Quer durch St. Petersburg

 

31. Juli 2018

Nach einem guten Früh­stück bege­ben wir uns auf Erkun­dungs­tour durch Peters­burg. Wie macht man das bei einer der­ar­tig gro­ßen Stadt? Mit einem Bum­mel durch das Zen­trum. Mit der Metro fah­ren wir zwei Sta­tio­nen bis Maja­kow­ska­ja (Wla­di­mar Maja­kow­ski (1993–1930): avant­gar­dis­ti­scher Lyri­ker). Heu­te haben wir Zeit, uns die­se Sta­ti­on, die 1967 in Betrieb genom­men wur­de,   genau­er anzu­se­hen. Es han­delt sich um einen Bahn­hof „geschlos­se­nen“ Typs mit Bahn­steig­tü­ren, die sich auto­ma­tisch vor den Zug­tü­ren öff­nen, wenn ein Zug hält, d.h. das Gleis­bett ist nicht sicht­bar.

Zurück ans Tages­licht ste­hen wir mit­ten auf dem New­skij Pro­spekt, eine mit 4,5 Kilo­me­ter unglaub­lich lan­ge und über­aus beleb­te Stra­ße. Vom Admi­ral­s­pro­spekt nahe dem Palast­platz ver­läuft sie quer durch das Peters­bur­ger Zen­trum bis zum Alex­an­der New­skij Klos­ter (Alex­an­der New­skij (1220–1263): rus­si­scher Groß­fürst, Natio­nal­held und Hei­li­ger der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che).

Wir wer­den also nur einen Abschnitt auf unse­rem Spa­zier­gang ken­nen­ler­nen kön­nen. Die Dimen­sio­nen sind hier eben mehr als groß. Der Ber­li­ner Kur­fürs­ten­damm ist im Ver­gleich dazu eine gemüt­li­che Ein­kaufs­stra­ße. Vor­bei an diver­sen Ein­kaufs­lä­den, Restau­rants und Cafés, an wun­der­schö­nen archi­tek­to­ni­schen Pracht­bau­ten kom­men wir an einen Fluss namens Fon­tan­ka. Die­ser Neben­fluss der Newa wird von der Anit­sch­kow-Brü­cke über­quert, die durch vier Pfer­de­bän­di­ger­skulp­tu­ren sofort auf­fällt.

 

Am Ost­row­ski-Platz (Alex­an­der Ost­row­ski (1823–1886): rus­si­scher Dra­ma­ti­ker) ent­de­cken wir ein Denk­mal von Katha­ri­na II. Ein paar Schrit­te wei­ter ste­hen wir vor dem größ­ten Ein­kaufs­zen­trum Peters­burgs, dem Gosti­ny Dvor („Han­dels­hof“). Da müs­sen wir ein Blick hin­ein­wer­fen. Geschäft an Geschäft, alles sehr fein und zum Ver­lau­fen groß. Vor dem Gebäu­de­kom­plex wird musi­ziert. Ja, wohin nun? Es gibt so viel zu sehen.

 

Wir ent­schei­den uns nach eini­gem Hin und Her für einen Abste­cher in die Sado­wa Stra­ße. Die­se führt zu einem Park, in des­sen Mit­te ein monu­men­ta­les Pusch­kin-Denk­mal thront; Jun­ge Leu­te in his­to­ri­schen Kos­tü­men fra­gen. Ein Foto gefäl­lig? War­um nicht. Hand­le­sen? Nein, das bit­te nicht. Hin­ter dem Park erstreckt sich ein rie­si­ges Gebäu­de im klas­si­zis­ti­schen Stil. Eine Tafel klärt auf: Es han­delt sich um das Staat­li­che Rus­si­sche Muse­um, dem ehe­ma­li­gen Michailow­ski-Palast. Lei­der heu­te geschlos­sen.

