Magdeburg

Sommerferien. Bevor die Familie in den Sommerurlaub startet, fahre ich mit Arvid nach Magdeburg. Ein Kurztrip, der einige interessante Erlebnisse verspricht. In der Schule hatte Arvid im Kunstunterricht (5. Klasse) gerade Friedensreich Hundertwasser kennengelernt und ist schwer begeistert. Und ich hatte schon einmal Gelegenheit, den Jahrtausendturm im Elbauenpark und das Kulturhistorische Museum kennenzulernen; und nicht zu vergessen den berühmten Magdeburger Dom.

22. Juli 2022: Grüne Zitadelle

Magdeburg: Michel-Hotel

Um 9 Uhr starten wir von Berlin nach Magdeburg: Stadtautobahn, A115 und A2 – alles ohne Probleme, man mag es kaum glauben. Um 11 Uhr erreichen wir das gebuchte Michel Hotel in Magdeburg. Parkplatz keine Problem, unmittelbar am Hotel und kostenfrei. Das Zimmer kann erst ab 15 Uhr bezogen werden, das ist bekannt. An der Rezeption bekommen wir den Tipp, mit der Tram 10 in das Stadtzentrum zu fahren. Guter Tipp, keine nervige Parkplatzsuche.

Auf geht es zu unserem ersten Ziel, der Grünen Zitadelle, erbaut von Friedensreich Hundertwasser (1928-2000). Arvid ist voller Spannung und erzählt mir, was er über diesen in der Schule erfahren hat: Hundertwasser wurde in Wien geboren. Sein Geburtsname ist Friedrich Stowasser. Schon mit 21 Jahren legte er sich den Künstlernamen Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt zu. Er liebte grelle, bunte Farben und lehnte gerade Linien ab, weil in der Natur auch keine geraden Linien existierten. Überhaupt war die Natur sein großes Schaffensvorbild. Arvid ergänzt. Er hat auch in Neuseeland gelebt. Gestorben ist er auf einem Schiff, der Queen Elisabeth II. Nun bin auch ich bestens präpariert.

Die Tram hält am Domplatz direkt an der Grünen Zitadelle. Wir kaufen uns Karten für die 13 Uhr-Führung (2×10€). Noch ist ein bisschen Zeit. Wir schauen uns um: Die Grüne Zitadelle ist tatsächlich wie eine kleine Burg angelegt. Es gibt neben Wohnungen den Infoshop, Geschäfte, Restaurants, ein Café, eine Galerie, einen Kindergarten, Tiefgaragen, ein Hotel und ein Theater. Es ist in seiner ganzen Erscheinung wirklich ein beeindruckendes Gebäude, das sofort die Blicke auf sich zieht. Höfe mit Springbrunnen, Türme, Rundungen, ungleiche Fenster, Schlangenlinien, Spiralen, Säulen, goldene Kugeln und alles begrünt; bei den Farben alles, was ein Farbkasten hergibt.

Ca. 25 Leute haben sich auf dem großen Hof der Grünen Zitadelle vor dem Infoshop eingefunden. Die Führung startet: Hundertwasser war Maler, Architekt und ein Umweltaktivist, der seine eigene Bildersprache entwickelte. Seine avantgardistischen Arbeiten gehören zu den bedeutendsten Beiträgen innerhalb der Kunstgeschichte des letzten Jahrhunderts. Die Grüne Zitadelle war sein letztes Architekturprojekt. Hundertwasser hat sich für die Erhaltung der Natur und ein ökologisches Bauen eingesetzt. So stehen bunte Keramiksäulen oft für  Bäume im Wald. Direkt in der Grünen Zitadelle, so erfahren wir auf dem Rundgang, sind 170 Bäume, 300 Sträucher, Blumen und Gräser angepflanzt worden. Insgesamt gibt es 55 Wohnungen, alles Mietwohnungen, davon haben 19 einen so genannten Innenbaum, den die Mieter (Baummieter) laut Vertrag pflegen müssen. Dieser Baum, eingepflanzt in  1,5 Meter Erdreich, wächst entweder auf dem Balkon oder in einem eigenen Zimmer durch das Fenster (Fensterrecht) hinaus.

