Mecklenburg

Vorgeschichte

Seit über einem Jahr bin ich Mitglied der Winckelmann-Gesellschaft. Diese Gesellschaft hat ihren Sitz in Stendal, dem Geburtsort des Namensgebers. Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) gilt als ein Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und Kunstgeschichte. Sein Vorbild war die griechische Antike, sein Ideal „edle Einfalt und stille Größe“. Ich erinnere mich gut an die Interpretationen dieses Leitgedankens im gymnasialen Deutschunterricht.

Zum ersten Mal nehme ich an einer Exkursion der Gesellschaft teil. Sie findet vom 1. bis 3. Juli 2022 statt und führt an verschiedene, historisch interessante Orte in Mecklenburg: Hohenzieritz, Stavenhagen, Carwitz, Dobbertin und Schwerin. Anschließend besuche ich Lotti in Waren an der Müritz, d.h. die Erkundungstour durch Mecklenburg wird fortgesetzt: Ankershagen, Havelquelle, Mirow und Basedow.

1. Juli 2002: Schloss Hohenzieritz

Nach individueller Anreise trifft sich die Exkursionsgruppe um 13 Uhr vor dem Schloss Hohenzieritz, der ersten Station der Exkursion, einstmals Sommerschloss des Herzogs Karl von Mecklenburg. Hier starb am 19. Juli 1810 ganz unerwartet seine Tochter, Königin Luise von Preußen, im Alter von 34 Jahren. Damit war Schloss Hohenzieritz plötzlich ein landesweit bekannter Ort.

Da sich am Himmel dunkle Wolken zusammenziehen, wird der Rundgang durch den Schlosspark verkürzt und die Schlossbesichtigung vorgezogen. Vor uns liegt einer der ältesten im englischen Stil angelegten Landschaftsgärten. Der Herzog hatte den englischen Gartenarchitekten Archibald Thomson damit beauftragt, einen Park anzulegen, der sich in die umgebende hüglige Natur einschmiegt. So wird der Park von kaum sichtbaren Feldsteinmauern, von so genannten „Ahas“ begrenzt, die einen unverstellten Blick in die Ferne ermöglichen. Wir spazieren zum Luisen-Tempel. Auf einem Hügel wurde ein kleiner überdachter, auf acht Säulen ruhender  Rundbau errichtet, in dessen Mitte sich eine Marmorbüste der Königin befindet. Weiter geht es zur Schlosskirche, die etwas versteckt hinter Bäumen an der Schlossauffahrt steht. Der 12×12 Meter große Rundbau mit Kuppeldach wurde 1806 im klassizistischen Stil erbaut.

Schloss Hohenzieritz

Der Regen setzt ein, alle streben schnell zurück ins Schlossgebäude. Hier erfahren Details über die Geschichte des Schlosses, die Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. In seiner Blütezeit war das Schloss ganz im Zeitgeschmack kostbar ausgestattet. Diese inzwischen historische Einrichtung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geplündert und zerstört. Heute zeugen von dem einstmaligen Glanz noch einige Fotografien, die im Hause ausgestellt sind, eine kleine wieder freigelegte Wandmalerei oder ein Tapetenrest.

Auch das Sterbezimmer der Königin blieb von den Zerstörungen nicht verschont. In den 1990er Jahren wurde es in Anlehnung an seine Gestaltung von 1885 rekonstruiert. Jetzt gehört es mit zwei weiteren Räumen zur Luisen-Gedenkstätte. In ihm sind der Sarkophag und das von dem Bildhauer Christian Daniel Rauch (der übrigens auch mal ihr Kammerdiener war) aus weißem Marmor geschaffene Kopfstück der Königin Luise ausgestellt. Zwei Türlaibungen stellen ein ganz besonderes Gästebuch aus dem späten 18. Jahrhundert dar. Auf den Autographentafeln sind hochrangige Gäste, darunter der deutsche Kaiser, mit ihrer Körpergröße und dem Datum ihres Besuches verewigt. Neben der Luisen-Gedenkstätte ist im ehemaligen Schloss die Verwaltung des Müritz-Nationalparks untergebracht. Die Gedenkstätte ist öffentlich und kann besichtigt werden. Der Eintritt kostet 3€, ermäßigt 2€.

Mit einem Besuch des benachbarten Kastellanhauses, in dem man sich ausführlich insbesondere über die Geschichte des Schlossparks informieren kann, schließen wir den ersten Exkursionstag ab. Von hier aus fahren wir in das nur 13 Kilometer entfernte Neustrelitz. Die nächsten zwei Nächte werden wir im Hotel Fasanenhof verbringen. Das Abendessen erfolgt individuell. Ich schließe mich der Gruppe an, die im „Wild Wasser“ am Stadthafen Plätze reservieren konnte.