 

Ein klei­ner Schwenk rechts in die Gri­bo­je­dov Kanal­stra­ße und vor uns die Erlö­ser­kir­che, auch Auf­er­ste­hungs- oder Blut­kir­che genannt. Ihre gol­de­nen und bun­ten Tür­me glän­zen in der Son­ne. Der Haupt­turm ist ein­ge­rüs­tet und ver­hüllt. Ähn­lich der Basi­li­us-Kathe­dra­le in Mos­kau – geht mir durch den Kopf. Die Kir­che, erbaut im alt­rus­si­schen Stil, ist heu­te ein Muse­um. Sie wur­de auf dem Platz errich­tet, auf dem Zar Alex­an­der II. im März 1881 einem Atten­tat zum Opfer fiel. Tors­ten und ich wol­len ein Blick hin­ein­wer­fen, Ste­fie zieht es vor, sich ein schat­ti­ges Plätz­chen im angren­zen­den Michailow­ski-Park zu suchen. Eine klei­ne Schlan­ge vor den Kas­sen, aber die War­te­zeit ist über­schau­bar. Wir kau­fen uns ein Ticket für 250 Rubel und betre­ten die Kir­che. Alle Wän­de und Decken, ja sogar der Fuß­bo­den sind mit iko­ni­schen Mosai­ken gestal­tet, auf­wen­di­ge Holz­schnitz­ar­bei­ten mit Edel­stei­nen abge­setzt. Ein Reich­tum wie in einem Mär­chen.

Ste­fie hat gedul­dig auf uns gewar­tet. Tors­ten holt zwei Hot­dogs, ich ent­schei­de mich für einen Obst­be­cher. Jetzt ist erst ein­mal Pau­se auf einer im Schat­ten ste­hen­den Park­bank. Die Son­ne meint es ein­fach zu gut.

Der Rück­weg auf den New­ski-Pro­spekt führt direkt auf die Kasaner Kathe­dra­le, die mit ihrer Kup­pel und den Kolon­na­den ein wenig an den Peters­dom in Rom erin­nert. Und das ist auch kein Zufall, hat doch Zar Paul I. bestimmt, eine Kir­che im Sti­le des Peters­do­mes zu errich­ten.

Sin­ger-Haus

Gegen­über fällt ein außer­ge­wöhn­li­ches Haus sofort ins Auge. Ein wun­der­schö­nes Jugend­stil­ge­bäu­de mit einem Glas­turm und dar­auf eine Glas­ku­gel­skulp­tur: Haus des Buches bzw. Sin­ger-Haus. Haus des Buches, das ist klar, es beher­bergt eine Biblio­thek. Aber war­um Sin­ger-Haus? Davon hat Tors­ten schon gehört: Es wur­de 1904 als rus­si­scher Fir­men­sitz der bekann­ten ame­ri­ka­ni­schen Näh­ma­schi­nen­fir­ma Sin­ger erbaut. Wir dre­hen uns noch ein­mal um, wirk­lich schick.

Jetzt ste­hen wir direkt auf dem weit­läu­fi­gen Palast­platz und schau­en auf die fast 50 Meter hohe, aus rotem Gra­nit gefer­tig­te Alex­an­der­säu­le und den ehe­ma­li­gen Win­ter­pa­last des Zaren.

Das impo­san­te baro­cke weiß-hell­grü­ne Gebäu­de gehört zur welt­be­kann­ten Ere­mi­ta­ge, einem der größ­ten Kunst­mu­se­en der Welt. Ein erha­be­nes Gefühl, das die müden Füße für eine gewis­se Zeit ver­ges­sen lässt.

Ere­mi­ta­ge – ist ein Kom­plex aus fünf Gebäu­den: Win­ter­pa­last, Klei­ne Ere­mi­ta­ge, Neue Ere­mi­ta­ge, Alte Ere­mi­ta­ge und das Ere­mi­ta­ge Thea­ter. Heu­te ver­schaf­fen wir uns nur einen Über­blick und infor­mie­ren uns, wo die Tickets zu erwer­ben sind und wie wir am bes­ten die lan­ge War­te­schlan­ge umge­hen kön­nen. Ein Besuch ist für den mor­gi­gen Tag geplant. Dafür braucht man ganz sicher Zeit und Kraft.

Jetzt bum­meln wir wei­ter über die Schloss­brü­cke über die Newa auf die Was­si­liew­ski-Insel auf der Suche nach einem ruhi­gen Plätz­chen und einer klei­nen Stär­kung. Hier ver­ei­ni­gen sich die Gro­ße und die Klei­ne Newa und man hat einen herr­li­chen Blick auf die Ere­mi­ta­ge, den Fluss und die Peter-und Paul-Fes­tung. An der Spit­ze der Insel auf dem Bör­sen­platz (Bir­sche­wa­ja P.) erhe­ben sich zwei bau­glei­che his­to­ri­sche rote Rostral­säu­len, aus denen seit­lich jeweils vier bron­ze­ne Schiffs­rümp­fe her­aus­ra­gen. Vier alle­go­ri­sche Stein­fi­gu­ren am Säu­len­fuß ste­hen für die vier gro­ßen Flüs­se Wol­ga, Newa, Dne­pr und Wol­schow. Gegen­über erstreckt sich das domi­nan­te klas­si­zis­ti­sche Gebäu­de der ehe­ma­li­gen Bör­se, heu­te beher­bergt es das Marine­mu­se­um.
 
In unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft fin­den wir ein gemüt­li­ches Restau­rant “Eura­sia”. Für jeden fin­det sich das Pas­sen­de: Borsch, Sol­jan­ka und Sushi, Limo­na­de und Smoot­hie.
Alles lecker. Ah, das ist ja inter­es­sant, Leu­te mit Club­kar­ten haben Ver­güns­ti­gun­gen. Eine jun­ge Frau „borgt“ sich so eine Kar­te von einem frem­den Pär­chen aus, um beim Bezah­len den Rabatt zu erhal­ten. Das geht fast ohne Wor­te von­stat­ten. Wäh­rend wir noch stau­nen, kommt die Che­fin des Hau­ses an unse­ren Tisch: Herz­li­ches Will­kom­men. 20% Rabatt auf alles. Gesamt­rech­nung: 1415 Rubel. Ein Restau­rant vol­ler Wun­der. 
 

So gestärkt wan­dern wir das lan­ge Newa-Ufer ent­lang. Auf­grund posi­ti­ver Erfah­run­gen mit schot­ti­schen und iri­schen Whis­ky-Muse­en, wol­len wir zum Wod­ka-Muse­um, das wir auf irgend­ei­nem Fly­er ent­deckt haben. Oh, der Weg wird lang und län­ger und die Bei­ne schwer und schwe­rer. Aber schließ­lich ste­hen wir vor einem viel­ver­spre­chen­den Restau­rant auf dem Kon­nog­var­deyskij Bou­le­vard 50, in dem sich ein pri­va­tes Wod­ka-Muse­um befin­det. Es ist in kei­ner Wei­se mit den oben genann­ten Whis­ky-Muse­en ver­gleich­bar. Scha­de. In zwei Räu­men erfährt man etwas über Geschich­te und Her­stel­lung des rus­si­schen Natio­nal­ge­tränks. Ste­fie nutzt einen Audio­gui­de. Ich fin­de alles sehr sta­tisch. Aber das hier ist zum Schmun­zeln: Über einer Vitri­ne hängt ein Bild des Zaren Peter I. In der Vitri­ne steht ein 1 Liter Glas. Wenn ein Gast sich bei einer Fei­er des Zaren ver­spä­te­te, muss­te er einen Liter Wod­ka auf ein­mal trin­ken. Na dann Prost bzw. Nasta­ro­vje! Wer möch­te, kann an einer Ver­kos­tung teil­neh­men. Wir möch­ten nicht.

 

Uns zieht es jetzt zurück ins Hotel: Wo ist die nächs­te Metro-Sta­ti­on? Mein Gott, was für Ent­fer­nun­gen. Wir soll­ten ein Taxi neh­men. Soll­ten wir, machen es aber nicht.

Isaac-Kathe­dra­le

Auf unse­rem Marsch kom­men wir an der Isaac-Kathe­dra­le vor­bei, deren gol­de­ne Kup­pel schon vom ande­ren Ufer der Newa zu bewun­dern war. Aber jetzt haben wir dafür kei­ne Kraft mehr. End­lich errei­chen wir die Admi­ral­t­eis­ka­ja Sta­ti­on, übri­gens die tiefs­te Metro­sta­ti­on in Peters­burg. Die Roll­trep­pen trans­por­tie­ren die Fahr­gäs­te 86 Meter unter die Erde. Das dau­ert sei­ne Zeit. So sind die meis­ten Leu­te auf der Roll­trep­pe mit irgend­et­was beschäf­tigt. Car­pe diem.

Gegen 20 Uhr kön­nen wir im Hotel die Bei­ne hoch­le­gen. Das tut gut. Und eine Dusche. 21:30 Uhr nut­zen wir das Ange­bot des Hotels zum Abend­essen. Hier tref­fen wir auf zwei schot­ti­sche Schwes­tern, die es sich bei einem Glas Wein gut­ge­hen las­sen. Das wird ein lan­ger Abend. Der Wein lockert die Zun­gen. Was einem doch alles für eng­li­sche Wör­ter ein­fal­len und wie locker man plötz­lich in der frem­den Spra­che reden kann.

 

 

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