Vieux-Lyon

 

 29. Mai 2019

Ein sonniger Tag. Heute werde ich Fanny, Marthes Gastmutter kennenlernen. Wir haben um 12.30 Uhr auf dem Place Bellecour an der Touristeninformation ein Treffen vereinbart. Bis dahin ist noch Zeit, die ich für eine erste Stadterkundung nutze. Auf die Suche nach einer Tram-Haltestelle laufe ich zur Avenue Berthelot vor. Die Haltestelle ist schnell gefunden. Dabei entdecke ich einen interessanten Gebäudekomplex. Auf einer Tafel lese ich: Centre d’Histoire de la Resistance et de la Deportation. In einer ehemaligen Gesundheitsschule des Militärs wurde 1992 ein Museum zur Erinnerung an den französischen Widerstand gegen die deutschen Besetzer und die Deportation der jüdischen Bürger im Zweiten Weltkrieg eingerichtet.

Jetzt kommt die Tram und mein Dreitagesticket zum ersten Einsatz. Ich fahre zwei Stationen bis Perrache, einem großen Umsteigebahnhof, und von dort mit der Metro bis zum Place Bellecour, dem zentralen Platz von Lyon. Es wirklich ein beeindruckender großzügig angelegter Platz mitten In Lyon.

Später erfahre ich: Es ist in Frankreich nach dem Place de la Concorde in Paris und dem Place des Quinconces in Bordeaux der drittgrößte Platz. Hier thront hoch oben auf einem Pferd der Sonnenkönig Ludwig XIV. Etwas abseits findet man ein Denkmal für Antoine de Saint-Exupéry und seinen kleinen Prinzen.

Antoine de Saint-Exupéry:
„Der kleine Prinz“

Das Buch erschien 1943 in New York. Es wurde in viele Sprachen übersetzt, als Theaterstück aufgeführt und verfilmt.

Vom Fuchs lernt der Kleine Prinz: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

„Man kennt nur die Dinge, die man zähmt. … Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“


Am Ufer der Rhone mit Blick auf die Wilson-Brücke

Ich habe Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang; die Rue Saint-Exupéry
hinunter zur Rhône, am Flussufer entlang, vorbei am monumentalen Hotel Dieu, linksschwenkend die Rue Childebert hinauf zum Theaterplatz und von dort zurück zum vereinbarten Treffpunkt. Ich bin sehr pünktlich, aber Fanny und Marthe sind bereits da. Als Marthe mich erblickt, kommt sie mir entgegengeflogen und wir liegen uns in den Armen. Nach neun Wochen ein Wiedersehen in Lyon!

Fanny lädt mich zum Mittagessen ein und schlägt einen anschließenden Bummel durch Vieux-Lyon vor. Das nehme ich gern an. In einer Nebenstraße nahe dem Place Bellecour reiht sich Gaststätte an Gaststätte. Wir entscheiden, asiatisch zu essen. Die Kommunikation mit Fanny geschieht auf Englisch. Meistens klappt es gut, manchmal helfen Marthes Übersetzungen vom Französischen ins Deutsche. Toll, wie das Mädchen sich schon so souverän verständigen kann. Was für Chancen für aufgeschlossene junge Leute (und ältere natürlich auch), die Welt, andere Kulturen, Traditionen, Menschen zu entdecken und kennenzulernen.

Wir machen uns auf den Weg. Fanny führt uns zum Place des Celestins mit dem Ende des 19. Jahrhunderts im neobarocken Stil erbauten Theatre des Celestins. Neugierig betreten wir die Eingangshalle und schauen uns um. Theatergrößen sind verewigt (u.a. Goethe und Schiller).


Alter Justizpalast

Am Place des Jacobins erregt ein repräsentativer Brunnen mit den Statuen von vier französischen Künstlern unsere Aufmerksamkeit. Nach ein paar Schritten am Ufer der Saône entlang überqueren wir den Fluss und laufen direkt auf den alten Justizpalast, einem Mitte des 19. Jahrhunderts im neoklassizistischen Stil errichteten Gebäude, zu. Durch seine 24 korinthischen Säulen und die breite Treppe ist es ein Blickfang. Hinter dem Justizpalast erstreckt sich die Altstadt, Vieux-Lyon, am Fuße des Berges Fourviere. Das gesamte Viertel gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Romanische Kirche mit Ausgrabungsfeld

An einer romanischen Kirche stoßen wir auf eine archäologische Ausgrabungsstätte, ehe wir den Place Saint-Jean mit der historischen Cathedrale St. Jean erreichen. Die gotische Außenfassade über dem Eingangsportal ist mit 320 Medaillons u.a. mit Motiven der Schöpfungsgeschichte geschmückt. Aber warum sind die Skulpturen alle kopflos?

Im Innern sind die Gestaltung der Fenster mit den Glasmosaiken, die beiden Fensterrosetten, historische Wandteppiche, Gemälde und Statuen zu bewundern. Bei der astronomischen Uhr aus dem 14. Jahrhundert dreht sich die Sonne um die Erde.

Nikolaus Kopernikus
(1473-1543)

vertrat aufgrund seiner Berechnungen ein heliozentrisches Weltbild und leitete damit die so genannte Kopernikanische Wende, die Abkehr vom geozentrischen Weltbild, ein. Diese Abkehr war ein historisch langer Prozess.

Galileo Galilei (1564-1642)

belegte durch seine empirischen Forschungen die Gültigkeit des heliozentrischen Weltbildes und musste auf Druck der katholischen Kirche seine Aussagen widerrufen.

Wir streifen durch enge, verschlungene, belebte Gassen. Kleine Läden, Boutiquen, Restaurants, Cafés, natürlich auch Souvenirshops, ein Filmmuseum (Musée Cinema et Miniature), ein kleines Museum Guignol – übrigens inklusive eines Geschäftes mit Guignol-Handpuppen. Die Geschichte: Guignol und sein Freund Gnafron tricksen ihren Widersacher, den Polizisten Flageolet, immer wieder aus. Die Handpuppen wurden von einem arbeitslosen Seidenweber am Anfang des 19. Jahrhunderts erfunden. Von Lyon aus eroberten sie Bühnen in ganz Frankreich. Mich erinnern sie an das deutsche Kasperle-Theater und an das englische Puppenpaar Punch und Judy.

Inzwischen hat sich Fannys Tochter hinzugesellt. Nach einer Pause in einem kleinen Café treten wir den Rückweg an. Noch ein kurzer Stopp bei FNAC, dann verabschieden wir uns. Marthe fährt morgen mit ihrer französischen Gastfamilie zu den Großeltern aufs Land. Ich habe zwei Tage für mich, um Lyon noch näher kennenzulernen.

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