Naturpark „Unteres Odertal“

9. Mai 2021

Der Wetterbericht hatte sich nicht geirrt. Was für ein Tag! Die Sonne meint es plötzlich außerordentlich gut. Beste Bedingungen für unsere geplante Radtour im Naturpark „Unteres Odertal“. Dieser Nationalpark ist der einzige des Landes Brandenburg. Er liegt in den Landkreisen Uckermark und Barnim. Schwedt, unser Ziel, ist die größte Stadt im Nationalpark.

Mit dem Fahrrad von Berlin-Hermsdorf nach Schwedt sollte mit ÖNVP kein Problem sein. Ich kaufe eine Tagesfahrkarte für mich und mein Rad online. Die Codes erscheinen auf dem Handydisplay.

Nun kann es losgehen. Mit der S-Bahn von Hermsdorf nach Gesundbrunnen. Ein großer Bahnhof mit jeweils nur einem Fahrstuhl für jeden Bahnsteig. (Wer hat denn so etwas konzipiert?) Wir sind nicht allein mit der Idee, bei diesem schönen Sommerwetter im Grünen zu radeln. Das merke ich spätestens am Lift.

Endlich auf Bahnsteig 9. 10:36 geht es mit dem Regionalzug RE3 in Richtung Stralsund. Der Zug ist unglaublich voll und überall Fahrräder. In Angermünde heißt es umsteigen. Na hoffentlich klappt es aus dem Gewühl mit dem Rad herauszukommen. Aber irgendwie funktioniert es. Die RB61 nach Schwedt wartet bereits auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig. Schnell zum Lift. Die Zugbegleiterin winkt schon: Beeilung! 

Gedenkstein „König Gustav Adolf“

Nach knapp 1,5 Stunden steigen wir in Schwedt-Mitte aus. Doch wo entlang? Eine erste Orientierung ermöglicht eine große Informationstafel. Links abbiegen und ein Stück entlang der Bahn, dann wiederum links auf eine größere Straße, die auf eine größere Kreuzung führt. Dort halten wir uns wieder links und radeln auf dem Fahrradweg der Berliner Straße durch Schwedt. Am Park Heinrichslust entdecken wir einen Gedenkstein, der dem schwedischen König Gustav Adolf gewidmet ist.

König Gustav II. Adolf von Wasa (1594-1632)  führte im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) das protestantische Heer gegen die kaiserlich-katholischen Truppen unter Wallenstein. Er ließ 1631 in Heinrichslust ein Feldlager errichten, um die von Sachsen an die Ostsee führende alte Handelsstraße „Via regia“ kontrollieren zu können. Als er am 6. November 1632 in der Schlacht bei Lützen fiel, wurde sein Leichnam an die Ostsee nach Wolgast gebracht. Der Leichenzug passierte am 16. November 1632 Schwedt. Von Wolgast aus wurden die sterblichen Überreste nach Schweden überführt.

Das hätte ich in Schwedt nicht erwartet – auf den Heerführer der protestantischen Union im Dreißigjährigen Krieg, den Gründer der Stadt Göteborg und den Auftraggeber der legendären „Vasa“, ein prestigeträchtiges Kriegsschiff, das 1628 bei seiner ersten Probefahrt noch im Hafenbereich von Stockholm gesunken ist, zu treffen. Manchmal ist die Welt doch klein.

Eine Viertelstunde später überqueren wir den Hohensaaten-Friedrichsthaler-Kanal und stehen vor dem Nationalpark Unteres Odertal. Der Oderbruch ist ein Polder, ein Flussauengebiet, das sich durch eine bis ins 18. Jahrhundert zurückgehende Eindeichung der Oder herausgebildet hat und etwas unter dem Wasserspiegel der Oder liegt. Die Polderlandschaft ist ein natürlicher Hochwasserschutz und Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen.

