Kultur und Historie von St. Petersburg

 

01. August 2018

Wir lassen uns Zeit mit dem Frühstück. Heute steht ein Besuch der Eremitage auf unserem Erkundungsplan und – wie schon gesagt – dafür braucht man ganz sicher Zeit und Kraft. Also gehen wir den Tag ruhig an. Unser erstes Ziel ist die Metro-Station Sportivnaja. Dort am Ufer der Kleinen Newa ist ein Zugang. Eine Rolltreppe führt hinab in einen Fußgängertunnel. Noch ist von der Metro-Station nichts zu sehen. Laufbänder wie auf einem großen Airport helfen die Strecke zu bewältigen. Der Tunnel führt in einer Tiefe von fast 70 Meter auf die andere Seite des Flusses. Und dort sichten wir auch die Station Sportivnaja der Linie M5. Die Ausgestaltung der Station macht deren Namen „Sport“ alle Ehre. Themen der antiken olympischen Spiele sind in monumentalen Malereien und Skulpturen dargestellt. Die Lampen erinnern an olympische Fackeln. Ein Auszug aus der von Pierre de Coubertin (1863-1937) verfasste Ode an den Sport ist an einer Wand verewigt. Langes Warten auf den nächsten Zug ist auch hier kein Thema. Schon rollt die Bahn ein. Wir fahren nur eine Station bis „Admiralteiskaja“. Aber es lohnt sich, die Metro zu nehmen.

Alexander-Säule

Von der Admiralteiskaja sind es nur ein paar Schritte bis zum Palastplatz. Schon aus einiger Entfernung sehen wir die markante Alexandersäule, die 1834 nach dem Sieg über Napoleon errichtet wurde – ein 25 Meter hoher Monolith mit einem Umfang von 3,50 Meter. Er steht auf einem Podest, das ringsherum mit Reliefs versehen ist, die an die ruhmreichen Kämpfe und hehre Einstellungen erinnern sollen. Der 600 Tonnen schwere Granitkoloss wurde von 3000 Männern auf dem Podest aufgerichtet und steht dort ohne weitere Verankerung. Unglaublich!

Jetzt macht sich unsere gestrige Inspektion bezahlt. Zielgerichtet durchqueren wir den Durchgang zum Innenhof und gehen direkt zu den Ticketautomaten.
Der Ticketkauf erfolgt ohne Probleme und recht schnell. Die Digitalisierung scheint in dem Land also durchaus angekommen zu sein, wie wir auch im Verlauf unserer Reise immer wieder bemerken. So bleibt uns langes Anstehen erspart. Ein großer Vorteil bei diesen sommerlichen Temperaturen!

Öffnungszeiten
Di, Do, Sa, So:
10:30-18 Uhr

Mi, Fr: 10:30-21 Uhr

Eintritt
Erwachsene: 700 Rubel

(Russen und Weißrussen:
400 Rubel)

Kinder und Jugendliche: frei

Durch einen Seiteneingang gelangen wir direkt in den Winterpalast, einem Teil der Eremitage. Nun sind wir in einem der größten Kunstmuseen der Welt, das einst von der Zarin Katharina II. gegründet worden ist. Die Anfangsgeschichte ist für uns recht interessant, führt sie doch in unsere Heimatstadt Berlin. Die Zarin erwarb 1764 von dem Berliner Kunsthändler Johann Gotzkowsky (nach dem eine der Berliner Spreebrücken benannt ist) 225 Gemälde gewissermaßen als Erstausstattung. Ein Jahr darauf kaufte sie aus dem Nachlass des Grafen Heinrich von Brühl, Minister unter dem sächsischen König August der Starke, fast 1000 Gemälde. So begann eine der umfangreichsten und wertvollsten Kunstsammlungen der Welt.

Ein Museumsplan soll beim Rundgang helfen. Er zeigt die Grundrisse des Erdgeschosses (1st floor), der ersten (2nd floor) und zweiten (3rd floor) Etage. Insgesamt sind es 350 Ausstellungsräume.

Im Erdgeschoss sind Artefakte aus Sibirien, Zentralasien, dem Kaukasus, dem Nahen Osten, Eurasien und dem Alten Ägypten sowie antike griechische und römische Fundstücke zu bewundern.

In der ersten Etage ist die Auswahl der Schaustücke noch größer. Vorab eine Auswahl zu treffen ist bestimmt sinnvoll. Was möchte man sich anschauen? Hier die Schwerpunkte: Russische Kultur, die Ausstattung des Winterpalastes, Gemälde und Kunst aus Frankreich, Spanien, Deutschland, Großbritannien, Flandern, Italien, den Niederlanden. Kunst aus dem alten Russland, westeuropäische mittelalterliche Kunst bzw. Bewaffnung oder die Große Kirche des Winterpalastes.

