Riesengebirge – Szklarska Poreba

Torsten hatte die Idee, mit mir ein paar Tage ins Riesengebirge zu fahren, einfach so, um abzuschalten und diese Landschaft kennenzulernen. Anlass waren die Erfahrungen, die er und Stefie bei ihren Reisen in unser Nachbarland Polen gemacht hatten. Sie waren immer schlichtweg begeistert. Nach ihren Aufenthalten vornehmlich an der polnischen Ostseeküste sollte es nun das Riesengebirge sein.

4. Oktober 2022: Szklarska Poręba 

Ein sonniger Tag und viel Urlaubsvorfreude. Um 11:30 Uhr starten wir in Richtung Berliner Ring, um auf die A12 zu gelangen. In Frankfurt/Oder passieren wir die Grenze nach Polen. Auf einer nagelneuen Autobahn (A2/E30) und bei relativ wenig Verkehr geht es gut vorwärts. Torsten hat sich wegen dieser neuen Autobahn für die längere Route über Zielona Gora und Legnica entschieden.

Autobahnrasthof Circle

An einem Autobahnrasthof Circle machen wir eine Pause. Betreiber der Gaststätte ist die schweizer Kette Marché. Alles sehr schick und lecker und das (man staune) bei moderaten Preisen. Am Kreuz Jordanowo wechseln wir auf die E65 in Richtung Zielona Gora und Legnica. Bei Swiebodzin (Schwiebus) erblicken eine riesengroße Statue, eine monumentale Christusfigur, die auf einem steht, sodass sie in der flachen Landschaft weithin sichtbar ist. Später lese ich: Die Christus-König-Statue wurde 2010 errichtet. Sie ist in Anlehnung an die 33 Lebensjahre Jesus 33 Meter hoch. Mit der vergoldeten Krone erreicht sie eine Höhe von 36 Meter. Damit ist sogar höher als die weltbekannte Christus-Erlöser-Statue in Rio de Janeiro, die 30 Meter misst.

Ohne weitere Unterbrechung erreichen wir nach ca. 5 Stunden unseren Zielort Szklarska Poreba. Die Bergstadt mit etwa 6500 Einwohnern ist heute ein Touristenzentrum im polnischen Riesengebirge. Im Sommer zieht es Wanderer ins Gebirge, im Winter kommen Wintersportler, die nicht nur die Schneesicherheit schätzen. Hier lebte lange Zeit der Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann (1862-1946), hier wurde der Architekt des Berliner Fernsehturms, Gerhard Kosel (1909-2003), geboren.

Wir logieren im Hotel „Platinum Mountain“. Alles sehr schick und großzügig. Am Abend machen wir einen Spaziergang ins etwa 5 Minuten entfernte Stadtzentrum und halten Ausschau nach einer Gaststätte. Wir werden auch schnell fündig. Im rustikalen Chata Ducha Gór speisen wir nach einem Begrüßungsschnäpschen ganz wunderbar und genießen mit dem Primator Dark ein ausgezeichnetes Bier.
5. Oktober 2022:
Gerhart-Hauptmann-Villa „Wiesenstein“ in Jagniątków (Agnetendorf)

Wandertag. Das Ziel ist Jagniątków. Dort steht die Villa Wiesenstein, in der der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann (1862-1946) 44 Jahre bis zu seinem Tode gelebt hat.

Der Weg führt schnell aus Szklarska Poreba hinaus in den Wald, ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet. Es ist ein sehr angenehmes Laufen auf einem breiten, leicht hügeligen Wanderweg; ab und zu trifft man auf etwas moorige Stellen. In letzter Zeit muss es wohl öfter geregnet haben. Selten begegnen wir anderen Wanderern, eher schon sportlichen Fahrradfahrern. Die Gegend um Szklarska Poreba ist als Fahrradland (rowerową krainą) bekannt. An einer Waldkreuzung stehen ein paar Häuser, darunter eine Galerie. Die Tür zum Grundstück ist offen, aber kein Mensch zu sehen. Schade, dass hätten wir uns gern näher angeschaut. Dafür bestaunen wir die feuerroten Blätter eines Strauchs, die in der Sonne und dem leichten Wind ein wunderschönes Farbspiel entfalten.

Nach einer 8 Kilometer langen Wanderung erreichen wir Jagniątków. In der Michałowicka 32 gegenüber einer Bushaltstelle thront die Villa Wiesenstein. Sie wurde von dem Berliner Architekten Hans Griesebach (1848-1904) auf einem Granitfelsen im Stil der Neorenaissance in sehr kurzer Zeit (1900-1901) erbaut. Der an eine kleine Burg erinnernde Bau befindet sich inmitten eines 1,6 Hektar großen Parks. Übrigens hat der Architekt sein eigenes Haus 10 Jahre zuvor in einem ganz ähnlichen Stil in Berlin, in der damals noch weitgehend unbebauten Fasanenstraße errichtet. Heute ist darin das weltbekannte Kunstauktionshaus „Villa Griesebach“ untergebracht.