2. Juli 2022: Fritz-Reuter-Museum in Stavenhagen
und Hans-Fallada-Museum in Carwitz

Nach dem Frühstück im Hotel Fasanenhof wartet um 9:30 Uhr schon der Bus, um die Exkursionsteilnehmer zum Schloss in Hohenzieritz zu bringen. Hier findet ein Kolloquium zum Thema „Winckelmann und Mecklenburg“ in Kooperation mit den Staatlichen Schlössern und Gärten Mecklenburg-Vorpommern statt. Es sind vier Vorträge je 45 Minuten vorgesehen. Letztlich kommen wegen Überschreitung des Zeitlimits nur drei Referenten zu Wort. Um 10 Uhr beginnt der erste Vortrag. Frau Dr. Bocher referiert zum Thema „Großherzog Georg und der Antikenenthusianismus am Beispiel der Orangerie in Neustrelitz“. Es schließen sich die Ausführungen von Frau Dr. Ströbl an, die sich mit Besonderheiten fürstlicher Grablegung in der Johanniter-Kirche zu Mirow auseinandersetzt. Nach dem dritten Vortrag, der von der Leiterin der Bibliothek des Winckelmann-Museums in Stendal, Frau Dr. Kunze gehalten wird, drängt die Zeit zum Aufbruch. Um 14 Uhr ist unsere Gruppe im Fritz-Reuter-Museum in Stavenhagen angemeldet. Und eine kleine Mittagspause muss auch noch eingeplant werden.

„Exkursionsbus“

Stavenhagen ist knapp 50 Kilometer von Hohenzieritz entfernt. Nach 45 Minuten erreicht unser Bus den Parkplatz in Stavenhagen. Das ist eine Kleinstadt mit knapp 6.000 Einwohnern. Wir haben eine knappe Stunde Zeit für ein Mittagessen. Ich schließe mich der Gruppe an, die zur griechischen Gaststätte im Hotel Kutzbach geht. Bei dem schönen Wetter nehmen wir draußen Platz. Auf dem Dach des Hauses hat ein Storchenpaar sein Nest gebaut. Schon werden die Kameras gezückt. Dann kommt das Essen.

Um 14:15 Uhr beginnt eine sehr engagierte und sachkundige Führung durch das Fritz-Reuter-Literaturmuseum, das sich im ehemaligen Rathaus am Marktplatz Nr. 1 befindet. Fritz Reuter wurde eben in diesem Haus am 7. November 1810 in Stavenhagen als Sohn des Bürgermeisters geboren. In dem 1946 gegründeten und später mehrmals erweiterten Museum – die letzte umfangreiche Sanierung und Neugestaltung fand 2001 statt – wird das Leben des bedeutenden norddeutschen Schriftstellers dokumentiert. Der Name Fritz Reuter ist unweigerlich mit der niederdeutschen Sprache verbunden, die Sprache, in der er seine Werke verfasste, so zum Beispiel „Läuschen und Rimels“, „Ut de Franzosentid“, „Ut mine Festungstid“, „Dörchläuchting“.

Neben biografischen Dokumenten sind in dem Museum Originalhandschriften, von ihm gemalte Bilder (ursprünglich wollte er Maler werden), auch Gegenstände aus seinem häuslichen Besitz zu besichtigen. Alle diese Dokumente sind in das zeithistorische Geschehen anschaulich eingeordnet. Beim Durchgang durch das Museum und mit den entsprechenden Erklärungen wird klar, Reuter führte ein sehr bewegtes Leben. Mit 23 Jahren wurde er verhaftet, drei Jahre später als Mitglied der verbotenen Burschenschaft Germania wegen Hochverrat und Majestätsbeleidigung zum Tode verurteilt. Gleichzeitig wurde er zu 30 Jahren Festungshaft begnadigt. 1840 erfolgte seine Freilassung. Es ist erstaunlich, wie er als junger Mensch nach einer solchen Erfahrung so schöpferisch ins Leben zurückgefunden hat, wenn auch die Zeit deutliche Spuren hinterlassen hat. So brachte ihn seine Alkoholabhängigkeit immer wieder in schwierige Situationen. 1863 zog Reuter, inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller, ins thüringische Eisenach in eine sehr repräsentative Villa (heute das Reuter-Wagner-Museum) am Fuße der Wartburg um, wo er 11 Jahre später mit 64 Jahren starb.
Es wartet noch ein zweites Schriftstellermuseum auf unseren Besuch. Der Bus bringt uns nach einer guten Stunde Fahrt in das ca. 70 Kilometer entfernte Carwitz, wo sich das Hans-Fallada-Museum befindet.

Unter dem Pseudonym Hans Fallada hat Rudolf Ditzen (1893-1947) seine Romane veröffentlicht, gesellschaftskritische Romane, die gewiss einem großen Publikum bekannt sind: „Kleiner Mann – was nun?“, „Wer einmal  aus dem Blechnapf frisst“, „Wolf unter Wölfen“, „Der eiserne Gustav“. Und wer das Buch nicht gelesen hat, kennt vielleicht die Verfilmung.

1933 kaufte Fallada das 1,5 Hektar große Grundstück mitten in der Feldberger Seenplatte am Carwitzsee. Ein idyllischer Ort. Hier lebte der Schriftsteller mit seiner Familie bis 1944. Heute ist in diesem Haus das Hans-Fallada-Museum untergebracht. Man hat versucht, bei der Möblierung der einzelnen Räume  möglichst eng an der Originalausstattung zu bleiben. Das gilt auch für das Grundstück: Das originalgetreu Dreiecksbeet, das immer seine Frau bepflanzt hat, sein denkmalgerecht saniertes Bienenhaus, der originalgetreue Nachbau des Bootshauses mit der „Sitzecke am Seeufer“ und die Streuobstwiese.

Fallada war nicht nur ein bekannter Schriftsteller, auch als Landwirt war er erfolgreich. Aber auch seine Biografie weist viel Schatten auf. Etliche Male war er wegen seiner Alkohol- und Morphiumsucht in Entzugskliniken, Sanatorien, in einer Nervenheilanstalt und sogar im Gefängnis.