Wir schauen uns eine leerstehende 3-Zimmer-Wohnung an, wobei jede Wohnung individuell ist. In der Tat, es gibt keine rechten Winkel, Geraden oder irgendwelche Wiederholungen. Nicht nur die Fenster, sogar die Fensterriegel sind unterschiedlich. Die Fliesen in Küche und Bad sind in unregelmäßigen Wellen verlegt, dass einem bei längerem Hinsehen fast schwindlig wird. Muss man mögen. Wir steigen auf einer Wendeltreppe, in deren Geländer alte Werkzeuge als Schmuckelemente eingeschweißt sind, auf das begrünte Dach und stehen direkt unter den großen goldenen Kugeln. Die Führung endet mit den Worten, dass Hundertwasser nach seinem Tod im Februar 2000 auf seinem Land in Neuseeland, im Garten der glücklichen Toten, in Harmonie mit der Natur unter einem Tulpenbaum beigesetzt wurde.

In unmittelbarer Nachbarschaft der Grünen Zitadelle steht die ehemalige Klosterkirche St. Marien. Sie gehörte zum Kloster Unserer Lieben Frauen, das vor 1000 Jahren gegründet wurde, und ist ein imposanter romanischer Bau. Die ehemalige Klosteranlage beherbergt heute ein städtisches Museum für bildende Kunst. Die Kirche selbst wurde u.a. auch als Konzerthalle „Georg Philipp Telemann“ umfunktioniert. Rund um die Anlage, die seit 1993 zur Straße der Romanik gehört, befindet sich ein Skulpturenpark u.a. mit Werken von Seitz und Apel. Wir durchstreifen den Skulpturenpark, weitere Erkundungen lassen die Kräfte im Augenblick nicht zu.

Magdeburg: Restaurant La Bodega


Die Sonne meint es wieder zu gut. Weit über 30°C. Wir brauchen eine Pause und eine Stärkung. Diese finden wir in dem spanischen Restaurant La Bodega. Auf der Gartenterrasse im Schatten sitzend und ein exzellentes Essen genießen: Zander in Hummersoße und Carne de Tenera, dazu Apfelsaft, KIBA und Tonic.

Gegen 17 Uhr sind wir im Hotel zurück und können jetzt einchecken. Arvid ist schon ungeduldig. Ihn zieht es zum Hotelpool. Auf der Suche nach dem Pool landen wir in einem Fitnessraum mit einer Reihe von Sportgeräten. Die müssen ausprobiert werden. Nach dieser Übungseinheit leihen wir uns an der Rezeption zwei Bademäntel aus. Arvid verschwindet fast in dem Bademantel.

Magdeburg: Michel-Hotel – Pool

Nun geht es in den Lagunenpool, feiner Name. Hui, das Wasser ist recht kühl. Für Arvid kein Problem, ich muss mich aber sehr überwinden. Nach Schwimmen, Plantschen, Tauchen machen wir einen Saunagang mit anschließender Schockkühlung in einem eiskalten Tauchbecken. Ich erkenne mich nicht wieder, bis auf den Kopf bin ich in dem kalten Wasser. Arvid entscheidet sich für einen zweiten Saunagang. Ich lege mich auf eine Liege und entspanne.

Wieder zurück im Zimmer schauen wir uns um 21 Uhr das WM-Fußballspiel der Frauen Schweden gegen Belgien an. Es endet 1:0 für Schweden. Nun ist es Zeit, das Licht auszuschalten und zu schlafen.

23. Juli 2022: Wasserstraßenkreuz und Schiffshebewerk

Heute Vormittag möchten wir zum Otto-von Guericke-Museum, das sich direkt am Elbufer (Schleinufer 1) befindet. Mit der Tram bis zur Haltestelle Listemannstraße, ein kurzer Fußweg bis zu einem Park, vorbei an der Festung Mark (heute ein Kulturzentrum), die Schleinuferstraße überqueren und wir  stehen vor der Lukasklause, in dem sich das Otto-von Guericke-Museum befindet. Die Lukasklause ist ein ehemaliger Wehrturm (Preußenturm) einer Festungsanlage, der 1900 von dem Künstlerverein St. Lukas erworben wurde. Der Verein weihte den Turm dem Schutzpatron der Maler St. Lukas, daher der Name. Jetzt ist hier das das Otto-von Guericke-Museum untergebracht. Im Vorfeld haben wir gelesen, dass neben historischen Informationen auch viele Experimente zu Ausprobieren zur Verfügung stehen, was die Vorfreude bei Arvid erheblich steigert. Doch was für eine Enttäuschung. Das Museum ist geschlossen. Die Öffnungszeiten, die im Internet angegeben sind, erweisen sich als widersprüchlich. Ich habe diesen entnommen, freitags wird eine Führung angeboten, zu der man sich telefonisch anmelden muss (0391 56280520). Das hilft uns nicht.