Zurück ins Riesengebirge. Wir sind offensichtlich weit und breit die einzigen Besucher. Wer klingelt, dem wird aufgetan. Und tatsächlich wir hören Schritte und die Tür öffnet sich. Wir können uns die Villa anschauen, die Gerhart Hauptmann als seinen Hauptwohnsitz erbauen ließ. 1901 zog er in sein prächtiges Domizil ein. Schon die Eingangshalle zieht Besucher in ihren Bann. In der Villa trafen sich viele Künstler und pflegten einen regen Austausch. Dazu gehörte auch der expressionistische Maler Johannes Maximilian Avenarius (1887-1954), der einige Werke Hauptmanns illustrierte. 1922 malte er die Wände der gesamten Eingangshalle zur „Paradieshalle“ aus, die nach der Sanierung (1999-2001) wieder in voller Pracht erstrahlt und Besucher verzaubert.

Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verstarb Gerhart Hauptmann. Im Museum ist ausführlich dokumentiert, wie der Verstorbene in einer dramatischen, langwierigen  Aktion auf die kleine Ostseeinsel Hiddensee überführt wurde. Hier im Dorf Kloster besaß Hauptmann mit dem Haus Seedorn ein zweites Domizil, heute auch eine Hauptmann-Gedenkstätte. Unweit davon befindet sich der Inselfriedhof, auf dem er seine letzte Ruhe fand.

Jagniątków (Agnetendorf) – Villa Wiesensteim: Am Schreibtisch von Gerhart Hauptmann

Gerhart Hauptmann war ein emsiger Schriftsteller. Er schrieb Gedichte, Erzählungen, Romane und Dramen. Für das soziale Drama „Die Weber“, das den schlesischen Weberaufstand von 1844 zum Inhalt hat, erhielt er 1912 den Literaturnobelpreis. Aber auch solche Werke wie die Diebeskomödie „Der Biberpelz“, die tragische Erzählung „Bahnwärter Thiel“ oder das auch verfilmte Drama „Rose Bernd“ mögen dem einen oder anderen bekannt sein. Hauptmann ist in der gegenwärtigen Kulturlandschaft noch aktuell. So wird zurzeit im Deutschen Theater Berlin das von ihm verfasste Schauspiel „Einsame Menschen“ aufgeführt. Gerhart-Hauptmann-Gedenkstätten befinden sich nicht nur hier in Jagniątków (Agnetendorf), sondern auch in Erkner bei Berlin, auf Hiddensee und in Radebeul. Und nicht zuletzt habe ich das Gerhart-Hauptmann-Gymnasium in Berlin-Friedrichshagen besucht. Der Schriftsteller Hans Pleschinski hat mit seinem 2018 erschienenen Roman „Wiesenstein“ über das Leben Gerhart Hauptmanns in seiner schlesischen Villa ein eindringliches gesellschaftliches Zeitbild gezeichnet.

Bahnhof Jelenia Gora Cieplice

Nach dem Rundgang durch die Villa Wiesenstein peilen wir den Rückweg an, der sich schwieriger als gedacht herausstellt; positiv formuliert: Ein kleines Abenteuer wartet auf uns. Wir laufen durch Jagniątków, kein Mensch zusehen, aber ein Bus, der nach Jelenia Gora fährt. Das ist eine Strecke von ca. 20 Kilometer. Torsten bewältigt den Fahrkartenkauf am Automaten. Wo in Jelenia Gora aussteigen? Wir wollen zum Bahnhof, um mit dem Zug nach Szklarska Poreba zurückzufahren. Zweimal wechseln wir den Bus. Ein freundlicher Busfahrer setzt uns schließlich an einem Bahnhof ab. Laut Fahrplan haben wir noch über eine Stunde Zeit. In einem kleinen Lädchen versorgen wir uns mit etwas Proviant und richten uns auf die Wartezeit ein. Da werden wir auf eine Frau im Bahnwärterhäuschen aufmerksam, die aus einem der oberen Fenster heftig mit den Armen wedelt und uns immer wieder etwas zuruft. Es dauert eine Weile bis wir verstehen: Es fährt kein Zug. Schienenersatzverkehr mit Bus! Was man alles über eine Gestensprache verstehen kann. Wir finden die Haltestelle für den Schienenersatzverkehr. Wieder heißt es eine Stunde warten. Wir sind gerade mit dem Proviant beschäftigt, als plötzlich ein ganz normaler Linienbus mit Zielort Szklarska Poreba hält. Eine glückliche Fügung.

