Mont-Saint-Michel und Cantale

20.09.2016
Wie gehabt genie­ßen wir ein gutes Früh­stück. Danach ist eine ein­stün­di­ge Schreib­pau­se ange­sagt. Kurz nach elf Uhr machen wir uns auf den Weg nach Mont-Saint-Michel, einer klei­nen Gemein­de in der Nor­man­die mit weni­ger als 50 Ein­woh­nern, dafür aber mit einer Rie­sen­at­trak­ti­on: eine Abtei auf einem Fel­sen mit­ten im Wat­ten­meer; bei Flut von Was­ser umge­ben, bei Ebbe von Watt­wan­de­rern umrun­det. Von Saint-Malo bis Mont-Saint-Michel sind es etwa 60 Kilo­me­ter. Auf unse­rer Fahrt durch­que­ren wir immer wie­der auf­fal­lend schmu­cke Dör­fer. Schon von wei­tem ist der Fel­sen mit der Klos­ter­kir­che sicht­bar: ein erha­be­nes Monu­ment in einer fla­chen Land­schaft. Ca. zwei Kilo­me­ter vor unse­rem Ziel wer­den wir auf einen Park­platz gelei­tet. Was für ein Are­al! Unglaub­lich! Die­ser Park­platz ist so groß, als wol­le man hier alle Autos von Frank­reich unter­brin­gen. Nun stel­le man sich vor, er wäre wirk­lich voll belegt, also in der Haupt­rei­se­zeit. Alle die­se Men­schen woll­ten auf die Insel und Mont-Saint-Michel besich­ti­gen. Unvor­stell­bar, wie soll­te das gehen?
Nun, wir haben die­se Sor­ge nicht. Im Sep­tem­ber ist die Anzahl der Tou­ris­ten über­schau­bar, was aber bei­lei­be nicht heißt, dass es weni­ge sind. Auf jeden Fall ist hier alles per­fekt orga­ni­siert. Direkt am Park­are­al (das Wort Park­platz ist für die­se Anla­ge zu mick­rig) war­ten spe­zi­el­le Shut­tle-Bus­se auf die Besu­cher, um sie auf die Insel zu brin­gen. Das ist kos­ten­los oder inklu­si­ve der Park­ge­bühr, hängt von der eige­nen Inter­pre­ta­ti­on ab. Wenn ein Bus voll ist, star­tet er. Die Fahrt dau­ert eini­ge Minu­ten und führt über eine ein Kilo­me­ter lan­ge Stel­zen­brü­cke, die extra erbaut wur­de, um die Insel unab­hän­gig von den Gezei­ten errei­chen zu kön­nen, eine rela­tiv neue Errun­gen­schaft. Erst vor zwei Jah­ren wur­de die Brü­cke eröff­net. 

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Der Bus stoppt am Ende der Brü­cke. Wir sind auf der knapp 100 Meter hohen Insel, vor uns die impo­san­ten Bau­ten der Abtei. Ein über­wäl­ti­gen­der Anblick! Am Fuße der Befes­ti­gung par­ken vier grö­ße­re wei­ße Vans, die ins Auge fal­len. Ein japa­ni­sches Film­team berei­tet sich offen­sicht­lich auf Dreh­ar­bei­ten vor. Die Tech­ni­ker wuseln flink hin und her.

Durch das Bavo­le-Tor kom­men wir auf die ein­zi­ge Stra­ße, die zur Abtei führt. Eine enge Stra­ße, immer berg­auf, rechts und links Gast­stät­ten und Sou­ve­nir­lä­den in Hül­le und Fül­le – eben alles, wofür sich ein Tou­rist so inter­es­sie­ren könn­te.

20-saint-michel-11Ab und zu unter­bre­chen wir den Auf­stieg und schau­en über das end­los schei­nen­de Was­ser bzw. Watt. Die Ebbe ist in vol­lem Gan­ge. Was für ein Schau­spiel!

 Mont-Saint-Michel

708 lässt Aubert, der Bischof von Avran­ches, auf der Fel­sen­in­sel Mont-Tom­be zu Ehren des Erz­engels Micha­el eine Kir­che errich­ten. Im 10. Jahr­hun­dert über­neh­men Bene­dik­ti­ner-Mön­che die Abtei. Am Fuße des Ber­ges ent­steht ein klei­nes Dorf. Mont-Saint-Michel ist eine wehr­haf­te Anla­ge. Sei­ne Wäl­le und Befes­ti­gun­gen sind unein­nehm­bar. Das müs­sen auch die Eng­län­der erfah­ren. So erklärt sich der hohe Sym­bol­wert für die fran­zö­si­sche Iden­ti­tät. 1874 wird die gesam­te Anla­ge zum Bau­denk­mal erho­ben und restau­riert. Seit 1979 ste­hen der Mont-Saint-Michel und sei­ne Bucht auf der Lis­te des Welt­kul­tur­er­bes der UNESCO und Teil des Jakobs­we­ges.