Arvid schaut sich die im Freigelände ausgestellten Halbkugeln an, aber die sind als ein Kunstwerk eher symbolischer Natur. Was tun? Zurück zum Hotel, um mit dem Auto zum Wasserstraßenkreuz zu fahren? Zwar hat man uns gesagt, das wäre nur per Schiff zu besichtigen, aber davon gehe ich nicht aus. Auf unserem Rückweg zur Tram laufen wir ein Stück an der Schießschartenmauer und am Elbufer entlang, um dann Richtung Stadtzentrum abzubiegen.

 

Magdeburg: Johanniskirche

Vor der Johanniskirche steht eine überlebensgroße Bronzestaue des Reformators Martin Luther.  In dieser Kirche hat Luther im Juni 1524 gepredigt und seine reformatorischen Ideen vorgetragen. Wir kommen zum Alten Markt. Hier gibt es Einiges zu sehen. Das Rathaus stammt aus dem 13. Jahrhundert. Es wurde sowohl im Dreißigjährigen Krieg als auch im Zweiten Weltkrieg total zerstört und immer aufgebaut. An der Bronzetür, die vom Bildhauer Heinrich Apel (1935-2020) geschaffen wurde, sind Details symbolisiert dargestellt. Vor dem  Rathaus steht mittig der Magdeburger Reiter, rechts von ihm auf einer Säule ein Hirsch mit einer goldenen Kette, links von ihm wacht ein Roland.

Der Magdeburger Reiter ist ein vorranging aus Sandstein gefertigtes Reiterstandbild aus dem 13 Jahrhundert. Man nimmt an, dass hier Kaiser Otto I. als Gründer der Stadt Magdeburg und des Erzbistums Magdeburg dargestellt ist. Die Reiterstatue ist eines der Wahrzeichen Magdeburgs. Heute steht das Original im Kulturhistorischen Museum Magdeburg. 1966 fertigte Heinrich Apel eine Kopie für den Standort vor dem Rathaus an, die wir jetzt bewundern.

Die Hirschsäule, zerstört im Dreißigjährigen Krieg, ist 2012 als ein Magdeburger Symbol neu errichtet worden, Zu dem Symbol „Hirsch mit der goldenen Kette“ gibt es eine Reihe von sagenumwobenen Geschichten, die bis zu Kaiser Karl dem Großen und Kaiser Friedrich Barbarossa reichen.

Rolandsfiguren symbolisierten im Mittelalter städtische Freiheit und Unabhängigkeit. Die erste steinerne Rolandsfigur in Magdeburg stammt aus dem 16. Jahrhundert. Auch sie wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Der gegenwärtige 4,80 Meter hohe Roland wurde 2005 von der Bildhauerin Martina Seffer nach der Vorlage des historischen Rolands aus dem 16. Jahrhundert erschaffen. Steht der massige Roland für Recht und Gesetz, erinnert der kleine Till Eulenspiegel auf seiner Rückseite, nicht immer alles wörtlich zu nehmen. Eine Interpretation, sicher kann man sich auch andere Deutungen vorstellen.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses befindet sich das 1907 geschaffene Otto-von-Guericke-Denkmal. Otto von Guericke (1602–1686) war Bürgermeister der Stadt Magdeburg (1646-1678) und engagierte sich für den Aufbau der Stadt nach der Zerstörung 1631 im Dreißigjährigen Krieg durch die kaiserlich-katholischen Truppen. Er war aber nicht nur Bürgermeister, sondern auch Physiker und ein erfolgreicher Erfinder. Am bekanntesten ist wohl sein Halbkugelversuch zur Demonstration des Vakuums bzw. der Kraft des Luftdrucks.

Am Alten Markt gibt es viel zu entdecken, nicht zuletzt einen Brunnen, der dem Schelm Till Eulenspiegel (um 1290-1350) direkt gewidmet ist. Anfang des 16. Jahrhunderts erschien ein erstes Buch über seine Streiche, das sehr erfolgreich war. Eulenspiegel hielt seinen Mitmenschen im wahrsten Sinne des Wortes einen Spiegel vor, in dem er geläufige Redewendungen wörtlich nahm und entsprechende Konsequenzen aufzeigte. In Magdeburg führte er die Bürger hinters Licht als er ihnen versprach, vom Rathaus herunter fliegen zu können. Diese Episode ist auch auf der bronzenen Rathaustür, ebenfalls von Heinrich Apel geschaffen, festgehalten.