Auch hier im Hans-Fallada-Museum erlebt unsere Gruppe eine wunderbare Führung und das in einer ganz herrlichen Landschaft. Neben Führungen bietet das Museum literarische Spaziergänge, Lesungen und Vorträge an. Schade, dass schon wieder die Zeit drückt. Und ich hätte beinahe noch meinen Rucksack vergessen. So sehr war ich mit meinen Gedanken in einer anderen, längst vergangenen Zeit. Nun aber schnell der Gruppe hinter. Der Bus wartet bereits. Um 19:30 Uhr sind wir zurück im Hotel in Neustrelitz.

3. Juli 2022: Kloster Dobbertin und Schweriner Schloss

Am Sonntag endet die Exkursion der Winckelmann-Gesellschaft mit einer Besichtigung des ehemaligen Klosters in Dobbertin und einer Führung durch das Schweriner Schlossmuseum.

Der Exkursionsbus startet 9:15 Uhr. Es verspricht wieder ein sonniger Tag zu werden. Wir genießen die schöne Landschaft Mecklenburgs während der fast zweistündigen Busfahrt. Das ehemalige Kloster liegt am Rande der Gemeinde Dobbertin im Landkreis Ludwigslust-Parchim; gut 1000 Menschen leben hier, die sich der besonderen Geschichte ihres Lebensortes sehr wohl bewusst sind, wie entsprechende Webseiten zeigen.

Dobbertin: Klosteranlage-Klosterhauptmannhaus (Amtshaus)

Der Bus hält auf einem großen Parkplatz. Den Besucher erwartet eine großzügige, liebevoll vollständig restaurierte Klosteranlage, die heute unter Denkmalsschutz steht. Die Führung beginnt auf dem Amtsplatz vor dem Klosterhauptmannhaus (Amtshaus), dem Verwaltungssitz der Klosteranlage. Im Gegensatz zu den allen anderen Gebäuden, die aus roten Backsteinen errichtet worden sind, hat das Amtshaus eine weißgetünchte Fassade, so dass es sofort – auch durch seine Größe und den prominenten Ort – auffällt. Hier erfahren wir während einer einstündigen Führung etwas über die Geschichte der Anlage:

Dobbertin: Klosteranlage-Lageplan

Das Anfang des 13. Jahrhundert von Benediktinermönchen gegründete Kloster war an die 350 Jahre ein mittelalterliches Nonnenkloster. Im Zuge der Reformation wurde es ab 1572 in ein Damenstift umgewidmet. Und das nach jahrelangem, hartnäckigem Widerstand der Nonnen. Ein Damenstift ist eine religiöse Lebensgemeinschaft für Frauen in einer klosterähnlichen Anlage, ohne dass diese ein religiöses Gelübde ablegen. Geleitet wird ein solches Stift durch eine Vorsteherin, eine so genannte Domina („Herrin“). Die Stiftsmitglieder werden als Konventualinnen oder Kanonissen bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam das Kloster als Altenheim und Nervenklinik eine neue Funktion. Seit 1991 ist es ein Diakoniewerk, in dem Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung wohnen und betreut werden. Für diesen Zweck wurden die „Damenhäuser“, die Klausurgebäude, Kreuzgänge und Kirche sowie Wirtschafts- und Funktionsgebäude unter Beachtung des Denkmalschutzes aufwendig saniert.

Dobbertin: Klosteranlage-Ständeordnung

Weiter geht es zum ehemaligen Brauhaus. Hier befindet sich im Dachgeschoss eine Ausstellung zum Klosteramt Dobbertin. Wir erfahren, dass im Brauhaus nicht nur Bier gebraut wurde. Gerichtsverhandlungen unter Leitung des Klosterhauptmanns fanden im Erdgeschoss statt. Im Zuge einer Erweiterung des Gebäudes wurden unter dem Dach für das Kloster-Amtsgericht eine Gerichtsdienerwohnung und vier Gefängniszellen eingerichtet. In diesen Zellen können wir eine Reihe von Inschriften ehemaliger Gefangener lesen. Die hier Inhaftierten waren keine Schwerverbrecher, wie die geahndeten Verfehlungen zeigen. Über vieles muss man heute schmunzeln. Allerdings gibt es auch ein sehr düsteres Kapitel: Im Klosteramt wurden im 17. Jahrhundert 25 Hexenprozesse verhandelt. Neun Prozesse endeten mit einem Todesurteil durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen in Dobbertin.

Die gesamte in einem fast 17 Hektar großen Park befindliche Anlage liegt ganz idyllisch auf einer Halbinsel am Ufer des Dobbertiner Sees. Ein herrlicher Ausblick. Richtig beruhigend. Auf der Landseite erreichen wir zwei Häuser der Konventualinnen („Damenhäuser“). Die Wohnungen in diesen Häusern waren äußert großzügig: Separater Zugang, sechs bis acht Zimmer, Diele, Küche, Speisekammer, Keller, Vorgarten, Dachkammer. Den Damen fehlte es an nichts. Sie hatten ihre Bediensteten und in ihrer Freiheit waren sie auch nicht eingeschränkt.

