St. Petersburg vom Wasser aus

 

02. August 2018

Nach dem Frühstück geht es schnurstracks zur Metrostation „Wasileostrovskaja“ und von dort mit der M3 zum „Newskij Prospekt“. Hier steigen wir in die Linie M2 um, die uns zum Bahnhof „Moskowskij Worota“ bringt. In der Tat, das ist nicht nur eine Metro-Station, sondern ein großer Fernbahnhof mit einem repräsentativen Bahnhofsgebäude im Neo-Renaissancestil.

Von hier startet auch der Sapsan, der Schnellzug, der die beiden großen russischen Städte Moskau und St. Petersburg verbindet. Jetzt werden wir uns die Tickets für die morgen geplante Reise kaufen, denn wir wollen mit dem Sapsan nach Moskau fahren.

Sapsan

ist ein von der deutschen Firma Siemens entwickelter Hochgeschwindigkeitszug, der an die besonderen Bedingungen in Russland angepasst ist. So ist der Zug bis -40°C uneingeschränkt betriebsfähig. Eine Klimaanlage sorgt für eine konstante Innentemperatur von 22°C. Es gibt vier Wagenklassen: Touristenklasse, Businessklasse, Premiumklasse und VIP-Lounge. Die durchschnittliche Geschwindigkeit des Sapsan (= Wanderfalke) auf der 635 Kilometer langen Strecke zwischen Moskau und Petersburg beträgt 250 Kilometer pro Stunde, d.h. eine Fahrt dauert 4 Stunden.

Im Bahnhofsgebäude sind Sicherheitskontrollen wie auf einem Airport. Das Gepäck, alle Taschen Koffer usw. werden durchleuchtet. Wir passieren den bekannten Detektorbogen. In dem Gewusel muss man sich erste einmal orientieren. In der weitgespannten Bahnhofshalle ist an den seitlichen Wänden das Hauptstreckennetz dargestellt. Wir entdecken Berlin … Auf einer großen Tafel sind die ankommenden und abfahrenden Züge angezeigt. An sich nichts Besonderes. Aber hier wechselt die Anzeige auch ins Chinesische. Das ist für uns schon ein ungewöhnlicher Anblick.

Nach dem Durchqueren der Halle landen wir auf den Bahnsteigen. Dort am Gleis 11 steht ein Sapsan!

Es ist kurz vor 13 Uhr. Er wird bald starten. Morgen werden wir dabei sein. Also wo gibt es die Tickets?

 

Der Sapsan ist abfahrbereit!

Tickets kann man am Schalter oder am Automaten erwerben. Es sind viele Schalter geöffnet. Man zieht eine Nummer, wartet bis diese aufleuchtet und geht zu dem angezeigten Schalter. Torsten zieht es aber zu den Automaten. Schließlich soll ja die Digitalisierung gelebt werden. Wir probieren eine Weile herum, dann hilft ein junger Mann in einer Uniform (ich denke an Ferienarbeit eines Studenten oder Schülers). Im Prinzip ähnelt das umfassende Procedere dem Kauf eines Flugtickets. Jede Menge Daten müssen eingegeben werden. Die Bezahlung erfolgt mit Kreditkarte oder EC-Maestro-Karte. Unsere Buchung ist sehr kurzfristig. Es sind nur noch wenige Plätze in der Premiumklasse frei. So bezahlen wir pro Ticket 156€. Im Preis sind ein warmes Essen, Kaffee, Tee, alkoholfreie Getränke, ein Reiseset (schicke Hauslatschen, Schlafmaske, Headset und Ohrstöpsel) und Zeitungen/Zeitschriften. Na, da bin ich ja mal gespannt.

Die Zugtickets sind in unserer Tasche. Das ist beruhigend. Nun macht aber Torsten Betrieb: Er möchte sich unbedingt sich einige Metrostationen ansehen – ganz berühmte von der ältesten Linie, der M1. Warum nicht.