Mit der Tram geht es zurück zu Hotel, wo wir nach einer Pause in das Auto umsteigen und zum Wasserstraßenkreuz fahren. Das erreichen wir nach 20 Minuten. In unmittelbarer Nähe befinden sich kostenfreie Parkplätze. Kernstück des Wasserstraßenkreuzes ist die mit 918 Meter längste Kanalbrücke Europas. Diese Trogbrücke wurde 2003 fertiggestellt. Als Verbindung von Mittellandkanal und Elbe-Havel-Kanal überquert sie die Elbe. Das ist schon  beeindruckend zu sehen, wie Schiffe eine Wasserstraße, hier die Elbe, gewissermaßen in der Luft auf einer Brücke kreuzen. Wir laufen die Trogbrücke einmal auf und ab. Arvid versucht emsig ihre Länge mit Schritten zu ermitteln. Mit 860 Meter liegt er mit seiner Schätzung gar nicht schlecht. Großen Schiffsverkehr können wir nicht entdecken. Glücklicherweise fährt dann doch noch ein Frachtschiff in die Trogbrücke ein, das wir fotografieren können.

Gaststätte „Zum Anker“ am Schiffshebewerk Magdeburg

Von hier aus fahren wir weiter zum Schiffshebewerk Magdeburg. Bevor wir uns das alles anschauen und die Informationen lesen, wollen wir uns in der Gaststätte „Zum Anker“, die sich unmittelbar neben dem Schiffshebewerk befindet, stärken. Doch diese hat leider geschlossen. Wir erfahren auch warum: Die Inhaberin sucht händeringend einen Koch. Im Augenblick betreibt sie nur einen Kiosk. Hier gibt es ein Imbissangebot, Getränke und Eis. Wir probieren die Soljanka. Sehr gut und scharf. Arvid, der eine Abneigung gegen alles Scharfe hegt, löffelt unverzagt die Suppe aus und stellt fest: Das hat geschmeckt, nur ein bisschen scharf. Er hat zum ersten Mal eine Soljankasuppe gekostet.

Nun geht es zum Schiffshebewerk Magdeburg, das von 1938 bis 2006 Schiffe zwischen Mittellandkanal und Elbe auf- und absteigen ließ. Eine riesige Stahlkonstruktion, in der ein Trog Schiffe wie in einem Fahrstuhl beförderte und dabei einen Höhenunterschied zwischen 11 und 18 Meter überwand. Dabei wurde ein Gesamtgewicht von 5.400 Tonnen bewegt. Der Trog hat schon gewaltige Ausmaße: 85 Meter lang, 12 Meter breit und eine Wassertiefe von 2,50 Meter. Trotzdem sind diese Maße für die moderne Schifffahrt nicht ausreichend, was schließlich zur Stilllegung des Hebewerks führte. Seit 2013 wird das technische Denkmal im Sommer wieder betrieben, was besonders die Touristen freut, die mit Booten oder mit einem Ausflugsschiff das Schiffhebewerk in Aktion erleben. Und auch wir freuen uns, dass wir direkt miterleben können, wie ein Fahrgastschiff in den Rothensee und damit in die Elbe gehoben wird.

Magdeburg: Steuerstand der Schleuse Rothensee

Das historische Schiffshebewerk wurde 2001 durch eine moderne Schleuse ersetzt. Diese ist nur ein paar Schritte entfernt. Die Schleuse Rothensee kann aufgrund ihrer 190 Meter langen und 12,50 Meter breiten Schleusenkammer längere Binnenschiffe befördern. Wir klettern auf das Dach des Schleusensteuerstandes, wo sich in 13 Meter Höhe eine Besucherplattform befindet. Von hier aus hat man einen herrlichen Überblick nicht nur über das Wasserstraßenkreuz, sondern über weite Teile der Elblandschaft. Wir versuchen ein Selfie, ein lustiges Unterfangen bei diesem fast stürmischen Wind.

Magdeburg: Italienisches Restaurant „Mio Tesoro“ am Hasselbachplatz

Zurück im Hotel legen wir eine Pause ein, ehe wir in das Stadtzentrum aufbrechen, um ein gemütliches Restaurant zu suchen. Am Hasselbachplatz verlassen wir spontan die Tram. Ringsum den Platz und in die abgehenden Straßen hinein gibt es zahlreiche Lokalitäten. Wir werden auch schnell fündig: Im „Mio Tesoro“, einem italienisches Restaurant, nehmen wir Platz. Es schmeckt vorzüglich: Penne al Forno con Pollo und Tagliatelle Filettate.

