Kaiserstadt Tangermünde

 

11. Juli 2018

Ein entspannter Sommertag in der Altmark, nicht zu heiß, ein bisschen Wind. Angenehm für einen Stadtspaziergang. Ich fahre von Stendal in das nur 12 Kilometer entfernte Tangermünde. Die Stadt liegt dort, wo der Fluss Tanger in die Elbe mündet. Die Stendaler Kolleginnen und Kollegen schwärmen regelrecht von dieser Stadt, die ich endlich kennenlernen möchte. Mit dem Auto sind es von Stendal knapp 20 Minuten einschließlich Parkplatzsuche.

Neustädter Tor

Ich parke direkt hinter dem Neustädter Tor. Das ist das südliche Stadttor. Hier beginne ich meinen Rundgang. Informationstafeln geben Auskunft: Ursprünglich war das Neustädter Tor kein einfaches Tor, sondern eine Torburg mit Innen- und Außentor. Eine steinerne Brücke führte über einen Stadtgraben. Heute stehe ich vor dem gut erhaltenen 700 Jahre alten Innentor. Über der Tordurchfahrt blitzen fünf restaurierte Wappen in der Sonne; eine illustriere Adlerfamilie: Ganz links der preußische Königsadler, daneben der Reichsadler von 1871, dann der Tangermünder Adler, es folgt der Adler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und schließlich der Brandenburgische Adler.

Ja, Tangermünde, obwohl eine überschaubare Stadt, kann auf eine spannende Geschichte verweisen, von der noch heute viele Zeugnisse sichtbar sind. Zunächst fallen dem Besucher die liebevoll restaurierte mittelalterlich geprägte Altstadt und eine sie umgebende, fast lückenlos erhaltene gewaltige Stadtmauer auf. 

„Zecherei Nikolai“


Kurz nach Durchquerung des Stadttores stoße ich auf eine sehr interessant wirkende Gaststätte mit dem verführerischen Namen „Zecherei Nikolai“, in der das Kuhschwanz-Bier ausgeschenkt wird. Was für ein Name für ein Bier! Dazu höre ich folgende Geschichte: Hier wurde schon im Mittelalter Bier gebraut. Dazu holte man ein einem bestimmten Tag das Wasser aus dem naheliegenden Fluss Tanger. Damals noch glasklar und links und rechts von Wiesen umgeben, auf dem u.a. Kühe grasten. Am Vortage der Wasserholaktion machte der Spruch die Runde: Hört ihr Leute, lasst euch sagen, morgen darf im Tanger kein Kuhschwanz baden! Ich habe das Kuhschwanz-Bier probiert. Nicht schlecht, aber nach meinem Geschmack doch etwas überteuert. 
Die Lange Straße führt (wie die parallel verlaufende Kirchstraße) durch das Zentrum. Immer wieder fallen schöne bunte Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert ins Auge. Alles ist gut fußläufig zu bewerkstelligen. Und wer eine Pause benötigt – kein Problem. Viele interessante Restaurants und Cafés stehen zur Auswahl. Wer die Wahl hat, hat die Qual.
 

Ich erreiche den Marktplatz. Das spätgotische Rathaus aus dem Jahre 1430, ein imposanter Backsteinbau mit einem markanten Schaugiebel, zeugt von einer wirtschaftlichen Blütezeit. Hier ist im Erd- und Kellergeschoss das Stadtgeschichtliche Museum untergebracht. Neben dem Eingang steht eine von Lutz Gaede geschaffene Bronzeskulptur der Grete Minde. Eine gebeugte, barfüßige Frau, die schwere eiserne Handfessel trägt. Dieser Frau wurde 1617 zur Last gelegt, einen Brand in Tangermünde gelegt zu haben, der fast die ganze Stadt zerstörte. Grete Minde wurde, obwohl möglicherweise unschuldig, zum Tode verurteilt und auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Was für grausame Zeiten! Theodor Fontane hat ihr Schicksal aufgegriffen und in einer gleichnamigen Novelle verarbeitet. Ganz oben auf dem Rathausdach hat ein Storch sein Nest gebaut. So wandern viele Blicke gen Himmel und Kameras werden nicht nur wegen des Rathauses gezückt. 
 

Direkt gegenüber dem Rathaus befindet sich die Touristeninformation. Ich werfe einen Blick hinein und bekomme noch ein paar Tipps für meine Erkundungstour. Außerdem wird mein Blick für die Bedeutung Tangermündes geschärft:

Neben dem Status „Hansestadt“ trägt die Stadt auch den Beinamen „Kaiserstadt“. Warum das? Kaiser Karl IV. residierte 1373 – 78 in Tangermünde. Er erhob die Burg zu seiner nördlichen Nebenresidenz zum Prager Hradschin.

Von weitem ist bereits der hohe Turm der St. Stephanskirche sichtbar. Diese im gotischen Stil erbaute Backsteinkirche besitzt, so lese ich, besitzt eine der wertvollsten Orgeln aus den Frühbarock. Vor der Kirche lädt ein schmuck hergerichteter Platz zum Verweilen ein. Eine Passanten verrät mir, dass dieses Fleckchen von den Einheimischen als „Klein Sanssouci“ bezeichnet wird. Die Atmosphäre stimmt schon. Mittendrin der Stadtbrunnen, den ein Bronzerelief umschließt, auf dem bekannte Persönlichkeiten abgebildet sind, u.a.: Bischof Thietmar von Merseburg, Kaiser Karl IV, und besagte Grete Minde. Direkt neben der Kirche war die Schule erbaut worden. Heute befindet sich in den Schulstuben eine Lokalität mit deftigen Speisen. Gegenüber der Kirche warten die „Schlafstuben“, ein Hotel und Restaurant, auf Gäste.