Wir fahren also von „Moskowskij“ zwei Stationen bis „Teknologicheskij Institut“ und steigen dort in die berühmte M1 um. Die erste Station, die wir uns näher anschauen, ist „Avtovo“; es folgen „Kirowskij Zawod“ und „Baltiskaja“. Es waren keine Übertreibungen. Die Stationen gleichen in Größe und Ausstattung kleinen Palästen: Skulpturen, Kronleuchter, schmiedeeiserne Reliefs, Marmorverkleidungen und Marmormosaike, beidseitige Pylone, Wandgemälde.

M1 der Petersburger Metro

Der erste Abschnitt dieser ersten Metrolinie in Petersburg wurde 1955 eröffnet. Er umfasste zunächst sieben Stationen von „Ploschad Vosstanija“ (Platz des Aufstandes) bis Avtovo, die bis in die Gegenwart als die architektonisch schönsten der Petersburger Metro angesehen werden. Vorbild war die Moskauer Metro. Heute hat die Linie M1 19 Stationen und führt vom Nordosten über das Zentrum in den Südwesten der Stadt.

Torsten schaut auf die Uhr: Alle 2,5 Minuten braust eine Bahn in den Bahnhof. Man braucht wahrlich nicht zu rennen, um eine Bahn zu erreichen. Schon fährt der nächste Zug ein. In Petersburg gibt es Metrostationen, in denen das Gleisbett gar nicht zu sehen ist. Fahrstrecke und Bahnsteig sind durch eine Wand getrennt. Menschengruppen versammeln sich in kleineren Gruppen links und rechts eines langen, hohen Ganges. Zuerst konnte ich mir darauf gar keinen Reim machen, aber als plötzlich Bewegung in die Gruppen kam, war es klar: Sie standen vor geschlossenen Türen, die sich automatisiert öffnen, wenn ein Zug hält, wobei Wagentüren und Bahnsteigtüren passgenau gegenüberliegen.

Nach diesem Ausflug in die Metro-Welt fahren wir zurück bis „Newskij Prospekt“. Das klappt wunderbar. Inzwischen finden wir uns ganz gut zurecht. Doch jetzt brauchen wir erst einmal eine Pause und einen kleine Stärkung. Am Gribojedow Kanal kehren wir in eines der zahlreichen Cafés ein. Hier wartet eine Überraschung auf uns: die Bedienung spricht Deutsch. Sogleich fängt die junge Frau von Deutschland an zu schwärmen. Sie war Austauschschülerin in Heidelberg und Frankfurt am Main und würde gern in Deutschland studieren. Jetzt serviert sie uns in ihrem Ferienjob Kaffee, Pfannkuchen und russischen Salat, alles sehr schmackhaft. Manchmal ist die große Welt doch sehr klein.

Auf jeden Fall wollen wir heute an unserem Letzten Tag in Petersburg noch eine Bootstour auf der Newa machen. Schon die Tage zuvor haben wir immer wieder die vielen Schiffe und Boote in den Kanälen und auf der Newa gesehen. So richtig können wir uns nicht entschließen: Sollen wir auf der Newa oder in einem der Kanäle starten? So gönnen wir uns zunächst ein Eis und spazieren immer weiter in Richtung des Flusses.

Blick auf die Eremitage

Dort scheint eines der Boote abfahrtbereit zu sein. Wir klettern an Bord und suchen uns einen Platz an Deck. Die Sonne meint es sehr, sehr gut: 35°C im Schatten und keine Kopfbedeckung! Die Schiffsbesatzung hat die Ruhe weg, keine Anzeichen, dass in nächster Zeit irgendetwas passiert. Wir beobachten inzwischen andere Ausflugsboote, die aus den Kanälen kommen und auf der Newa eine Runde drehen, um dann wieder in einer Kanaleinfahrt zu verschwinden. Mit unserem Boot passiert nichts. Enttäuscht und verärgert verlassen wir es nach einer knappen halben Stunde. Nach diesem Reinfall findet Stefie als Erste tröstende Worte: Gute Entscheidung. Dieser Kahn macht nicht mehr lange mit. Er hat schon Schlagseite. Und – sie zeigt zurück – andere Leute gehen jetzt auch.