20:20 Uhr verlassen wir die Gaststätte. Arvid drängelt ein bisschen, denn um 21 Uhr beginnt das WM-Fußballspiel Frankreich-Niederlande. Wir dürfen den Anfang nicht verpassen. Wir sehen auch ein spannendes Spiel, das Frankreich  knapp mit 1:0 gewinnt.

24. Juli 2022: Elbauenpark und Jahrtausendturm

Nach dem Frühstück fahren wir gegen 10:30 Uhr zum Elbauenpark; wie gehabt mit der Tram 10, am Alten Markt steigen wir in die Tram 6 um, die direkt vor dem Eingang des Elbauenparks hält.

Der Elbauenpark, gelegen am östlichen Ufer der Elbe, entstand in seiner gegenwärtigen Form in Vorbereitung auf die Bundesgartenschau 1999. Er wurde auf dem Großen und Kleinen Cracauer Anger angelegt und umfasst etwa 100 Hektar. Mittendurch führt die große Herrenkrugstraße. Eine Fußgängerbrücke verbindet beide Parkteile.  Ich bin schon zweimal in diesen wunderschönen Park gewesen und auch in dem Jahrtausendturm, einem der Highlights. Es ist erstaunlich, was hier geschaffen wurde. Eine Mülldeponie wurde rekultiviert. Aus Kriegstrümmern wurden Wegbegrenzungen errichtet, schaut man sich deren Gestaltung genauer an, wird man an Hundertwasser erinnert. Ein weiteres Highlight ist die Seebühne. Es gibt einen Wasserkinderspielplatz mit einer Riesenrutsche, eine Sommerrodelbahn, einen Kletterturm und einen Kletterpark, ein Schmetterlingshaus, 15 thematische Gärten, Wiesen, Bäume und bunte Blumenrabatten.

Eine Tageskarte kostet für mich 10€, Arvid hat freien Eintritt. Ihn zieht es sofort zum Jahrtausendturm. Als wir die Fußgängerbrücke überqueren, kommt uns ein Park-Express, eine kleine elektrisch betriebene Parkbahn entgegen. Oh, das wäre natürlich viel bequemer, zumal es die Sonne wieder richtig gut meint.

Magdeburg: Jahrtausendturm im Elbauenpark

Der Jahrtausendturm ist ein 60 Meter hoher zylindrischer Holzturm. Außen führt eine 450 Meter lange spiralförmige Rampe zu einer Aussichtsplattform,  innen ist die Wissenschafts- und Technikgeschichte auf fünf Ebenen anschaulich erklärt und oft modellhaft und interaktiv dargestellt. Es beginnt auf der Erdgeschoßebene mit der menschliche Frühgeschichte und der griechischen und römischen Antike.

Sicher wäre es sinnvoll, die Entwicklung der Wissenschafts- und Technikgeschichte chronologisch nachzuvollziehen. Da wir aber zuerst die Rampe hochgelaufen sind, begeben wir uns auf den umgekehrten Weg. Zuerst genießen wir auf der Aussichtsplattform, der sechsten Ebene, den herrlichen Panoramablick, in der Ferne die Silhouette der Stadt Magdeburg, ringsherum die Auenlandschaft mit der alten und der neuen Elbe.

Magdeburg: Jahrtausenturm – Zeit ist relativ

Die fünfte Ebene ist ein Bereich für aktuelle Ausstellungen. In der vierten Ebene werden die Entwicklung in Astronomie, Magnetismus und Elektrizität dargestellt. Arvid ist fasziniert von der Vorstellung, dass ein 30jähriger Mensch, der sich 30 Jahre mit 99%iger Lichtgeschwindigkeit im All bewegt hat, nach seiner Rückkehr auf die Erde nur 34 Jahre alt sein soll, während 30jährige, die ihr Leben auf der Erde verbracht haben, nach 30 Jahren logischerweise 60 Jahre alt sein werden.

In der vierten Ebene wird gezeigt, wie sich die Wissenschaften Physik, Chemie und Biologie entwickelt haben. Durch einem so genannten „Schiefen Raum“ wird einem anschaulich demonstriert, wie visuelle menschliche Wahrnehmungen täuschen können.