Im Rücken dieser beiden Damenhäuser stehen vier Klausurgebäude mit Einliegerwohnungen und in unmittelbarer Nachbarschaft erhebt sich die neugotische Klosterkirche mit ihren Zwillingstürmen. Wir können die Kirche besichtigen, ein langgestrecktes Schiff mit einer einstmals für die Nonnen gedachten separaten Empore, In der restaurierten Kirche kann man anhand der Wappen und adligen Namen nachvollziehen, wer hier gelebt hat. Wir durchlaufen ein Stück des Kreuzgangs und werfen einen Blick in das Refektorium, dem ehemaligen Speisesaal.

Eine Stunde ist schnell vorüber. Es wird auf die Uhr geguckt. Die Führung war ein Abriss verdichteter Geschichte: Von einem mittelalterlichen Nonnenkloster über ein nachreformatorischen Damenstift zu einer diakonischen Einrichtung.

Der Bus ist startklar. Von Dobbertin fahren wir in das 55 Kilometer entfernte Schwerin, die Landeshauptstadt des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Wieder eine beschauliche Fahrt durch eine hüglige, von der Sonne umschmeichelten Landschaft. Nach gut einer  Stunde setzt uns der Busfahrer direkt vor dem Schweriner Schloss ab; ein märchenhaft aussehendes Schloss auf einer Insel im Schweriner Sees, das wohl jeden Betrachter sofort in seinen Bann zieht.

Schloss Schwerin mit Burggarten und Orangerie entstand im 19. Jahrhundert als Um- und Neubau einer über 1000 Jahre alten Schlossanlage, verrät ein Informationsfaltblatt. Einstmals Machtzentrum mecklenburgischer Herrscher tagt heute der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern in diesem Gebäude. In einem Schlossmuseum (Eintritt 8,50€) können sich Besucher über die Geschichte von Schloss und Park informieren.

Unsere Gruppe begibt sich unter fachkundiger Leitung auf einen Rundgang durch das Schlossmuseum. Wir erfahren: Der Schlossbau wurde 1845 vom Großherzog Friedrich Franz II.  (1823-1883) in Auftrag gegeben. Bekannte Architekten, neben dem Hofbaumeister Georg Adolf Demmler (1804-1886) waren Friedrich August Stüler (1800-1865), Gottfried Semper (1803-1879) und Hermann Willebrand (1816-1899) – für die Schlosskirche vornehmlich Ernst Friedrich Zwirner (1802-1861) – an dem Projekt beteiligt. Ihre Ideen führten zu der im Stile des Historismus errichteten prächtigen Schlossanlage. Ab 1990 erfolgte eine umfassende Renovierung, sodass das Schloss wieder im alten Glanz erstrahlt. Zu seiner Einmaligkeit tragen u.a. 15 unterschiedliche Türme bei; der höchste misst 32 Meter.

Auf drei Etagen ist das Schlossmuseum untergebracht. In der Beletage sind Wohngemächer des Großherzogs und seiner Familie, Repräsentationsräume und Festsäle, natürlich auch der opulent ausgestattete Thronsaal, zu besichtigen. Nach der Erfahrung in Schloss Hohenzieritz bin ich erstaunt, wie gut die Räumlichkeiten mit historischen Möbeln, Gemälden, Skulpturen, Stuckverzierungen und Intarsienfußböden ausgestattet sind. Alles von Feinsten. Unser Gang führt uns durch Speise-, Tee-, Blumen- und Sagenzimmer, Bibliothek sowie die Silvestergalerie. Vor dem Thronsaal befindet sich ein ebenfalls sehr prunkvoll ausgestatteter Saal, der im 19. Jahrhundert als Ahnengalerie mit 31 Porträts der Herzöge aus dem 14. bis zum 18. Jahrhundert entstanden ist. Ein Stammbaum zeigt die Ahnenreihe bis zum slawischen Obotritenherrscher  Niklot (um 1100-1160) auf. Ein monumentales Reiterstandbild dieses Fürsten ist in die Frontfassade des Schlosses eingelassen. In den ehemaligen fürstlichen Kinderzimmern kommen Porzellanliebhaber auf ihre Kosten. Wer an historischen Waffen interessiert ist, kann eine umfangreiche Sammlung von Jagd- und Prunkwaffen in der Waffenhalle bestaunen. Eine ganz erstaunliche Führung, die ich so nicht erwartet hätte, die sich aber sicher nachhaltig einprägt.

Bevor wir uns auf die Rückweg zum Bus begeben müssen, haben wir noch etwas Zeit, einen Blick in den Schlossgarten und die Orangerie zu werfen; eine romantische Anlage mit Säulenhof, Grotte, Pavillon und wunderschön angelegten Blumenbeeten am Fuße des Schlosses mit Blick auf den Schweriner See. In der Orangerie erwartet heute ein Café nicht nur Schlossbesucher. Für den Schlosspark bleibt keine Zeit mehr. Hierfür sollte man schon einen halben Tag einplanen, will man alles in Ruhe sehen und genießen.

Es ist 16 Uhr. Über die Schlossbrücke geht es zum Bus, der in unmittelbarer Nachbarschaft dort hält und alle Rückfahrwilligen aufnimmt. Nach zwei Stunden endet unsere Reise vor dem Hotel Fasanenhof. Ich hole meinen in der Rezeption deponierten Koffer und mache mich, jetzt mit dem eigenen Auto, auf den Weg nach Waren zu Lotti. Morgen wollen wir die Erkundungstour durch Mecklenburg fortsetzen.

