Halle: Burg Giebichenstein – Paddeltour auf der Wilden Saale

4. Juli 2021

Nach dem Frühstück fahren wir mit der Straßenbahn Linie 8 zu unserem heutigen ersten Ziel, der Burg Giebichenstein. So heißt auch die Haltestelle. Ein kleiner Parkweg führt hinunter zur Saale. Schönes Wetter, wir schlendern munter dahin und halten Ausschau nach einem Eingang zur Burg. Unsere Bemühungen bleiben erfolglos, erst nach Fragen bekommen wir den Hinweis auf ein kleines Tor, das ziemlich versteckt hinter Büschen den Burgzugang darstellt. Jetzt geht es aufwärts, festes Schuhwerk ist von Nutzen. Ein Kassenhäuschen kommt in Sicht: Senioren 2,50€; Kinder bis 14 Jahre haben freien Eintritt.

Direkt an der Saale, hoch oben auf einem Felsen erheben sich die Gemäuer der Oberburg Giebichenstein. Während in der erhaltenen Unterburg Studenten in der Kunsthochschule Halle in den Fachbereichen Kunst und Design ausgebildet werden, ist die Oberburg seit dem Dreißigjährigen Krieg eine Ruine; heute Freilichtmuseum, Touristenmagnet und Ort vielfältiger kultureller Veranstaltungen und nicht zuletzt ein wunderschöner Ausblick auf das romantische Saalepanorama.

Burg Giebichenstein ist in jedem Fall eine besuchenswerte historische Attraktion auf der Straße der Romanik. Die ersten Befestigungen gehen bis ins 10. Jahrhundert zurück. Bekannt wurde die Burg auch durch die Sage um Ludwig den Springer. Es handelt sich hierbei um Graf Ludwig von Schauenburg (10421123).
Der Sage nach erstach er aus Machtstreben den Pfalzgrafen der Burg Goseck, Friedrich III. und wurde daraufhin auf der Burg Giebichenstein eingekerkert. Aus Angst vor seiner anstehenden Hinrichtung sprang er vom Burgturm in die Saale, wo er in einem Boot entkommen konnte. Eine weitere Sage um Ludwig den Springer bezieht sich auf die Gründung der Wartburg. Als er bei Jagd auf den heutigen Wartburg-Berg stieß, soll er ausgerufen haben: „Wart‘, Berg, du sollst mir eine Burg tragen!“ Sagenreiches Mittelalter.
Wir haben den Torturm erreicht, den man bei entsprechendem Willen und ausreichender Kondition besteigen kann. Aber auch auf dem Burggelände hat man eine wunderbare Aussicht auf die Saalelandschaft. Mauerreste verraten etwas über die Gebäude, die einmal die Oberburg ausmachten: Eine Ringmauer, Wehrgänge, weitere zwei Türme, ein Palas, eine Kapelle, eine Kirche und ein komfortable ausgestatteter Wohnturm. Wir klettern über die Mauern, schauen über die Wallmauer und lesen die Informationen. So wissen wir nun, dass Burg Giebichenstein einst Hauptresidenz der Erzbischöfe von Magdeburg war und dass diese versuchten, die um ihre Unabhängigkeit kämpfende Bürgerschaft der Stadt Halle in ihre Schranken zu weisen. Um 1500 verlor Burg Giebichenstein ihre Bedeutung an die Moritzburg, die neue Residenz der Erzbischöfe.
Nach dieser ausgiebigen Besichtigungstour gönnen wir uns eine Pause. Die Sonne meint es fast zu gut. Also Beine austrecken und etwas trinken. Dann geht es zurück zur Straßenbahn. Zwei Stationen mit der Linie 8 bis zur Haltestelle Diakoniewerk. Hier soll es eine Paddelbootausleihstation geben.