Im zweiten Stock befinden sich Kunstzeugnisse aus dem Fernen Osten und Zentralasien, islamische Kunst aus dem Nahen Osten und Byzanz sowie diverse Münz- und Medaillensammlungen.

Auf dem Plan ist alles sehr übersichtlich dargestellt, doch die Größe ist eben nicht zu unterschätzen. Wir wollen einen interessengeleiteten Rundgang unternehmen und verabreden einen Treffpunkt.

Ich laufe durch die Hallen, schaue, lese, fotografiere und frage ab und an eine der zahlreichen Aufsichtspersonen nach einem Detail. Aber weder Englisch und Deutsch helfen hier weiter und mein fragmentarisches Russisch auch nicht. Ist vielleicht beim ersten Besuch auch nicht wichtig. Der Gesamteindruck zählt und der ist überwältigend. Klassizistisch, barock, impressionistisch, expressionistisch, naturalistisch, realistisch, kubistisch, abstrakt, avantgardistisch, …

Nach zwei Stunden treffen wir uns in im Eremitage-Café. Hinsetzen, Beine ausstrecken (soweit dies möglich ist), einen Imbiss zu sich nehmen und etwas trinken. Oh ja, das tut gut.

Nach diesem intensiven Erlebnis zieht es mich noch in den Menschikow-Palast. Das liegt wohl an dem schon erwähnten Roman von Alexej Tolstoi „Peter der Erste“, der in mir ein lebendiges Bild von Alexander Menschikow, dem Freund und Berater des Zaren, hat entstehen lassen. Torsten und Stefie haben diesen Bezug nicht und begeben sich auf eine eigene Erkundungstour (Moskauer Eis, Park mit Springbrunnen, georgisches Restaurant „Kasan Mangal“ u. a .).

Blick von der Palastbrücke auf die Newa

Ich mache mich bei schönsten Sonnenschein auf den Weg, überquere die Palastbrücke auf die Wassiliewski-Insel und schlendere am Ufer der Großen Newa entlang.

Auf der Karte sieht das alles sehr überschaubar aus. Es ist aber – wen verwundert es – ein ausgedehnter Spaziergang.

Jetzt stehe ich vor dem barocken dreistöckigen Gebäudekomplex, der der erste Steinbau in der damaligen jungen russischen Hauptstadt gewesen sein soll. Es wurde für den Gouverneur der Stadt, eben jenen Alexander Menschikow (1673-1729) erbaut, und prunkvoll ausgestattet. Vor dem Palast am Ufer der Newa konnten die Schiffe der Gäste des Fürsten in einer gemauerten Hafenanlage anlegen. Wie komfortabel!

Gaststätte

Heute befindet sich in einem Teil des Palastes ein Restaurant, ein anderer Teil ist als Museum hergerichtet, in dem man original getreu restaurierte Wohnräume des Fürsten Menschikow besichtigen kann.

Erfreulich, die Eintrittskarte der Eremitage ist auch hier gültig.

Die Eingangshalle war mit antiken Statuen geschmückt. Im Erdgeschoss befinden sich hauptsächlich die Räume des Personals. Die Wohnräume des Fürsten befinden sich vornehmlich in der zweiten Etage. Die Wände sind mit Eichenholzvertäfelung versehen oder mit Kacheln im holländischen Stil verkleidet. Schwere mit Intarsien versehene Holzmöbel, dekorative Gemälde, kunstvolle Parkettfußböden, Tapisserien, Teppiche, Seidentapeten, Stuckverzierungen, Deckenmalerei – alles zeugt vom Reichtum des Alexander Menschikow. Dieser fiel allerdings nach dem Tode seines Gönners in Ungnade, verlor 1727 seinen Besitz und wurde nach Sibirien verbannt. Die sprichwörtliche Weisheit „Ende gut, alles gut“ trifft hier wohl nicht zu.

Nach dem Rundgang wandere ich zurück zum Hotel. Es ist in der Tat eine kleine Wanderung, zunächst an der Newa entlang bis zur 10-11 Linie, so heißt die rechtwinklig abgehende Querstraße, die direkt zum Hotel führt.

Zum Abendbrot machen wir uns gegen 19:30 Uhr gemeinsam auf zum Restaurant „Dve Palotschki“ („Zwei Schwalben“) auf dem Srednij Prospekt. Dort hatte es uns sehr gefallen und wir werden auch jetzt nicht enttäuscht.

Zudem entdecken wir noch eine Besonderheit: Zwei Toiletten in einer. Ich gestehe, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen und über die Funktion kann man nachdenken. Vielleicht ist es auch einfach ein Spaß?

Den Tag beschließen wir in dem uns bereits bekannten „Solo Sokos Hotel Palace Bridge“ mit einem eisgekühlten Wodka Standard Original, der uns noch besser mundet als der Standard Platin. Ja, über Geschmack kann man trefflich streiten.

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