Johanniterstadt Werben

 

12. Juni 2019

Der 12. Juni 2019, der Tag an dem ich mich von Stendal aus auf den Weg in die alte Hansestadt Werben in der Altmark mache, ist ein unglaublich heißer Tag. Zunächst gilt es einige Umleitungen zu bewältigen. Werben liegt etwas abseits direkt an der Elbe. Mein Hauptziel ist die Kirche. Und in der Tat, die St. Johanneskirche ist ein mächtiger Bau, der die Stadt dominiert. Schon taucht die erste Frage auf: Wie kommt so eine kleine Stadt zu so einer gewaltigen Kirche?

Zunächst umfahre ich die Innenstadt auf der Suche nach einem Parkplatz, der ist aber auf dem Marktplatz schnell gefunden. Zu Fuß geht es zur Kirche. Es sind nur ein paar Schritte, wie gesagt, Werben ist eine sehr kleine Stadt. In der Kirche ist es angenehm kühl. Ich komme mit einem Herrn ins Gespräch, von dem ich einiges über die Geschichte dieser Kirche und der Stadt Werben erfahre: Die im spätgotischen Stil errichtete Kirche St. Johannes stammt aus dem 15. Jahrhundert. Im Zuge der Reformation wurde St. Johannis 1542 eine evangelische Kirche. St. Johannes war nicht nur eine Kirche des Johanniterordens, sondern im späten Mittelalter einer der Wallfahrtsorte auf der Pilgerroute nach Bad Wilsnack.

Nach meinem Kirchrundgang mache ich eine Pause im gegenüberliegenden Café, das übrigens erst seit Pfingsten seine Türen geöffnet hat. Glück für mich. Auch hier komme ich schnell ins Gespräch mit einer sehr engagierten Frau, die ehrenamtlich als Mitglied des Fördervereins AWA (Arbeitskreis Werbener Altstadt) das Café mit betreibt.

Biedermeiercafé in der Alten Schule

Das Café befindet sich im Gebäude der Alten Schule, die um 1725 als eine von der Kirche finanzierte Knabenschule erbaut wurde und bis 1931 eine Schule war. Durch die Initiative des AWA wurde das fast 300 Jahre alte Gebäude saniert und beherbergt heute mit dem Café Lämpel ein ländliches Biedermeiercafé.

Übrigens findet seit 14 Jahren im Juli der Werbener Biedermeier-Sommer statt – ein historisches Marktfest gerahmt mit vielen kulturellen Veranstaltungen. Ich habe mir in dem Café einen Platz gesucht, ein leckeres Stück Kuchen bestellt und erfahre mehr über die Geschichte von Werben:

Werben war eine zunächst Festung, um die sich herum Siedler niederließen. Ab Mitte des 12. Jahrhunderts verlor die Festung ihre strategische Bedeutung. Markgraf Albrecht der Bär verlieh der Siedlung das Markt- und Stadtrecht und schenkte sie 1160 dem Johanniterorden.

Salzkirche

Der Orden errichtet hier seine erste norddeutsche Komturei und ein Hospital, zu dem auch die 1313 erbaute Salzkirche gehörte – heute finden dort Ausstellungen, Veranstaltungen und Trauungen statt.

1358 wurde Werben Mitglied des Hansebundes und damit zur kleinsten Hansestadt der Welt. Damals wurde Werben von einer Stadtmauer umgeben, von der heute noch das Elbtor erhalten ist, in dem sich heute ein kulturhistorisches Museum der Stadt befindet.

Die Frau aus dem Cafè, von der ich schon viel über die Werbener Geschichte erfahren habe, führt mich kurzerhand in ihr Wohnhaus, um mir ein original wieder hergerichtetes einfaches Werbener Haus zu zeigen. Einfach super! So erfahre ich auch etwas über den 1809 in Werben geborenen Maler Christian Köhler, der mit seinem romantisch-religiös geprägten Malstil ein typischer Vertreter der Düsseldorfer Malschule war.

Nach diesen interessanten Eindrücken mache ich mich auf, um mir die Stadt Werben anzuschauen. Am Marktplatz steht das Rathaus, daneben eine Erinnerungssäule an den Dreißigjährigen Krieg. Werben wurde von schwedischen Truppen unter Leitung von König Gustav Adolf eingenommen und stark zerstört. Als Mahnung wird auf einen Bibelvers hingewiesen: Kolosser 4, Vers 2-4.

Kolosser 4, Vers 2-4

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm in Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir vom Geheimnis Christi reden können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, auf dass ich es so offenbar mache, wie ich es soll.

Ein paar Schritte weiter stehe ich schon vor der Salzkirche, jetzt leider geschlossen. Auf ihren Dach, genau wir auf dem Rathausdach und vielen anderen Dächer entdecke ich ein Storchennest und schon setzt auch das Geklapper ein. Weißstörche haben sich zahlreich im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe niedergelassen. In Werben gibt es jährlich zwischen 15 und 20 Nestern. Im Rathaus kann man sich in der Storchenstube über das Leben der Störche informieren. Werben ist zwar klein, aber oho. Hinter dem Rathaus hat man ein Gebäude mit öffentlichen Toiletten errichtet – und diese sind offen! Und sauber und mit allem ausgestattet, was man so braucht.

Ich spaziere weiter die Seehäuser Straße entlang. An einem Haus entdecke ich einen Wetterstein. Eine lustige Idee. Immer wieder zieht ein betörender Rosenduft in die Nase. An vielen Häusern stehen Rosenstauden in voller Blüte. Ich laufe bis zum Hotel & Restaurant „Deutsches Haus“. Auch am Markt hatte ich schon zwei Pensionen entdeckt. Alle fein rekonstruiert und herausgeputzt. Ich sollte mich nicht wundern, dass es mehrere Unterkünfte in dem kleinen Werben gibt, liegt es am Elbradweg, am Altmarkrundkurs und an der Straße der Romanik. Und Werben hat noch mehr zu bieten, was ich mir aber nicht selbst ansehen kann. Der Himmel wird zusehends dunkler und der Wind frischt auf. Die Schwüle ist fast unerträglich und ein Gewitter wohl unvermeidlich. Es Unwetterwarnung hatte es auch angekündigt.

Also mache ich mich auf den Rückweg nach Stendal – und fahre direkt in das Gewitter hinein. Der Himmel öffnet seine Schleusen und ich erlebe, was Aquaplaning bedeutet.

In jedem Fall ist Werben ein Besuch wert, nicht nur zu den zweimal im Jahr stattfindenden Biedermeier-Märkten. Diese natürlich auch. Das Kleinod Werben erschließt sich zunehmend auf dem zweiten Blick: Neben den genannten Sehenswürdigkeiten das Heimatmuseum, der Bootshafen, ein Freibad, ein Kanu-Verleih, das Kommandeurshaus, in dem u.a. Konzerte stattfinden, ein Rundfunkmuseum, mit einer Ausstellung zum Thema „Multimedia der letzten 100 Jahre“, …

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