Nationalpark Unteres Odertal

Wir biegen ab auf den Fahrradweg, der dem Deich des Hohensaaten-Friedrichsthaler-Kanals folgt. Linkerhand der Kanal, rechterhand die mit Wasserläufen durchzogenen Polderwiesen. Der Fahrradweg ist gut befestigt. Auf seiner ebenen Oberfläche ist ein leichtes Radeln. Jetzt treffen wir nur noch ab und zu auf Menschen, die in der Regel wie wir mit dem Fahrrad unterwegs sind. Es eröffnet sich ein ungeahnter Weitblick, man genießt eine himmlische Ruhe und heute auch noch viel, viel Sonne, dazu ein laues Lüftchen. Einfach perfekt. An einem der Rastpunkte machen wir Halt für einen kleinen Imbiss, den wir vorsorglich mitgebracht haben.

 

Die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße fließt in die Alte Oder

Dann geht es weiter bis Friedrichsthal. Hier fließt der Kanal in die Alte Oder. An dieser Stelle müssen wir den Fahrradweg verlassen. Der ist wegen Bauarbeiten geschossen. Eine Umleitung ist ausgewiesen. Die angegebenen 5 Kilometer fühlen sich länger an. Aber das ist ja bei unbekannten Strecken oft so. Jedenfalls führt der Weg durch Wald und Flur, hier vor allem durch eine meliorierte Landschaft.

Das Ziel ist Gartz, eine Kleinstadt mit ca. 2500 Einwohnern. Zunächst viele neue Einfamilienhäuser, fast wie eine separate Siedlung. Dann erreichen wir den Mühlenteich. Kurz dahinter wartet eine Überraschung: Die Reste einer gewaltigen Stadtmauer mit Pulverturm, Durchgang und Storchenturm. Das hatte ich nicht erwartet.

Ein paar Schritte bzw. Radumdrehungen weiter zeigt sich eine große gotische Backsteinkirche. Die Stadtkirche St. Stephan wurde im II. Weltkrieg stark zerstört, wie überhaupt viele unbebaute Stellen in Gartz auf starke Kriegsschäden hinweisen. Doch hier die nächste Überraschung. Teile der Kirchenruine, wie der Chor und das Langhausjoch, wurden wieder ausgebaut und werden als Kirche genutzt. Auch der Kirchturm wurde wieder aufgebaut.

Ein weiteres offensichtlich sehr altes Gebäude fällt auf. Eine Informationstafel klärt auf: Es handelt sich um das ebenfalls im gotischen Stil erbaute ehemalige Heilig-Geist-Hospitalkapelle. Von hier aus fällt der Blick auf ein großes Stadttor. Die Stadtmauer hatte einst vier derartige Tore, davon blieb nur eines erhalten, das Stettiner Stadttor. Wir passieren das Stadttor und staunen (schon wieder): Das Rathaus befindet sich außerhalb der Stadtmauern. Ungewöhnlich. Aber vielleicht auch nicht. Das Gebäude als Amtsgericht und Gefängnis errichtet und erst nach dem ii. Weltkrieg zum Rathaus umfunktioniert. Das ursprüngliche Rathaus wird wohl dem Krieg zum Opfer gefallen sein wie viele andere Gebäude dieser Stadt auch. Die Wunden sind noch deutlich zu sehen.

Feldweg nach Geesow

Wir ändern unsere Absicht weiter nach Mescherin (warum eigentlich?) zu fahren, sondern schlagen einen Feldweg in Richtung Geesow ein. Im Nachgang bedauere ich diese Entscheidung nicht zuletzt, weil sich dieser Feldweg als überaus schwer befahrbar herausstellt, holprig, sandig, steinig. Eben ein Feldweg. Darüber können auch nicht die ihn säumenden herrlich blühenden Kirschbäume hinwegtrösten. Aber auch dieser Weg ist einmal zu Ende.

Bahnhof in Tantow

Auf dem ehemaligen Bahndamm der von 1913 bis 1945 betriebenen Bahnstrecke Gartz-Tantow radeln wir in Richtung Tantow. Das ist eine Gemeinde mit etwas mehr als 800 Einwohnern, die schon seit 1843 einen Bahnhof besitzt und der ist unser Ziel. Noch ist etwas Zeit ehe die Regionalbahn einrollt und die Rückfahrt über Angermünde beginnt. Alles wie gehabt, auch die überfüllten Zugabteile. Aber letztlich kommen wir gut in Berlin an und haben ein beeindruckendes Naturerlebnis im Gepäck.

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