Die Ebene 3 umfasst die Entwicklungen in Wissenschaft und Technik von 1500 bis 1750. Der Nachbau einer Alchemistenwerkstatt zieht die Aufmerksamkeit auf sich, genauso wie die astronomischen Entdeckungen von Galileo Galilei, die Formulierung physikalischer Gesetze durch Isaac Newton oder die Experimente und Erfindungen des Magdeburger Bürgermeisters Otto von Guericke. Hier kann sich Arvid endlich das Halbkugel-Experiment im Detail anschauen.

In der zweiten Ebene werden Entdeckungen und Erkenntnisse aus dem Mittelalter (500-1500) vorgestellt. Die Blütenzeit der Wissenschaften im arabischen Raum, ihr Einfluss auf unsere Sprache, das moderne Zahlensystem und auch die Medizin. Große mechanische Maschinen, wie Wasserrad, Pumpe, Wasserschraube, Schiefe Ebenen können in Funktion erlebt werden.

Im Erdgeschoß schließlich ist eine an einem 42 Meter langen Seil hängende 50 Kilogramm schwere Kugel in eine Pendelschwingung versetzt; der Nachbau eines Foucaultschen Pendels. Im Jahre 1861 demonstrierte  der Physiker Jean Foucault (1819–1868) im Pariser Pantheon mit einem solchen Experiment, dass sich die Erde um ihre eigene Achse dreht.

Wir können gar nicht alles sehen und aufnehmen, obwohl wir uns ca. drei Stunden im Turm aufhalten. Jetzt brauchen wir eine Pause. Da kommt ein Eis aus der „Zauberkiste“ gerade recht. Das ist aber keine gute Erfahrung. Die Zauberkiste ist ein Kiosk direkt am Turm. Kurzes Fazit: unorganisierter Kioskbetrieb, deshalb lange Wartezeit und das Eis schmeckt nicht.

Magdeburg: Am Jahrtausendturm – Klimastämme

Arvid ist von den Sitzbänken, die der Kettensägekünstler Florian Lindner hergestellt hat, begeistert. Als Klimastämme mit einem eingesägten Miniatursymbol veranschaulichen sie den CO2-Ausstoß u.a. von Autos, Flugzeugen, elektrischen Geräten.

Mit dem kleinen Elektroexpress fahren wir auf die andere Seite Parks. Hier wartet eine Sommerrodelbahn auf unternehmungslustige Besucher. Für 3€ (Erwachsene) bzw. 2€ (Kinder) ist man dabei. Auf einem Schlitten wird man auf einen Berg hinaufgezogen, um dann 425 Meter auf einer kurvenreichen Strecke in flottem (steuerbaren) Tempo abwärts zurück zur Talstation zu fahren. Der Schlitten rutscht auf einer Stahlschiene und gewinnt tüchtig an Fahrt. Vor den Kurven ist Bremsen angesagt. Zuerst fahren wir im Doppel, dann saust Arvid allein die Bahn hinunter.

Zum Abschluss drehen wir mit dem Elektroexpress noch eine Runde durch den Park. Über einen Lautsprecher gibt es Informationen zum Park und Hinweise auf Attraktionen. So erfahren wir etwas über die 15 Themengärten, die sich am Fuße des Jahrtausendturmes befinden. Unter einem bestimmten Thema, wie z.B. Besinnung, Toleranz, Gegensätze, Struktur, Vision oder Musik, wird versucht, ein Zusammenspiel von Natur und Kunst in Verbindung mit Stadt Magdeburg zu erzeugen.

Auch die Informationen über die ersten deutschen Motorflüge des Magdeburger Ingenieurs Hans Grade (1879 – 1946) in den Jahren 1908 und 1909 sowie die Landung eines Zeppelin-Luftschiffes 1914 auf diesem Gelände sind interessant.

Um 17:30 Uhr kehren wir zum Hotel zurück und machen eine längere Pause. Um 19:30 Uhr fahren wir zum Abendessen noch einmal in die Stadt. Dieses Mal entscheiden wir uns für das M2, ein urbanes Lokal direkt am Hasselbachplatz: Spaghetti Bolognese und Rotes Thai-Curry – beides sehr schmackhaft. Das laue Sommerwetter verlockt uns noch zu einem Abendspaziergang in Richtung Elbe, ehe wir  gegen 22 Uhr in das Hotel zurückkehren.