6. Oktober 2022:
Stabkirche Wang in Karpacz und Wanderung auf die Schneekoppe

Von Szklarska  Poreba nach Karpacz sind es je nach Route zwischen 30 und 35 Kilometer. Nach einer guten Dreivierteistunde haben wir mit dem Auto die pulsierende Bergstadt Karpacz (Krummhübel) erreicht. Hier ist viel Neues entstanden, Altes wurde restauriert und das Bauen hat noch kein Ende. Eine sehr lebendige Stadt mit ca. 4500 Einwohnern und ein ausgesprochener Touristenort am Eingang zum Nationalpark „Riesengebirge“. Das Touristische sieht man auf den ersten Blick. Wanderer und Wintersportler finden hier ein weites Betätigungsfeld und Karpacz ist auf Touristen eingestellt.

Unser Ziel ist die Wang Kirche, eine norwegische Stabholzkirche mitten im Riesengebirge. Im 12. Jahrhundert wurde sie im norwegischen Ort Vang erbaut. Im 19. Jahrhundert sollte sie durch eine größere moderne Kirche ersetzt werden. Sie war dem Abriss geweiht. Um dieses historische Bauwerk zu retten, kaufte der norwegische Maler Johan Christian Dahl die Kirche mit dem Ziel, sie im Stadtpark von Oslo wieder aufzubauen. Dieses Vorhaben konnte er jedoch nicht umsetzen. Wohl durch seine Vermittlung kaufte schließlich 1841 der preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Kirche, um sie in Berlin auf der Pfaueninsel aufzustellen. Aber auch dieser Plan wurde nicht realisiert. Die Einzelteile der Kirche wurden schließlich nach Krummhübel ins Riesengebirge transportiert und hier wieder aufgebaut. 1844 fand die feierliche Weihung der Kirche statt.

Eine Stabholzkirche ist vollständig aus Holz ohne eiserne Schrauben und Nägel erbaut und mit vielen Schnitzereien versehen. Die Wang Kirche ist von einem separaten Laufgang, eine Art stilisierter Kreuzgang, umgeben, der Meditationszwecken diente, sich aber auch als ein guter Kälteschutz bewährte. Neben der Kirche erhebt sich ein aus Granit errichteter Glockenturm. Übrigens wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in der Nähe von Goslar im Ort Hahnenklee durch die Initiative des von historischen Stabkirchen begeisterten Architekten Karl Mohrmann (1857-1927) ein adaptiver Nachbau einer norwegischen Stabkirche errichtet.

Karpacz: Wang Kirche-Informationstafel

Nach Besichtigung der Kirche und einen Gang über den kleinen Friedhof, auf dem noch eine Reihe historischer Grabsteine etwas über die Geschichte des Ortes erzählen, fahren wir weiter in Richtung Tschechien. Das zweite Tagesziel ist die Erklimmung der Schneekoppe (Sněžka) – wir denken dabei ein eine gemütliche Fahrt mit einer Kabinenbahn. Die Schneekoppe ist mit 1603 Meter die höchste Erhebung des Riesengebirges. Genau über ihren Gipfel verläuft die Staatsgrenze zwischen Polen und Tschechien. Wir fahren auf die tschechische Seite nach Pec pod Sněžkou. Dort befindet sich die Talstation der im Dezember 2013 eingeweihten neuen Seilbahn. In zwei Abschnitten führt sie auf die Schneekoppe. Der erste Abschnitt führt von Pec nach Růžová hora, der zweite von Růžová hora auf den Berggipfel.

Wir müssen uns gedulden. Die Fahrten finden nur alle halbe Stunde statt. Es herrscht aber auch kein Andrang. Das ist ungewöhnlich. In einem der Prospekte lese ich, dass täglich mit ca. 5000 Touristen zu rechnen ist. Und das stelle für die empfindliche Natur durchaus ein Problem dar, weil im Riesengebirge an der Schneekoppe seltene endemische Tiere und Pflanzen beheimatet sind.

Leider müssen wir erfahren, dass die Bahn nur bis zur Bergstation Růžová hora fahren wird. Wegen Wind (den wir nicht wahrnehmen) wird der zweite Abschnitt nicht befahren. Ich ahne schon Schlimmes: ein langer Berganstieg wartet. Aber jetzt geht setzen wir uns in eine 4-Personen-Kabine und genießen die 5-minütige Auffahrt des ersten Streckenabschnitts.