  

Wir errei­chen die Kathe­dra­le. In der Emp­fangs­hal­le – alles wohl orga­ni­siert – ist der Ein­tritt zu ent­rich­ten: 9€. Mit dem Ticket kann der Auf­stieg fort­ge­setz­te wer­den. Wir besich­ti­gen die Kathe­dra­le, das Klos­ter mit sei­nem berühm­ten Kreuz­gang.

 

20-saint-michel-watt-6Und immer wie­der ein Blick in die für uns so unge­wöhn­li­che Land­schaft. Jetzt sind zuneh­mend klei­ne Punk­te aus­zu­ma­chen, die sich im Watt bewe­gen. Watt­wan­de­rer waten in klei­nen und grö­ße­ren Grup­pen durch den pam­pi­gen, schlam­mi­gen Boden. Hier ist das pas­sen­de Schuh­werk gefragt! 

Wir tre­ten den Rück­weg an. Klingt ein­fach, ist es aber nicht. Der Abstieg erfolgt durch eine sehr enge, stei­le, nicht enden wol­len­de Wen­del­trep­pe. Das ist schon eine Her­aus­for­de­rung. Inzwi­schen hat die Ebbe ihren Höhe­punkt erreicht. Die gesam­te Bucht, übri­gens die größ­te in Frank­reich, ist leer­ge­lau­fen. Der Unter­schied zwi­schen höchs­tem und nied­rigs­tem Was­ser­stand beträgt sage und schrei­be bis zu 14 Meter. Das japa­ni­sche Film­team hat­te sich auch ins Watt bege­ben und befin­det sich auf dem Rück­weg.

Im Dorf keh­ren wir in eines der vie­len Restau­rants ein, um eine Stär­kung zu uns zu neh­men und natür­lich auch, um die bean­spruch­ten Bei­ne zu stre­cken. Der Shut­tle-Bus bringt uns zurück auf den Park­platz. Jetzt muss bezahlt wer­den: 11,60€. Das ist zunächst ein Pro­blem, weil wir das Sys­tem nicht ver­ste­hen. Aber wir sind in guter Gesell­schaft. Das geht ande­ren genau­so. Nach eini­gem Hin und Her kön­nen wir bezah­len (nur mit Kar­te!) und den Park­platz ver­las­sen.

Auf dem Rück­weg bie­gen wir spon­tan in Rich­tung Küs­te ab und lan­den in Can­ta­le, einem klei­nen, hüb­schen Fischer­ort an der so genann­ten Sma­ragd­küs­te, der durch sei­ne Aus­tern­zucht bekannt ist. All das haben wir spä­ter erfah­ren. Zunächst war uns Can­ta­le völ­lig unbe­kannt.

 

Noch ist Ebbe in der Bucht von Mont-Saint-Michel. Jetzt sehen wir die Aus­tern­zucht­an­la­gen. Rie­sig! Mit­ten­drin etli­che gro­ße, schwe­re Trak­to­ren, die boots­ähn­li­che Wagen zie­hen, auf denen die Tages­ern­te ein­ge­fah­ren wird. Am Ufer bie­ten meh­re­re Händ­ler fri­sche Aus­tern an, immer im Dut­zend zum sofor­ti­gen Ver­zehr. Davon wird offen­sicht­lich reich­lich Gebrauch gemacht, wovon die sich hoch auf­tür­men­den Scha­len­ber­ge zeu­gen. Die Leu­te sit­zen auf der Brüs­tung, schlür­fen die fri­schen Aus­tern mit Blick auf die Sil­hou­et­te des Mont-Saint-Michel, die sich über das in der Bucht nach­lau­fen­de, in der spä­ten Nach­mit­tags­son­ne glit­zern­de Was­ser erhebt. Sma­ragd­küs­te – die Bezeich­nung kommt von dem fas­zi­nie­ren­den Far­ben­spiel, das wir mit­er­le­ben. Immer wie­der ändert das Was­ser sei­ne Far­be, mal schim­mert es mehr Blau, mal mehr Grün.

 

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Wir haben uns einen Platz in einem der Restau­rants reser­vie­ren las­sen. Eine gute Idee. Ab 19 Uhr öff­nen die­se ihre Pfor­ten. Es dau­ert nicht lan­ge, dann sind alle voll belegt. Unglaub­lich. Wir haben einen guten Platz mit Blick auf den Hafen und die Bucht. Immer noch zuckeln die Trak­to­ren mit ihrer Aus­tern­fracht durch den Ort. Nun ist auch eine gewis­se Eile ange­ra­ten. Die Flut war­tet nicht. Dann geht es schnell; alle Austern­bän­ke sind im Was­ser ver­schwun­den. Von dem Aus­tern­park ist kei­ne Spur mehr zu sehen. Für uns ein unver­gess­li­ches Schau­spiel, für die Ein­hei­mi­schen All­tag.

Es ist schon dun­kel, als wir uns auf den Rück­weg nach Saint-Malo in unser Hotel machen.

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