4. Juli 2022: Schlossinsel in Mirow

Gleich nach dem Frühstück geht es los. Lotti hat vorgeschlagen, nach Mirow zu fahren, weil es dort historisch Interessantes zu entdecken gäbe. Ich bin gespannt. Von Waren nach Mirow braucht man mit dem Auto eine knappe Stunde. Mirow, eine Kleinstadt im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte mit ca. 3.500 Einwohnern, ist mit Flüssen und Kanälen mit der Müritz, dem größten Binnensee Deutschlands, verbunden. Ein idyllischer Ort mit einem passenden Namen: „Mirow“ ist slawischen Ursprungs und bedeutet „Frieden“.

Im Schlossmuseum (ehemaliges Schloss) erfahren wir etwas über die Geschichte der Schlossanlage: Vor etwa 800 Jahren gründeten Ritter des Johanniterordens am Südostende des Mirower Sees auf einer Halbinsel eine Komturei, in deren Umfeld sich bald ein Dorf entwickelte. Die Herzöge von Mecklenburg-Strelitz ließen hier ein Schloss als Nebenresidenz und ein Kavalierhaus für den Hofstaat  errichten und einen Englischen Landschaftsgarten anlegen. Anfang des 14. Jahrhunderts wurde eine gotische Backsteinkirche erbaut und Johannis dem Täufer, dem Schutzpatron der Johanniter, geweiht. 200 Jahre später wurde die Halbinsel durch einen Graben vom Festland getrennt und wie eine Festung ausgebaut. Wall, Graben und Torhaus mit Brücke zeugen bis heute von der Befestigung und dem Inselcharakter.

Als 1742 nicht nur die Kirche, sondern alle Gebäude auf der Insel durch Blitzschläge völlig ausbrannten, erfolgte ein zeitnaher Wiederaufbau im barocken Stil. Die Kirche wurde zur Schlosskirche. In der Gruft ist u.a. Herzog Adolf Friedrich IV. (1738-1794) beigesetzt, der von 1753 bis 1794 das Herzogtum Mecklenburg-Strelitz regierte und  als eine Art trauriger Titelheld („Gewitterherzog“) in der satirischen Erzählung „Dörchläuchting“ („Durchlaucht“) von Fritz Reuter (1810-1874) zwar eine gewisse Unsterblichkeit, vor allem aber wohl einen zweifelhaften Ruhm erlangt hat.

Die Museumsräume sind neu saniert. Audienzzimmer, das Große Kabinett, das Tapetenzimmer und nicht zuletzt der beeindruckende barocke Festsaal mit seinen originalen Stuckdekorationen. Viele wertvolle Möbel und Gemälde sowie kostbare handgestickte und zum Teil rekonstruierte Tapeten sind zu bewundern.

Gleich hinter dem Schloss führt eine schmiedeeiserne Brücke auf die so genannte Liebesinsel. Nach dem Museumsrundgang machen wir einen Abstecher auf dieses beschauliche Fleckchen Erde, wo sich auch das Grabmal des letzten Großherzogs Adolf Friedrich VI. befindet.

Anschließend lassen wir uns im Café des ehemaligen Kavalierhauses, heute als „Drei Königinnen Palais“ bezeichnet, nieder. Dieses Gebäude steht direkt dem Schloss gegenüber. Hier befindet sich eine interaktive Ausstellung zu den drei Königinnen aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz: Durch Heirat wurden drei Prinzessinnen europäische Königinnen:  Sophie Charlotte, Schwester des oben genannten „Gewitterherzogs“ Adolf Friedrich IV. und später  Gemahlin  des englischen Königs Georg III., wurde Königin von Großbritannien und Irland, Louise heiratete den preußischen König Wilhelm III. und wurde somit Königin von Preußen, die mit nur 34 Jahren auf Schloss Hohenzieritz verstarb, und ihre Schwester Friederike wurde in ihrer dritten Ehe durch ihren Ehemann Herzog Ernst August Königin von Hannover.

Schloss Mirow hat sicher viele hochrangige und berühmte Gäste gesehen. Darunter auch den preußischen König Friedrich II., bekannt als Friedrich der Große (1712-1786), der etwas geringschätzig auf das Haus Mecklenburg-Strelitz blickte und die Dynastie abschätzig als „Mirokesen“ bezeichnete.

Mirow-Johannitermuseum-Johannitergewand

Nach der leckeren Soljanka im Schlosscafé sind wir gut gestärkt. Jetzt schauen wir uns die Johanniterkirche mit ihrem 41 Meter hohen Erlebnisturm an. In dem gotischen Backsteinbau gibt es eine Menge zu entdecken. Auf der Rückseite der Aufstiegskarte ist eine Übersicht über die Themen auf den fünf Ausstellungsetagen sowie für die Aussichtsplattform eine Orientierung, was entlang der Himmelsrichtungen zu sehen ist, abgedruckt. Eine prima Idee! Wir klettern 142 Stufen hoch, um zur Aussichtsplattform, die sich 29 Meter über dem Erdboden befindet, zu gelangen. In der ersten und zweiten Etage ist das Johannitermuseum untergebracht. Texttafeln, Bilder, Unikate, Modelle informieren und veranschaulichen Wesen und Geschichte des Johanniterordens, dem ältesten geistlichen Ritterorden. Hier ist auch zu lesen: Zeichen der Johanniter war das achtspitzige weiße Kreuz, das auf Kutte und Mantel getragen wurde. In der über tausendjährigen Geschichte hat es viele Umbrüche und Neuorientierungen gegeben. Aber das Leitbild ist geblieben: Johanniter treten für den christlichen Glauben ein und setzen sich für Kranke und Hilfsbedürftige ein. Wer sich für die Geschichte des Ritterordens interessiert, kommt hier voll auf seine Kosten. Ich erinnere mich an meinen Ausflug nach Werben in Sachsen-Anhalt. Die Kleinstadt mit knapp 1300 Einwohnern, dominiert von der mächtigen Johanniskirche, ist stolz darauf, den Beinamen Johanniterstadt zu tragen. Ja, so vernetzen sich Erfahrungen.