Dann geht es zu Fuß weiter. Ohne Torstens anspornenden Worte hätte ich mich mit der halben Schneekoppe begnügt. So aber geht es Schritt für Schritt aufwärts, immer mal eine kleine Pause zum Durchatmen (nicht die Beine sind das Problem, sondern das Atmen), weiter und weiter und der Weg ist lang und steinig. Natürlich bin ich froh, irgendwann endlich den Gipfel erreicht zu haben, wenn auch mit großer Anstrengung. Der Gipfel entpuppt sich als Gerölllandschaft. Darauf eine unscheinbare Kapelle aus Holz, ein größeres Gebäude mit Restaurant, aber die sind komplett geschlossen, und einige Grenzsteine, die die Staatsgrenze zwischen Polen und Tschechien markieren.

Wir sind spät dran. Die Zeit sitzt uns im Nacken. Um 18 Uhr geht die letzte Kabinenfahrt ins Tal. Und der Abstieg ist lang. Dafür haben wir eine Dreiviertelstunde Zeit, wollen wir nicht die letzte Bahn verpassen. Das möchten wir uns gar nicht vorstellen. Ein letzter Blick schweift über die herrliche Landschaft des Riesengebirges.

Ich habe mir den Abstieg leichter vorgestellt. Jetzt ist nicht das Atmen das Problem, sondern die Knie. Volle Konzentration. Bloß nicht umknicken. Ich bedauere, nicht meine richtigen Wanderschuhe angezogen zu haben. Das passende Schuhwerk steht warm und trocken im Hotel. Letztlich erreichen wir 10 Minuten vor Abfahrt die Bergstation und sind heilfroh, als letzte Fahrgäste in einer der Kabinen Platz nehmen können. Noch steht uns eine längere Autofahrt zurück nach Szklarska Poreba bevor, die aber Torsten trotz einsetzender Dunkelheit, überraschend auftauchenden Baustellen und manchmal mehrdeutigen Navi-Informationen souverän meistert.
7. Oktober 2022: Wellness-Tag im Hotel

Szklarska Poreba-Platinum Mountain Hotel: Eingangshalle

Nach der gestrigen sportlichen Herausforderung ist heute ein Wellness-Tag geplant. Wozu haben wir auch in einem SPA-Hotel gebucht. Das gilt es jetzt zu entdecken. An der Rezeption liegt ein umfangreicher Wochenplan aus; ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm. Übrigens sind auch viele Aktivitäten für Kinder angeboten.

Die Hotelanlage besitzt für sportliche Aktivitäten und zum Entspannen einen saisonalen Außenpool, einen Innenpool, ein Badebecken für Kinder, Wirlpools, eine Saunalandschaft, ein Fitnesscenter und einen Wellnessbereich. Bademäntel und Handtücher werden kostenfrei gestellt. Für Außenaktivitäten stehen ein Skiverleih und ein Fahrradverleih im Hotel zur Verfügung.

Uns interessieren vor allem die Entspannungsangebote. Deshalb schauen wir uns im SPA-Bereich um. Eine Vielzahl von professionellen Gesichts- und Körperbehandlungen der Premiummarke Dr. Irena Eris stehen zur Auswahl. Wir entscheiden uns für das Massageangebot: Torsten lässt sich mit einer Ganzkörpermassage verwöhnen, ich wähle eine Körpermassage mit warmen Kompressen. Eine Behandlung dauert 50 Minuten und kostet 250 Zloty. Dafür benötigt man einen festen Termin, denn die SPA-Abteilung ist gut besucht. Bis dahin schwimmen wir ein paar Bahnen im Pool und nutzen vor allen den Saunabereich. Nach dem intensiven Verwöhnprogramm ist Ausruhen angesagt. Das tut gut.

Szklarska Poreba: Gaststätte „Brauerei Mariental“

Am frühen Abend machen wir uns auf dem Weg zur Gaststätte „Brauerei Mariental“, an der wir schon oft vorbeigegangen sind und die wir unbedingt noch kennenlernen wollen. Um es vorwegzunehmen, es lohnt sich. Es ist ein angenehmer, lauer Abend. Wir nehmen auf der Veranda Platz, haben einen wunderbaren Blick auf das kleinstädtische Treiben und können ganz vorzüglich speisen (Eisbein und Roulade). In dem noch jungen Brauhaus wird das Bier selbst gebraut. Gratulation. Es schmeckt vorzüglich. Ein Schnäpschen nach Art des Hauses darf nicht fehlen. Ein wunderbarer Ausklang dieser Reise ins polnische Riesengebirge. Morgen geht es zurück nach Berlin.

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