Bootsverleih Halle


Eine Paddelbootstour wäre unser zweites Tagesziel. Ich hatte schon mehrmals telefonisch versucht, eine Reservierung vorzunehmen, allerdings erfolglos. Alle Boote wären unterwegs. Ist ja bei diesem Wetter auch nicht so unwahrscheinlich. Es gibt aber mehrere Ausleihstationen. Jetzt wollen wir es einfach vor Ort probieren. Ein kleiner Fußmarsch am Rande des Volksparks zur Saale und da ist sie auch schon, die erhoffte Ausleihstation. Und es kommt noch besser: Wir bekommen ein Boot! Zwei Stunden paddeln kosten 25€. Ein Pfand wird nicht verlangt. Eine kurze Einweisung über die Paddelroute, Arvid bekommt eine Schwimmweste, jeder von uns ein Stechpaddel (Oh je, so bin ich nie gepaddelt.)
Auf geht’s! Zunächst die Saale hoch Richtung Burg Giebichenstein (herrlicher Blick auf die Burg) durch die Kröllwitzbrücke, die durch die monumentalen Plastiken von Kuh und Pferd nicht zu übersehen ist, bis zum Gartenlokal „Krug zum grünen Kranze“, dort wenden und zurückpaddeln. Noch ein Wort zu diesem geschichtsträchtigen Ausflugslokal. Hier sind u.a. schon der Arztes Carl Adolf von Basedow, die Gebrüder Grimm, der Freiherr von Joseph Eichendorff und nicht zuletzt der Dessauer Liederdichter Wilhelm Müller eingekehrt. Letztem sind solche Volkslieder wie „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Am Brunnen vor dem Tore“ und „Ich hört ein Bächlein rauschen“ zu verdanken. Was man alles so nebenbei erfährt.
Wir paddeln wieder durch die Brücke bis es auf der rechten Seite in die Wilde Saale geht. Und jetzt wird es wirklich romantisch. Wir sind mit unserem Boot und der Natur allein. Auf dem Wasser Wasserläufer, durch die Luft sausen farbige Libellen, Zirpen und Zwitschern überall, ringsherum dichtes Grün, immer wieder mal ein toter Baumstamm, der ins Wasser ragt und den es zu umschiffen gilt, wohlbemerkt lenken mit dem Stechpaddel. Eine Sandbank wird nur an einer kleinen Stelle mit genug Wasser überspült, wo eine Passage möglich ist. Inzwischen sind wir schon gut mit dem Boot und den Paddeleinsätzen vertraut. Ab und zu überspannt eine kleine Brücke die Wilde Saale, die ihren Namen alle Ehre macht. Plötzlich ist Arvid ganz erstarrt: Ein Biber, flüstert er, ein Biber. Und tatsächlich, das schwimmt er. Mit großen Augen hat er uns im Blick. Das ist ein Erlebnis!
Nach zwei Stunden erreichen wir wieder die Ausleihstation. Gut so. Ich merke Arme und Handgelenke. Zwei Stunden ist eine passende Zeit für Anfänger. Das Paddeln durch die Wilde Saale ist ein wundervolles Erlebnis. Und dann kommt auch noch ein Biber vorbei. Nicht zu toppen! Jetzt geht es erst zurück ins Hotel. Nach einer Pause wollen wir uns noch den ganz in der Nähe gelegenen Dom anschauen und danach Ausschau nach einem Restaurant halten.
Der Dom befindet sich am Mühlgraben, einem Saalearm. Es handelt sich um eine ehemalige Klosterkirche des Dominikanerordens. Hier war der 17jährige Georg Friedrich Händel für ein Jahr auf Probe als Organist angestellt. An das Gebäude mit einer sehr eigenwilligen gotischen Architektur für ein Gotteshaus schließt sich unmittelbar die Neue Residenz an. Dieser repräsentative Gebäudekomplex harrt noch auf umfangreiche Sanierungs- und Rekonstruktionsarbeiten.

Brunnen auf dem Domplatz


Nach einem Rundgang durch das Kirchenschiff stehen wir wieder auf dem Domplatz. Ein Brunnen zieht die Blicke auf sich. Dieser wurde von dem Halleschen Bildhauer Horst Brühmann nach dem Motiv „Lebenskreis – Das Leben besiegt den Tod“ gestaltet und 2012 eingeweiht.

Café „Sonnendeck“ an der Saale


Mit Gaststätten ist Halle offensichtlich nicht reich versehen. Wegen Corona haben viele noch geschlossen oder bieten nur einen Straßenverkauf an. Wir finden schließlich einen gemütlichen Platz im Café Sonnendeck am Pfälzer Ufer der Saale. Es sind sogar noch Plätze frei. Erstaunlich.

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