Mirow-Schlossinsel: Eisförderanlage der ehemaligen Brauerei

Hinter der Kirche, deren Innenraum zurzeit noch renoviert wird, befindet sich der ehemalige „Eiskeller“, Teil ehemaligen „Schlossbrauerei zu Mirow“. Dieser Keller ist Mecklenburgs größtes und ältestes Gewölbe. Heute kann man hier im „Ritterkeller“ in einer besonderen Atmosphäre nach Ritterart dinieren, wie es auf einem Faltblatt heißt. Wir schauen uns das Kellerrestaurant an. Das Ambiente bestätigt schon mal die Ankündigung. Aber jetzt ist das Restaurant geschlossen. Dafür entdecken wir eine historische Eisförderanlage. Was sich Menschen alles ausgedacht haben! Die Brauerei benötigte Eis zur Kühlung der im Kellergewölbe gelagerten Biervorräte. Der damalige Brauereibesitzer Michael Lusch (1867-1948) gab einen so genannten Eiselevator in Auftrag, um im Winter Eis aus dem zugefrorenen See in das Kellergewölbe zu transportieren. Diese Arbeit übernahm Hermann Paetzel (1881-1957), der in den Jahren 1937-38 eine solche Anlage  ausgetüftelte und baute. Enkel und Urenkel haben die Konstruktion zum Andenken an ihre Vorfahren rekonstruiert – ein kleines Stück Industriegeschichte. Schade, dass sie so im Abseits steht. Sie hätte eine größere Aufmerksamkeit verdient.

Mirow-Schlossinsel: Torhaus

Wir verlassen die Schlossinsel durch das 1588 erbaute Torhaus, heute Wahrzeichen der Stadt Mirow, und stoßen ein paar Schritte weiter direkt an der Mühlenstraße auf das Untere Schloss, das noch in einem ziemlich traurigen Zustand ist. Dieses Gebäude wurde nach seiner Zeit als Prinzenpalais ab 1820 bis 2006 als Landeslehrerseminar genutzt. Jetzt scheint es leer zu stehen und auf einen neuen Eigentümer zu warten, der damit etwas Sinnvolles anfangen kann.

Ich drängle Lotti, einen kleinen Umweg über Wesenberg nach Drosedow, einem ehemaligen Urlaubsort, zu nehmen. Wer sich nicht auskennt, kann sich leicht verfahren. Auch wir kommen erst über einen längeren Umweg nach Drosedow, einem sehr kleinen Dorf mit einer Kirche und einem Jagds

Drosedow: Am Eingang des Pensionsgeländes

chloss am Krummen Woklowsee. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Gut der Familie von Mitzlaff, die hier ein Gestüt unterhielt und Pferde für den Rennsport züchtete. Jahre nach dem Krieg diente es als Lehrerbildungs- und Erholungsstätte. Heute werden das Jagdschloss und die in der Parkanlage stehenden Ferienhäuser als Pension im gehobenen Segment bewirtschaftet, so ist einer Informationstafel und der Tatsache, dass das Gelänge frei nicht zugänglich ist, zu entnehmen. Auch Klingeln hilft nicht. Das Tor bleibt geschlossen. War es einen Versuch wert, alte Erinnerungen aufzufrischen? Ich weiß nicht.

5. Juli 2022: Heinrich-Schliemann-Museum in Ankershagen und Havelquelle am Mühlensee

Am Vormittag muss Lotti in Waren noch einen Termin wahrnehmen. Ich bummele durch die Stadt und bin immer wieder begeistert. Waren, Stadt und Kurort an der Müritz, ist bunt, lebendig, modern, voller Geschichte und mit vielen Freizeitmöglichkeiten.

Heute fahren wir nach Ankershagen. Nach einer halben Stunde hält Lotti auf dem Parkplatz hinter der Ankershagener Kirche. Alles neu gemacht und gut ausgeschildert. Die Wege sind in der kleinen Gemeinde mit nur 650 Einwohnern ohnehin nicht weit. Unser Ziel ist das Heinrich-Schliemann-Museum, das nach einer aufwendigen Sanierung wieder geöffnet ist. Natürlich fällt sofort das hölzerne „Trojanische Pferd“ auf dem Museumsvorplatz schon durch seine schiere Größe auf: 6 Meter hoch und 10 Meter lang. Laut Homer haben die Griechen mit einem riesigen hölzernen Pferd, in dessen Bauch sie ihre Krieger in die Stadt eingeschleust haben, die Trojaner überlistet und besiegt. In einem Museum für den Entdecker des antiken Trojas darf ein Trojanisches Pferd nicht fehlen. Übrigens auch das Winckelmann-Museum in Stendal, das dem Archäologen und Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann gewidmet ist, hat ein überdimensionales Trojanisches Pferd auf seinem Hof zu stehen. Antike und Trojanisches Pferd verweisen symbolisch aufeinander.