25. Juli 2022: Elbufer und Domführung

Den Rückreisetag wollen wir noch ausgiebig nutzen. Aber 36°C im Schatten. Das ist schon eine Ansage. Um dieser Hitze zu entfliehen und natürlich auch aus Interesse war der erste Gedanke, dem Kulturhistorischen Museum einen Besuch abzustatten. Aber heute ist Montag und damit Museumsschließtag.

Auch die Idee, in den Stadtpark Rotehorn zu gehen und sich dort am Adolf-Mittag-See ein Boot auszuleihen, verwerfen wir wegen der großen Hitze. Bei 36°C ohne Schutz auf dem See zu paddeln ist keine Option. Auf jeden Fall möchten wir aber noch an einer Führung durch den Magdeburger Dom, bekanntes Wahrzeichen der Stadt Magdeburg, teilnehmen. Diese beginnt um 14 Uhr, so haben wir noch 1,5 Stunden Zeit für andere Sehenswürdigkeiten. Jetzt ist die alte Hubbrücke unser Ziel.

Magdeburg: Am Elbufer – „Zeitzähler“ von Gloria Friedmann (2009)

Vom Fürstenwall spazieren wir am Elbufer entlang. Auch das ist schon grenzwertig, zumal es keinen Schatten gibt. Unterwegs treffen wir auf eine große Kugel, auf der ein Mensch mit einer Uhr in der Hand sitzt. Es handelt sich um einen so genannten Zeitzähler, ein Kunstobjekt, das 2009 von Gloria Friedmann (*1950) geschaffen wurde. Auf einer Tafel ist zu lesen: Man sagt, „die Zeit ist im Fluss“ und es heißt, „Flüsse verbinden“. Die Skulptur von Gloria Friedmann für die Elbe macht auf den Zusammenhang aufmerksam, der die Zeit für den Menschen, wie für den Fluss, mit allen Wassern überall auf der Welt verbindet, mit den Wassern aller Flüsse und Seen, aller Wolken und Ozeane. Hier am Strom der Elbe, wie überall auf der Welt, hat der moderne Mensch die Gegenwart und auch die Zukunft in seinen Händen. Ein schöner Gedanke.

Nur noch ein paar Schritte bis zur historischen Hubbrücke, die 1848 als Drehbrücke für die Eisenbahn gebaut wurde und heute als Fußgängerbrücke die Elbe überquert und auf die Insel Rotehorn führt. 1895 wurde Drehbrücke durch eine Hubbrücke ersetzt. Immer wieder wurde die 220 Meter lange Brücke umgebaut und den Anforderungen des sich entwickelnden Schiffsverkehrs angepasst. 1998 wurde die Brücke ein letztes Mal angehoben und in diesem Zustand stillgelegt und gesperrt. Seit 2013 können Fußgänger die unter Denkmalschutz stehende Brücke wieder nutzen, um zum Stadtpark Rotehorn zu gelangen. Wir erklimmen die alte Stahlkonstruktion und haben einen herrlichen Blick auf das historische Magdeburger Stadtzentrum und auf die Elbe, der man aufgrund des Niedrigwassers an vielen Stellen im wahrsten Sinne des Wortes „bis auf den Grund gucken“ kann.

Magdeburg: Infozentrums „Straße der Romanik“

Zurück am Fürstenwall ist bis zur Domführung immer noch reichlich Zeit, die wir für einen Besuch des Infozentrums „Straße der Romanik“ nutzen. In einem Raum, also überschaubar, aber sehr informativ und gut organisiert, kann man einen Überblick über die romanische mittelalterliche Welt (ca. 950 bis 1250) bekommen. In Sachsen-Anhalt ist Magdeburg als Kaiserstadt Ottos I. das Zentrum der Straße der Romanik. Die Ausstellung ist in vier Hauptbereiche gegliedert: „Kaiser und Könige“, „Klerus, Kirchen und Klöster“, „Rittertum, Adel und Burgen“ sowie „Bauern, Bürger und Handwerker“. Wie spielte sich das Leben in jener Epoche ab? Anschaulich mit multimedialer Unterstützung kann man in den mittelalterlichen ständischen Alltag eintauchen.