Hünerdorfer Turm = Eulenturm

Nur ein paar Schritte weiter die Lange Straße entlang erzwingt der Eulenturm eine Gabelung der Straße. Ich schaue mir den Turm genauer an. Auch hier hilft eine kleine Informationstafel weiter: Es handelt sich um das Hünerdorfer Tor (mal mit h, mal ohne h geschrieben), ein 24 Meter hoher Wehrturm der ehemaligen Stadtbefestigung.

Warum wird der Hünerdorfer Turm nur Eulenturm genannt? Auch dazu gibt es eine Geschichte, die wieder zu der bedauernswerten Grete Minde führt. Im Burgmuseum erfahre ich später, dass dieser Turm als Frauengefängnis genutzt wurde. Als Grete Minde hier gefangen gehalten wurde, war ihr Jammern bis weit draußen zu hören. Die Leute sollen gesagt haben: Horch, die Eulen jammern wieder.

„Alte Brauerei“ = „Schulzens Hofbräu“


In unmittelbarer Nachbarschaft zum Eulenturm wird in der Lange Straße 34 wieder Bier gebraut. Die Altstädter scheinen eine Vorliebe für besondere Biernamen zu haben. In der Alten Brauerei (neues Label „Schulzens Hofbräu“) wird die Dicke Dörte gebraut. „Schulzens“ (Vater und Sohn) oder eben die „Alte Brauerei“ umfasst neben der Brauerei, ein Hotel, ein Restaurant, einen Festsaal und einen Biergarten mit Elbblick. Verschiedene Sorten der Dicken Dörte können in 2 Liter Flaschen erworben werden. Besonderer Clou, es handelt sich nicht um Pfandflaschen, sondern um Austauschflaschen. Ideen muss man haben! Aber warum überhaupt Dicke Dörte? In der Rezeption werde ich aufgeklärt: Bei dem katastrophalen Hochwasser im Jahre 2013 lief dem Herrn Schulz eine abgemagerte Katze zu, derer er sich annahm und die er auf den Namen Dörte taufte. Die Katze wurde aufgepäppelt und entwickelte sich dank der guten Kost zur „Dicken Dörte“. Nun ist sie Namensgeber für das von Christian und Armin Schulz gebrautem Bier. 
Die Schulzens haben noch mehr zu bieten. Sie sammeln wohl alles aus vergangenen Zeiten und haben in einer Scheune ein Museum „Schöne alte Welt“ eingerichtet. Der Eintritt ist frei. Es darf gespendet werden. Unglaublich, was man hier alles entdecken kann. Alte Werkstätten, Wohnungseinrichtungen, Möbel, Kleidung, Spielzeug, Alltagsgegenstände aller Art.
 

Salzkirche

Nur ein paar Schritte hinter dem Eulenturm befindet sich die St. Elisabeth-Kapelle, besser bekannt als Salzkirche – das Backsteingebäude wurde Anfang des 18. Jahrhunderts als Königliches Salzmagazin genutzt. Nach der Restauration in den 90er Jahren finden hier Konzerte und Ausstellungen statt. Inzwischen ziehen dunklere Wolken auf. Das sieht nach Regen aus, den fast alle sehnsuchtsvoll erwarten. Aber gerade jetzt in diesem Augenblick?

Ich möchte unbedingt noch in das Burgmuseum in der Schlossfreiheit Nr. 5. Doch kurz zuvor schnell noch einen Abstecher in die Galerie Guth. Hier kaufe ich frischen „Omas Ingwer-Tee“. Inzwischen habe ich ihn ausprobiert – sehr lecker! Einfach ausprobieren.

Bei dem Burgmuseum soll es sich um das älteste Haus der Stadt handeln. Auf jeden Fall geht es auch tief in das Kellergewölbe hinein. Eine alte Feuerstelle in einem verrußten Raum (Schwarzküche), der so hoch ist, dass einem beim Hochschauen fast schwindlig wird, legt Zeugnis über ein historisches Alter ab. Im Museum ist die Burggeschichte nachvollzogen. Außerdem gibt es wechselnde thematische Ausstellungen mit Bezug zur Stadt bzw. Region. 

Die über 1000 Jahre alte Burg ist die Keimzelle der Stadt Tangermünde. Heute beherbergt sie ein 4-Sterne Hotel. Durch das Burgtor schlendere ich auf den Burghof. Noch hält das Wetter. Das höchste Bauwerk der Burg ist mit ca. 50 Meter der Burgfried (Kapitelturm), der als Aussichtsturm genutzt wird und von dem man eine herrliche Aussicht auf die Elblandschaft hat. Darauf muss ich jetzt verzichten. Noch ein Blick auf das Denkmal von Kaiser Karl IV., ehe ich die Treppe zum Elbufer hinuntersteige. Dieser kleine Umweg zurück zum Parkplatz ist doch lohnenswert. Hier sieht man die unglaubliche Stadtbefestigung zur Flussseite hin, die mit einer Höhe von 10 bis 12 Meter Schutz gegen ein mögliches Hochwasser der Elbe bietet. Ich entdecke drei Zugänge von der Stadt zum Hafen am Fluss führen: Putinnen, Steigberg und Roßfurt. Das habe ich nachgelesen.

Die Wolken werden noch dunkler, der Wind frischt auf. In der Ferne höre ich das Grummeln eines Gewitters. Nun aber flott vorbei am ehemaligen Dominikanerkloster zurück zum Auto. 

 

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