Warum gibt es ausgerechnet in Ankershagen ein Schliemann-Museum? Heinrich Schliemann wurde 1822 in Neubuckow, einer Kleinstadt im nordwestlichen Mecklenburg, geboren. 1823 siedelte die Familie nach Ankershagen über, weil der Vater hier eine Pfarrstelle bekam. So verbrachte Schliemann 8 Jahre seiner Kindheit in dem kleinen Ort. Das Pfarrhaus aus dem 18. Jahrhundert beherbergt heute das Schliemann-Museum (Einritt: 7€). In der einstigen Scheune befindet ein kleines Museumsbistro, das zu einem Imbiss im Museumspark einlädt – nach einem Museumsrundgang auch eine sehr willkommene Pause; sehr idyllisch unter uralten Bäumen.

Wer war Johann Ludwig Heinrich Julius Schliemann? Der Sohn eines verarmten mecklenburgischen Pfarrers schaffte es als Selfmademan und Autodidakt zum  erfolgreichen Kaufmann, Kosmopoliten, Wissenschaftler, Multimillionär und weltberühmten Archäologen. Seine Werdegang, seine Erlebnisse und Entdecklungen sind im Museum zeitlich und themenspezifisch geordnet in 10 Themenräumen nachzuvollziehen. Persönliche Dokumente, Fotos und Tagebucheintragungen, Zitate und Aussagen von Zeitzeugen veranschaulichen die Texttafeln mit abrissartigen Informationen. Und Schliemann war ein Sprachgenie. Er lernte Fremdsprachen nach einer eigens von ihm entwickelten Methode in kürzester Zeit. So eignete er sich u.a. Holländisch, Englisch und Französisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch, Latein und Altgriechisch an. Eine begnadete Fähigkeit. Und ein wirklich außergewöhnliches Leben. Das Schliemann-Museum bietet neben dieser beeindruckenden Dauerausstellung Führungen, Vorträge, Familientage, Openair-Veranstaltungen im Museumspark, Wanderungen zur nahegelegenen Havelquelle unter dem Thema „Auf Schliemanns Spuren“ und Sonderausstellungen an.

Nach einem zweistündigen Rundgang durch das Museum machen wir im Bistrogarten eine wohlverdiente Pause. So viele Informationen, so viele Eindrücke – das muss erst einmal sacken. Anschließend schauen wir uns die alte Feldsteinkirche in Ankershagen an. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist im wahrsten Sinne des Wortes klein, aber auch ungewöhnlich. Mittelalterlichen Fresken hätte man hier wohl nicht erwartet, auch die Position der Kanzel ist etwas verwirrend. Sie steht genau einem Stützpfeiler gegenüber. Auf dem Friedhof befindet sich das Grab von Schliemanns Mutter. Sie starb, als er 9 Jahre alt war.

Ankerhagen: Ehemaliges Schloss

Ankershagen ist schon ein bemerkenswerter Ort. Am Orteingang entdeckt man ein ehemaliges Schloss, heute leerstehend und verlassen. Es ist schon ein trauriger Anblick. Aber wir halten an und schauen uns um. Bei einer Umrundung, teilweise durch viel Gestrüpp, stoßen wir auf Reste einer Burganlage: Dicke Wehrmauerreste mit Schießscharten, Wallaufschüttungen, Bastionsruinen. Einstmals soll hier im 12. Jahrhundert eine Wasserburg gewesen sein, die im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde.

Wir fahren noch ein Stück weiter in Richtung Mühlensee. Hier befindet sich die Havelquelle. Genaugenommen gibt es gar keine klar auszumachende Stelle, wo die Havel entspringt. Über die Jahrhunderte, je nach wasserwirtschaftlichen Eingriffen und Niederschlagsmengen, veränderte sich Wasserabfluss. Im Jahr 2007 wurde am Mühlensee die Havelquelle symbolisch gekennzeichnet. Hier beginnt die 334 Kilometer lange Havel ihren Lauf, ehe sie nördlich von Havelberg in die Elbe mündet. Das Wasserloch, der symbolische Havelquell, ist von zu einem Kreis angeordneten Findlingen umgeben, auf denen die wichtigsten an der Havel gelegenen Städte und Gemeinden mit Namen und Wappen aufgeführt sind. Diese sind auch auf einer in der Kreismitte stehenden Säule eingraviert. Weitergehende Informationen über Geschichte, Eigenschaften und Bedeutung der Havel findet man auf einer Schautafel.  

Wir setzen uns auf einen Steg am Mühlensee und lassen die Beine im Wasser baumeln. Nicht weit entfernt ist eine Badestelle. Kinder tummeln sich ausgelassen im Wasser. Was für ein schöner Spätnachmittag. Zurück geht es über die Dörfer nach Waren. Als Beifahrerin habe ich die Muße, die Landschaft zu  genießen.

6. Juli 2022: Basedow – schönstes Dorf in Mecklenburg

Basedow, so kann man lesen, ist eines der schönsten Dörfer in Mecklenburg. Das ist unser heutiges Ziel. Mit dem Auto von Waren nach Basedow sind es, je nach Streckenwahl, ca. 30 Kilometer. Nach einer guten halben Stunde Fahrt, wieder bei schönstem Sonnenwetter, parken wir in Basedow in unmittelbarer Nähe eines langgestreckten Gebäudes, das sofort ins Auge fällt.

