schlüssel für den Jüdischen Friedhof, meinem nächsten Ziel.

Schwedt: Jüdischer Friedhof

Gegenüber vom Stadtmuseum  entdecke ich einen Fahrradladen. Nichts wie hin und nach einem Leihrad gefragt. Nun steht einer umfangreicheren Erkundung Schwedts nichts mehr im Wege. Zunächst geht es zu Jüdischen Friedhof. Im Judentum kommt dem Friedhof aufgrund des Glaubens an die leibliche Auferstehung eine besondere Bedeutung zu. Der Friedhof liegt direkt an der Bahnlinie und ist von einer Mauer umschlossen. Mit dem mitgebrachten Schlüssel öffne ich das schwere Eisentor und betrete den Friedhof. Viele der Grabsteine tragen auf der Ostseite hebräische und auf ihrer Westseite deutsche Inschriften. Insgesamt sind noch 121 Grabsteine erhalten. Die ältesten stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Schwedt: Tabakbrunnen

Mit dem Rad ist es ein Leichtes, Schwedt zu erkunden. Zurück in der Altstadt schaue ich mir die evangelische Stadtpfarrkirche St. Katharinen (ohne Turmspitze) und die katholische Kirche Mariä Himmelfahrt (mit spitzem Turm) an, die das Stadtpanorama bestimmen. Die evangelische Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist damit das älteste Gebäude von Schwedt. Die katholische Kirche wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts am Vierradener Platz erbaut. Dort sprudelt auch der Tabak-Brunnen, der 2020 von Jan Witte-Kropius neu gestaltet  wurde. Sehr gelungen. Direkt an der Lindenallee steht ein Ende des 18. Jahrhunderts nach Plänen von Georg Wilhelm Berlischky erbauter Pavillon, der den hinzugezogenen Hugenotten als französisch-reformierte Kirche diente. Allemal ein Blickfang und heute ein Ort für kleinere Konzerte. Daniel Auguste Chodowiecki (1758-1838), ein Neffe des berühmten Malers und Kupferstechers Daniel Chodowiecki (1726-1801), wirkte hier 50 Jahre als Pfarrer und setzte sich selbstlos für die Mitglieder seiner Gemeinde ein. So wird erzählt, dass er für die Kirche um eine neue Orgel bat, als er 1833 beim Besuch von König Wilhelm III. mit Zar Nikolaus in Schwedt etwas für sich selbst erbitten durfte.

Schwedt: Theater

Von der Lindenallee hat man einen grandiosen Blick auf das Stadttheater, die Uckermärkischen Bühnen Schwedt, die seit 1978 an der Stelle des ehemaligen Residenzschlosses stehen. Nebenan lohnt sich ein kleiner Spaziergang durch den Europäischen Hugenottenpark, dem ehemaligen Schlosspark, der einstmals von dem Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné (1789-1866) von einem Barockgarten in einen Landschaftsgarten umgestaltet worden ist. Hier ist u.a. ein Modell des Schwedter Stadtschlosses ausgestellt, dass Ausmaße und Pracht des Gebäudes erahnen lassen.  

Schwedt: Juliusturm = Pumpstation

Am Kanal garantiert eine Uferpromenade mit Radweg ein entspanntes Fahren. Am Bollwerk, dem früheren Stadthafen, hat sich vor einem Kiosk eine Schlange gebildet. Beim Näherkommen ist sofort klar warum: Hier wird Eis verkauft. Der Juliusturm wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als Teil eines Klärwerkes erbaut. Architektur und Name assoziieren eine Verbindung zur Spandauer Zitadelle. Weiter geht es vorbei an einer öffentlichen Flussbadestelle und über einen ganz tollen Kinderspielplatz (hier wird das Rad geschoben) bis zur Straße am Holzhafen, wo die Promenade endet. Also umdrehen und zurück bis zum Wassertouristischen Zentrum, wo man übernachten und sich auch Boote ausleihen kann. Bis jetzt hat das Wetter auch gut mitgespielt. Nun aber ziehen dunkle Wolken auf und der Wind nimmt zu. Schnell schlage ich den Weg zu Hertha und Thomas ein, die für den Nachmittag zu einer Runde Kaffee und Kuchen geladen haben. Kaum habe ich das Haus betreten, setzt auch schon der Regen ein. Glück gehabt. Später Ankommende fragen erst einmal nach Handtuch und Fön. Aber das tut der guten Stimmung keinen Abbruch. Getafelt wird kurzerhand im Wohnzimmer.

Schwedt an der Oder: Naturschauspiel

Nach dieser Stärkung, inzwischen zeigt sich auch die Sonne wieder, wenigstens ein bisschen, kehren wir ins Hotel zurück. Eine kurze Pause bevor am Abend die große Feier im Café „Wunderbar“ steigt. Ein fröhliches Beisammensein, bei dem man nicht nur reichlich lecker essen und einen guten Tropfen trinken kann, sondern auch Interessantes aus dem Leben der Jubilarin erfährt.

Eine Kremserfahrt durch die Uckermark bildet am nächsten Vormittag den Abschluss der Feierlichkeiten. Einige der Gäste, so auch ich, starten zur Heimfahrt, einige nehmen an der Kutschfahrt durch die umliegende Natur teil. Alles verläuft so entspannt. Ich empfinde tiefe Freude, dass ich dabei sein durfte.

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