Lebendig aufbereitet in multimedialen und spielerischen Inszenierungen erhält man  Einblicke in das alltägliche Leben, Kunst und Religion, Recht und Lehnswesen dieser Epoche. Nicht nur Kinder werden durch die interaktiven Angebote angesprochen. Was hat Arvid besonders interessiert? Wie war die Rechtsprechung in jener Zeit? 20 ausgewählte Fälle können im Multichoice-Format „behandelt“ werden. Wie wurde zu jener Zeit geschrieben? Praktische Übungen im Schreiben können ausprobiert werden. Aus welchen Teilen besteht eine romanische Kirche? Nach Vorlagen können mit großen Holzbausteinen Kirchen in ihrer Grundstruktur errichtet werden. Wie war der Musikgeschmack? An einer Hörstation kann man den Klängen mittelalterlicher Instrumente lauschen. Es war ein sehr informativer Besuch, nicht zuletzt auch durch das sehr freundliche Personal.

Jetzt beginnt gleich die Führung durch den Magdeburger Dom. Erwachsene bezahlen 7€, Kinder 5€. Ungefähr 20 Interessenten haben sich eingefunden. Zunächst nehmen wir für eine Einführung hinter dem verschlossenen Hauptportal Platz:

Magdeburger Dom

Der Magdeburger Dom, heute Bischofskirche der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, hat seine Wurzeln in der Mauritius-Klosterkirche, die König Otto I. nach seinem Sieg in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg im Jahre 955 zu einem Dom und zur Grabeskirche seines Königshauses umbauen ließ. Und hier fanden er und seine erste Ehefrau Editha ihre letzte Ruhestätte. Nachdem ein Brand den romanischen Dom im Jahre 1207 weitgehend zerstörte, wurde er im gotischen Stil wieder aufgebaut. Fast dreihundert Jahre später vollendeten die beiden über einhundert Meter hohen Türme den ersten gotischen Kathedralbau auf deutschem Boden,

In der Führung werden wir auf das Taufbecken hingewiesen, das Ottos I. aus Italien mitgebracht hatte. Es soll einmal ein Teil eines antiken römischen Springbrunnens gewesen sein. Der Eingangsbereich hinter dem Hauptportal wurde als Begräbnisstätte umfunktioniert, sodass dieser Zugang seit 1498 geschlossen bleibt. Ausnahmen finden nur zur Ostermesse und zu Bischofsweihen statt. Wir erfahren weiter, dass der Dom 120 Meter lang, 33 Meter breit und im Langhaus 32 Meter hoch ist. Im Langhaus steht eine sechszehneckige Kapelle mit einem Herrscherpaar, deren Deutung nicht ganz klar ist. Hinter dem Lettner im Chor stehen die Skulpturen der Dompatrone Mauritius und Katharina. Hier befinden sich auch das Grab von Kaiser Otto I. und eine Kopie der Heiligen Lanze. Die Schnitzereien des Chorgestühls zeigen Jesus als einen alten Mann. Schon ungewöhnlich. Genau wie die Kanzelverzierungen, die die Menschwerdung symbolisieren: Die verführerische Schlange ist hier ein hübsches Mädchen.

Magdeburger Dom: Antikriegsmahnmal von Ernst Barlach

Vor dem Paradiesportal ist im Langschiff eine von dem Bildhauer Ernst Barlach (1870-1938) in den Jahren 1928/29 geschaffene Holzplastik als ein Antikriegsmahnmal  aufgestellt: Die stehenden Figuren verkörpern Kriegserfahrung, Absicht/Wissen und Naivität, die Halbfiguren davor Not, Tod und Verzweiflung. Im Paradiesportal selbst ist der Zyklus der klugen und törichten Jungfrauen zu bestaunen, so filigran sind die Gesichtszüge und Gewänder von den Steinmetzen ausgearbeitet worden.

Nach fast 1,5 Stunden verlassen wir den Dom. Ich habe selten so eine gute, angenehme Führung erlebt. Es ist 15:30 Uhr. Bevor wir die Heimreise antreten, nehmen wir im Cafè „Alt Magdeburg“ in der Grüne Zitadelle noch einen Imbiss ein. Arvid entscheidet sich sofort für eine Soljanka, die er auch zügig verputzt. Aber, so sein Urteil, die Soljanka am Schiffhebewerk war besser – obwohl sehr scharf (was er gar nicht mag). Ich staune, auch Geschmack entwickelt sich.

Mit der Tram 10 zurück zum Hotel, das Auto holen, ein kurzer Stopp an der nahegelegenen Tankstelle und los geht es in Richtung Berlin. Um 19 Uhr parke ich vor der Haustür, gerade als ein Regenguss einsetzt. Nun aber schnell.

 

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