Ehemaliger Marstall in Basedow

Es sieht aus wie eine überdimensionierte Villa. Aber weit gefehlt. Dieses Gebäude wurde für Pferde errichtet. Es handelt sich um den 1835 gebauten Marstall. Spätestens jetzt muss man sich mit der Geschichte des Ortes befassen. Von 1337 bis 1945 war Basedow Hauptgut und Stammsitz der Familie Hahn, die 1802 als von Hahn in den Reichsgrafenstand erhoben wurden. Insbesondere Friedrich von Hahn (1804-1859)  war ein passionierter Reiter und Pferdeliebhaber, der die Pferdezucht und den Reitsport förderte. Auf Gut Basedow wurden englische Vollblüter gezüchtet, die z.B. auf der Galopprennbahn Doberan an den Start gingen. Und das erfolgreich: Als Züchter gewann er in Doberan von 1839 bis 1852 in ununterbrochener Folge das „Friedrich-Franz-Rennen“. Übrigens die Galopprennbahn Doberan ist die älteste ihrer Art auf dem europäischen Festland. Das erste Galopprennen fand hier im März 1822 statt. Zu dieser Zeit haben sich viele Gutsbesitzer dem Pferderennsport gewidmet. Heute ist der ehemalige Marstall fast vollständig saniert und strahlt im neuen Glanz.

Schloss Basedow

Wir fahren in das Dorf hinein und suchen uns einen neuen Parkplatz. Das ist auch kein Problem. Das Hauptstammschloss der Familie von Hahn ist ein echter Hingucker. Im 16. Jahrhundert im Neorenaissancestil erbaut hat es eine wechselvolle Geschichte hinter sich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden unter Leitung des Architekten Friedrich August Stüler (1800-1865) umfangreiche Umbauten vorgenommen. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu Zerstörungen und Plünderungen. Jetzt ist die Schlossfassade weitgehend restauriert, sodass die Schönheit des Gebäudes sichtbar ist. Es sind wohl auch Führungen durch Teile des Schlosses möglich.

Wir aber entdecken einen Aushang, der eine Führung durch die Dorfkirche ankündigt. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass diese Führung gerade begonnen haben muss. So eilen wir geradewegs zur Kirche und schließen uns der Führung an. Eine gute Entscheidung. Die Dorfkirche stammt aus dem 13. Jahrhundert. Genau wie das Schloss wurde auch sie im 19. Jahrhundert durch Stüler renoviert und umgestaltet und erhielt einen neuen im neugotischen Stil gehaltenen Turm. Die historische Ausstattung der Kirche wurde im Krieg nicht zerstört. Auf der Empore befindet sich Mecklenburgs älteste bespielbare Barockorgel aus dem Jahr 1683. Überhaupt Altar, hölzerne Kanzel, die an Angehörige der Familie Hahn erinnernden Epitaphen, verschiedene Reliefs mit religiösen Motiven, die Wappen der Kirchenstifter – die Kirche ist voll von Heimatkolorit.

Linné-Stüler-Gedenksäule in Basedow

Der oben erwähnte Graf Friedrich von Hahn beauftragte den bekannten Landschaftsarchitekten Peter Joseph Linné (1789-1866) mit der Anlage eines 6 Hektar großen Schlossparks im Stil eines englischen Landschaftsgartens: Blumenrabatte, Baumgruppen, einen Teich und Wassergräben anzulegen. In die Gestaltung bezog er das Dorf Basedow mit ein. Ein Rundweg führt durch die gesamte Anlage. 1989 wurde zum 200. Geburtstag von Linné am Schlossgarten eine Stele aufgestellt, die die Verbindung von seiner Landschaftsarchitektur und Stülers Bauarchitektur symbolisiert.

Das gräfliche Leben war keinesfalls bescheiden, was man wohl auch nicht erwartet hätte. Das betraf nicht nur die Bautätigkeiten, die Ambitionen im Pferderennsport, sondern erstreckte sich auf die gesamte Lebensführung allgemein. So veröffentlichte Fritz Reuter 1846 anonym eine Satire  über die verschwenderischen Feierlichkeiten eines Adelsgeburtstages.

Ohne Übertreibung kann man sagen, Basedow ist ein herausgehoben schönes Dorf, in dem interessante Geschichte, die malerische Landschaft der Mecklenburgischen Schweiz und  eine prächtige Architektur vereint sind. Heute leben in Basedow ca. 750 Menschen in restaurierten Fachwerkhäusern rund um einen großen Teich. Im Alten Schafstall befinden sich heute ein Bauernmarkt, ein Café mit Biergarten und eine Ausstellung über den Naturpark Mecklenburgische Schweiz. Eine w eitere empfehlenswerte Lokalität ist auf jeden Fall das Café am Schloss, wo wir eine entspannte Kaffeepause genossen haben. Auch das Steakhouse lohnt gewiss einen Besuch. In den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden ist jetzt ein modernes Hotel eingezogen. Die umfangreichen Restaurierungsarbeiten sind, so erfahren wir während der Führung, dem Getreidehändler, Herrn Rothe aus Hamburg zu verdanken. Basedow kann sich glücklich schätzen.

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