Erkner – Gerhart-Hauptmann-Stadt

Erkner ist mit fast 12000 Einwohnern eine brandenburgische Kleinstadt heutigen Landkreis Oder-Spree am Rande Berlins. Bereits 1928 wurde der Ort an das Berliner S-Bahn-Netz angeschlossen. Hier endet die S-Bahnlinie S3. Erkner, so liest man schon am Bahnhof, ist eine Stadt zwischen Wald und Wasser. Kein Wunder, ganz idyllisch liegt sie zwischen zwei Seen, dem Dämeritzsee und dem Flakensee. 2012 gab sie sich den Namenszusatz „Gerhart-Hauptmann-Stadt“. Gerhart Hauptmann war immerhin Literaturnobelpreisträger. Meist wird sein Name mit Agnetendorf (Jagniątków) im polnischen Riesengebirge bzw. auch mit Kloster auf Hiddensee in Verbindung gebracht.

Erkner: Villa Lassen – Gerhart-Hauptmann-Museum

Bevor Gerhart Hauptmann (1862-1946) 1901 die prachtvolle Villa Wiesenstein (heute Gerhart-Hauptmann-Museum) in schlesischen Agnetendorf bezog, lebte er von 1885 bis 1889 in Erkner als ein Dauerkurgast. Der Umzug von  Berlin nach Erkner geschah auf Anraten seines Arztes: Heraus aus der lauten, staubigen, stickigen Großstadt in einen beschaulichen, ruhigen und mit viel Wasser und Wald umgebenen Ort. Hier lebte er mit seiner Ehefrau Marie vier Jahre als Mieter in der Villa Lassen am Rande des Ortes. In dieser Zeit bekam das Ehepaar drei Söhne: Ivo, Eckart und Klaus.

Gerhart-Hauptmann-Denkmal von Sabina Grzimek (2022)

Heute ist in der im spätklassischen Stil errichteten Villa Lassen das Gerhart-Hauptmann-Museum untergebracht. Eine Dauerausstellung lässt nachvollziehen, wie die junge Familie in Erkner gelebt hat und wie Gerhart Hauptmann als Schriftsteller seine ersten Werke verfasst hat. Man erfährt, dass die Handlungen in und um Erkner angesiedelt sind und dass sogar einige Einwohner Vorbilder für seine Figuren wurden. 1912 wurde Hauptmann für sein schriftstellerisches Werk mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Erkner kann sich rühmen, vier Jahre lang Heimat eines Nobelpreisträgers gewesen zu sein. Hier begann er sich mit den Novellen „Fasching“ und „Bahnwärter Thiel“ sowie dem Drama „Vor Sonnenaufgang“ als Schriftsteller zu etablieren. Auch später inspirierte ihn Erkner immer wieder bei der Auswahl der Handlungsschauplätze in seinen Stücken bzw. bei der Profilierung der handelnden Personen. Das bekannteste Beispiel ist wohl die Mutter Wolffen in der Komödie „Der Biberpelz“. Hier stand die schlagfertige Haushaltshilfe und Waschfrau der Familie Hauptmann, Marie Heinze (1846-1935), ungewollt Pate.

Aber neben der ständigen Ausstellung zu Leben, Werk und Wirken Gerhart Hauptmanns, neben der Möglichkeit, Wohnräume mit originaler Ausstattung aus seinem Nachlass, gibt es jeden Monat eine Reihe interessanter kultureller Veranstaltungen: Lesungen, Konzerte, Führungen thematische Radwanderungen, Kunstauktionen, Filmvorführungen.

Erkner hatte mit dem bekannten Klavier- und Flügelbauer Carl Bechstein (1826–1900) einen weiteren prominenten Einwohner, dem 1893 die Ehrenbürgerwürde verliehen wurde. Die seit 1889 als Sommersitz fungierende Bechstein-Villa in der Friedrichstraße ist heute ein Teil des Rathauses. Zu jener Zeit war Erkner noch keine Stadt. Das Stadtrecht wurde dem Ort erst 1998 verliehen.

Erkner: Genezareth-Kirche

Wenn man sich rechts haltend den Bahnhof Erkner verlässt, kommt man an einen Kreisverkehr. Hier führt linker Hand eine Brücke über den Flakenfließ, der Dämeritzsee und Flakensee verbindet, und man gelangt in das kleine Stadtzentrum entlang der Friedrichstraße. Hier  wurde 1897, nachdem der Klavierbauer Carl Bechstein dort ein Grundstück gekauft und der evangelischen Gemeinde geschenkt hatte, die markante Genezareth-Kirche im neugotischen Stil erbaut. Er stiftete auch die drei Glocken, die er seinen Söhnen Edwin, Carl und Johannes widmete. Nur ein paar Schritte weiter hinter einem Kreisverkehr auf der gegenüberliegenden Seite steht die ehemalige Villa Lassen, heute das Gerhart-Hauptmann-Museum.

Folgt man der Friedrichstraße weiter bis diese in die Neu Zittauer Straße übergeht, erreicht man den Museumshof am Sonnenluch, in dem Erkners Heimatmuseum (Eintritt: 2€) untergebracht ist. Es handelt sich um den ältesten noch erhaltenen  Gebäudekomplex der Region um Erkner, der um 1760 im Zuge der Friderizianischen Kolonisierung entstanden ist.

Ein ausgesprochen liebevoll eingerichtetes kleines Museum, das ein breites geschichtliches Sprektrum aufweist: Von den ersten Siedlungsspuren aus der Bronzezeit, der ersten urkundlichen Erwähnung Arckenows (Erkners) im Jahr 1579, über die im 18. Jahrhundert auf Erlass von König Friedrich II. errichteten Siedlungen für Einwanderer (Kolonisten), zur Gründung der ersten großen kontinentaleuropäischen Steinkohlenteer-Destillation im Jahr 1860.  Unter Leitung des in den USA lebenden belgischen Chemikers Leo Baekeland wurden Phenol-Formaldehyd-Kunststoffe, das so genannte Bakelit, entwickelt und in der 1910 gegründeten Bakelit GmbH Berlin Erkner produziert. In dieser Zeit, im Jahr 1889, erfolgt die Umwidmung des Ortsnamens von „Arckerow“ in „Erkner“. In dem kleinen Museum kann man die Entwicklung nachverfolgen und einen Einblick in einen vergangenen Lebensalltag bekommen, wie zum Beispiel die so genannte „Schwarze Küche“ zeigt. Rauch und Ruß haben die Wände geschwärzt, im Rauch über dem Herd hängt ein Stück Schinken. Damals eine übliche Räuchermethode.

Keine Überraschung, dass man auch hier auf Gerhart Hauptmann stößt. So entdecke ich einen Verweis auf sein Versepos „Till Eulenspiegel“ (1927), in dem er nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg eine bittere Bilanz zieht. Till irrt als ein aus dem Krieg heimkehrender, desillusionierter Soldat durch die Lande und sucht Antworten auf die Fragen des Lebens.

Erkner hat sich neben der Industrialisierung auch immer mehr zum Ausgangspunkt für Freizeitaktivitäten, wie Wandern, Radfahren, Bootfahren, Schwimmen, Angeln usw. entwickelt. Am Ende des Zweiten Weltkrieges, im März 144, wurde Erkner durch Luftangriffe zu großen Teilen zerstört. Der schwierige Wiederaufbau und die Entwicklung nach der politischen Wende 1989 sind anschaulich dokumentiert.  

 

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