Bei einer der fest installierten Anlegeblocks machen wir einen erneuten Anlauf. Von hier aus starten keine Boote in die Kanäle, sondern größere Schiffe entweder nach Petershof oder rund um die Petersburger Inseln. Wir buchen eine Inselrundfahrt und schon geht es los. Ein Ticket kostet 850 Rubel. Die Sightseeing-Tour auf dem Wasser dauert zwei Stunden – und ist lohnenswert!

Ein komfortables Schiff und es gibt viel zu sehen: Schon von weitem ist die moderne Brückenkonstruktion zu sehen, die den Primorskij Bezirk mit der Krestowskij Insel verbindet, wo auch das für die Fußball-WM 2018 neu erbaute St. Petersburg-Stadion vom Schiff aus zu erkennen ist. Beim Passieren der Brücke über das Newa-Delta haben wir einen guten Blick auf das von dem japanischen Architekten Kisho Kurokawa errichtete futuristisch anmutende Stadion, das durch seine moderne Konstruktion (Spielfeld und Dach sind verschiebbar) auch für Kulturveranstaltungen aller Art genutzt werden kann. Wir nähern uns dem Gazprom-Tower, der neuen Zentrale des Energiekonzerns Gazprom im Stadtteil Lachta. Der 87-stöckige Wolkenkratzer wird mit 462 Meter der höchste seiner Art in Europa sein. Wie eine silberne Nadel sticht er in den Himmel, umgeben von weiteren Gebäuden eines neuen Konferenz-, Sport- und Freizeitareals. Abends und bei Nacht glitzert der Tower eindrucksvoll und ist auch von weitem gut zu bestaunen. Schon zu Beginn unserer Schiffsfahrt brausen diese riesigen Tragflächenboote an uns vorbei, dem schnellen Eindruck nach fliegen die nur so über das Wasser.

Unser Schiff zieht eine Schleife. Am linken Ufer befindet sich der Primorskij Bezirk mit dem Letija-Park (300. Jahrestag-Park) inklusive eines ausgedehnten Badestrands, auf dem sich viele Badelustige tummeln. Kein Wunder bei diesem Wetter! Nach der erneuten Brückendurchquerung erstreckt sich auf der rechten Seite ein großes Parkgelände. Der Kirow-Park ist ein öffentlicher Kultur-und Erholungspark auf der Elagin-Insel.

Panzerkreuzer „Aurora“

Unsere Tour geht weiter auf der Großen Newa entlang. An der Mündung in die Zentrale Newa fahren wir an dem legendären Panzerkreuzer „Aurora“ vorbei, der seinerzeit durch einen Schuss das Signal für den Sturm auf das Winterpalais, dem Sitz der provisorischen russischen Regierung, gegeben hatte. Das war der Beginn der Oktoberrevolution 1917. Seit 1960 steht der Kreuzer unter Denkmalsschutz und ist heute ein Museumsschiff.

Am Ende unserer Sightseeing-Tour können wir noch einen herrlichen Blick auf das gesamte Ensemble der Eremitage werden. Ein beeindruckendes Bild.

Reiterdenkmal Zar Peter I.

Nachdem wir das Schiff verlassen haben, stehen wir vor einem monumentalen Reiterdenkmal. Es zeigt den Zaren Peter I. hoch zu Ross. Sein sich aufbäumendes Pferd zertritt eine Schlange. Das Denkmal hatte die Zarin Katharina II. in Auftrag gegeben. Heute ist es eines der Wahrzeichen der Stadt.

Zum Abschluss des Tages geht ein Wunsch Torstens in Erfüllung: Wir speisen in einem georgisch-usbekischen Restaurant, dem „Kasan Mangal“, das ihm eine Kollegin empfohlen hatte. Genau genommen ist es nur für mich neu. Torsten und Stefie hatten es bereits gestern schon „getestet“ und für gut befunden. Sonst würden wir den langen Fußmarsch dorthin wohl auch nicht machen. Es ist ein rustikales Restaurant mit einer eigenen Note und sehr schmackhaftem Essen. Heute schließt kein Wodka das Essen ab, sondern ein armenischer Brandy „Ararat-5 Sterne“. Feine Sache, sehr sanft. Das lässt sich trinken.

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