Kloster Jerichow

 

Juli 2018
Unweit von Sten­dal und Tan­ger­mün­de befin­det sich mit dem im 12. Jahr­hun­dert gegrün­de­ten Klos­ter Jeri­chow eine wei­te­re Sehens­wür­dig­keit in der Alt­mark, die es sich als Teil der Stra­ße der Roma­nik zu ent­de­cken lohnt. Jeri­chow – was besagt die­ser Name? Er ist sla­wi­schen Ursprungs: „Jeri“ heißt so viel wie „forsch“ und „chow“ bedeu­tet „Burg oder Ver­steck“. Heu­te wer­de ich mir das ehe­ma­li­ge Klos­ter anschau­en. Von Sten­dal aus ist Jeri­chow mit dem Auto in 20 Minu­ten erreicht – wenn da nicht eine Stra­ßen­groß­bau­stel­le wäre. Aber ich habe kei­ne Eile. Und so neh­me ich die War­te­zeit ganz ent­spannt.
Schon von wei­tem erbli­cke ich die bei­den stolz auf­ra­gen­den Tür­me der roma­ni­schen Klos­ter­kir­che, dem ältes­ten Back­stein­bau Nord­deutsch­land. Die Klos­ter­an­la­ge liegt etwas außer­halb der Stadt Jeri­chow, gleich am Anfang, wenn man von der B188 kommt. Ein kos­ten­lo­ser Park­platz erfreut die Besu­cher. Im ehe­ma­li­gen Schä­fer­stall ist die Kas­se und ein Sou­ve­nir­shop unter­ge­bracht. Ein paar Schrit­te wei­ter ent­de­cke ich eine ein­la­dend aus­se­hen­de Gast­stät­te, das „Klos­ter­mahl“. Aber ich möch­te zuerst mir das Klos­ter anschau­en. 6 Euro Ein­tritt, plus 2 Euro, wenn man foto­gra­fie­ren möch­te. Ich will. Man bekommt einen Chip, mit dem sich das Dreh­kreuz am Klos­ter­ein­gang bewe­gen lässt. 
Sicher liegt es auch an dem herr­li­chen Wet­ter, Son­nen­schein und eine leich­te Bri­se, das mich mei­ne ers­ten Schrit­te zum Klos­ter­gar­ten len­ken lässt. In dem ehe­ma­li­gen Pum­pen­haus des Klos­ters hat ein klei­nes Café sei­ne Pfor­ten geöff­net, das Erfri­schun­gen und einen klei­nen Imbiss anbie­tet. Hier mache ich eine kur­ze Rast. Hoch über dem Café auf dem alten Schorn­stein hat ein Stor­chen­paar sein Nest gebaut. Ab und zu bli­cken drei Jung­vö­gel neu­gie­rig in die Welt. Bei dem wie­der­be­leb­ten Klos­ter­gar­ten han­delt sich um einen mit­tel­al­ter­lich gepräg­ten Nutz­gar­ten, der wohl geord­net in fol­gen­de Abtei­lun­gen unter­glie­dert ist: Gemü­se­gar­ten, Küchen­gar­ten, Fär­be­gar­ten und Feld­frucht­gar­ten. 
  
Nach dem Gar­ten­rund­gang neh­me ich das Back­stein­mu­se­um, das auf dem Weg zum Klos­ter liegt, in Augen­schein. Auf den Spu­ren der Back­stein­ro­ma­nik passt natür­lich ein der­ar­ti­ges Muse­um her­vor­ra­gend. Zunächst sieht es drin­nen etwas dun­kel und stau­big aus. Aber auf dem zwei­ten Blick lässt sich vie­les Inter­es­san­tes der Back­stein­bau­kunst – auch durch eine gute Beschrif­tung – ent­de­cken. Inter­es­sant ist die Her­stel­lung eines Back­steins („Zie­gel“). Die Ton-Lehm-Mas­se für die ers­te For­mung eines Zie­gels hat ein Gewicht von ca. 9 Kilo­gramm. Nach der Luft­trock­nung ver­blei­ben immer­hin noch 7,5 Kilo­gramm. Nach dem Bren­ne wiegt der Stein 5 Kilo­gramm. Es wer­den eini­ge Arten der Zie­gel­an­ord­nung („Ver­band“) beim Mau­ern gezeigt: Regel­mä­ßi­ger goti­scher Ver­band, Wen­di­scher Ver­band, Kreuz­ver­band, Deut­scher Ver­band, Block­ver­band. Auch Mög­lich­kei­ten der Fries­ge­stal­tung sind zu sehen: Kreuz­bo­gen­fries, Rund­bo­gen­fries und Win­kel­fries.
  
Gern hät­te ich mir auch die Bren­ne­rei ange­se­hen. Aber hier war alles ver­schlos­sen. Ob es über­haupt für tou­ris­ti­sche Besu­che zugäng­lich ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall kann man in dem bereits erwähn­ten Sou­ve­nir­shop die alko­ho­li­schen Pro­duk­te der Klos­ter­bren­ne­rei käuf­lich erwer­ben.  

Kas­se und Sou­ve­nir­shop

 Im Klos­ter­mu­se­um tref­fe ich auf eine Son­der­aus­stel­lung anläss­lich des 25jährigen Jubi­lä­ums der Stra­ße der Roma­nik. Hier in dem ehe­ma­li­gen Schlaf­raum der Chor­her­ren erfah­re ich Ein­zel­hei­ten über die Geschich­te des Klos­ters. Im eigent­li­chen Sin­ne han­delt es sich gar nicht um ein tra­di­tio­nel­les Klos­ter, in dem Mön­che leb­ten, son­dern um Kol­le­gi­ats­stift, d.h. hier hat­ten sich Pries­ter, die ein Ordens­ge­lüb­de nach den Augus­ti­nus­re­geln abge­legt hat­ten, zusam­men­ge­schlos­sen. Nach einer sehr wech­sel­vol­len Geschich­te ist der 56 Gebäu­de umfas­sen­de Kom­plex seit 2004 in die Stif­tung Klos­ter Jeri­chow über­führt wor­den.

Inter­es­siert lese ich die Schau­ta­feln über Geschich­te und Archi­tek­tur des ältes­ten sakra­len Back­stein­baus Nord­deutsch­lands. Da die meis­ten Men­schen zu jener Zeit nicht lesen konn­ten, wur­den reli­giö­se Bot­schaf­ten sym­bo­lisch dar­ge­stellt. Für die Men­schen damals waren die­se Sym­bo­le ganz selbst­ver­ständ­li­che Struk­tur­ele­men­te ihres All­tags. Auch heu­te kön­nen wir erst durch die Kennt­nis die­ser Sym­bo­le his­to­ri­sche Kunst­wer­ke inhalt­lich erschlie­ßen.

So sind ins­be­son­de­re die mit­tel­al­ter­li­chen Kir­chen- und Klos­ter­ka­pi­tel­le mit sym­bo­li­schen Moti­ven geschmückt. Auf Schau­wän­den ist eine Rei­he von ihnen erklärt: Der Wein­stock und sei­ne Trau­ben sind Sym­bo­le für Frucht­bar­keit und Leben; die Pal­me bedeu­tet Sieg, ewi­ges Lebens; die Lilie ver­kör­pert Anfang und Ende, Leben und Tod; Akan­thus, eine Dis­tel­art, gilt als Unsterb­lich­keits­sym­bol, der Pfau ist ein Sym­bol der Auf­er­ste­hung, die Son­ne als Quel­le des Lichts, der Wär­me und des Lebens reprä­sen­tiert Jesus Chris­tus.

  

Jetzt ste­he ich vor der gewal­ti­gen Klos­ter­kir­che. Rings­her­um gibt es noch Eini­ges zu tun. Es ist aber auch schon vie­les geschafft wor­den, sodass wohl schon ers­te Über­nach­tungs­gäs­te hier Quar­tier gefun­den haben. Die Klos­ter­kir­che mit Mit­tel­schiff, Chor und Kryp­ta, der Klau­sur­hof mit Brun­nen und einer Skulp­tur von Isfried, dem Probst von Jeri­chow, sowie Som­mer- und Win­ter­re­fek­to­ri­um und wei­te­re Räu­me, die für Aus­stel­lun­gen genutzt wer­den, sind zu gro­ßen Tei­len mit unge­heu­rem Auf­wand restau­riert. Was muss das für eine Arbeit gewe­sen sein!

 

Eine Aus­stel­lung über die gol­de­nen Regeln der Phi­lo­so­phie und der Welt­re­li­gio­nen zieht mei­ne Auf­merk­sam­keit in den Bann. So for­dert Tha­les von Milet bereits vor 550 v.u.Z.: „Man soll­te nie­mals das tun, was man an ande­ren ver­ur­teilt.“ Ein­hun­dert Jah­re spä­ter ant­wor­tet Kon­fu­zi­us auf die Fra­ge eines Schü­lers nach einer Richt­schnur für mora­li­sches Han­deln: „Das ist gegen­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me. Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht ande­ren Men­schen zufü­gen.“ In ähn­li­cher Wei­se griff Kant die­sen Gedan­ken auf: „Wir sind von Natur aus gesel­lig und was wir bei ande­ren miss­bil­li­gen, kön­nen wir red­li­cher­wei­se bei uns nicht bil­li­gen.“ Wie aktu­ell das alles klingt! Schon vor so lan­ger Zeit gefor­dert, die For­de­rung immer wie­der erneu­ert und immer noch nicht ein­ge­löst als Gan­zes. Mit die­sen Gedan­ken endet mein Besuch des Klos­ters Jeri­chow – eine Besuch, den ich gern wei­ter­emp­feh­len möch­te.

 

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