Eisenach und die Wartburg

 

22. Juli 2017
Auch heute haben wir Großes vor. Unser Ziel ist die Wartburg. Auf dieses Ziel sind besonders die Mädchen gespannt, haben sie doch in der Schule Einiges über Martin Luther gehört, der auf der Wartburg inkognito als Junker Jörg die Bibel ins Deutsche übersetzte. Das klingt spannend und wirft die Frage auf, welche Geschichte verbirgt sich dahinter.

Um halb elf starten wir mit dem Auto in Richtung Eisenach. Zunächst geht es nach Tabarz. Dort entscheiden wir uns für die Weiterfahrt auf der B88. Auch die A4 wäre möglich gewesen. Aber es ist so ein angenehmer sonniger Tag und

Thüringer Land

wir möchten lieber übers Land nach Eisenach fahren. Wir sind ja auch nicht auf der Flucht, sondern im Urlaub. Die Fahrt dauert eine knappe Dreiviertelstunde.

In Eisenach suchen wir in höchster Dringlichkeit erst einmal einen Parkplatz. In der Sommerstraße werden wir schnell fündig (1,20€). Gott sei Dank! Ich sage nur: Toilette! Nach dem das Geschäft erledigt ist, machen wir noch einen kleinen Rundgang durch das Zentrum von Eisenach. 

Nikolai-Tor


Zuallererst fällt das Stadttor ins Auge. Es wurde bereits um 1170 neben der Nikolaikirche als Teil der Stadtmauer erbaut und heißt demzufolge Nikolaitor. Es ist das älteste Stadttor Thüringens. Kinder sind meistens für Extrema besonders zu begeistern.


Luther-Denkmal


Das Älteste, das Größte, das Schnellste, das Kleinste usw. Mitten auf dem Karlsplatz erhebt sich ein monumentales Lutherdenkmal. Da ist er ja, höre ich Agi rufen. Wer, frage ich. Na Luther!

 

Das Lutherdenkmal wurde 1896 am 4.Mai, genau an dem Tag, an dem vor 375 Jahren Luther als Junker Jörg auf der Wartburg eintraf, eingeweiht. Die Bronzestatue steht auf einem Sockel aus rotem Granit, auf dem drei Reliefs Szenen aus Luthers Leben zeigen: als Schüler und Kurrendesänger, seine Ankunft auf der Wartburg als Junker Jörg, als Übersetzer der Bibel in der Lutherstube. Auf der Rückseite befindet sich eine Inschrift „Eine feste Burg ist unser Gott“, ein von Luther verfasster Text für ein Kirchenlied.

Wir spazieren durch die Fußgängerzone. An einer Stelle stoßen wir auf eine interessante Gedenktafel an einem Eckhaus. Wir lesen: Hier stand der Gasthof „Zum Mohren“, in dem am 9. August 1869 SDAP gegründet wurde – der direkte Vorläufer der heutigen SPD.
Die Mädchen zücken ihre Smartphones zum Fotografieren. Das könnte auch für die Schule von Interesse sein. Wie war das damals? Es geht um den Anfang der Arbeiterbewegung in Deutschland. Deutschland ist ein Kaiserreich. Als Kanzler bestimmt Bismarck maßgeblich die Politik. Die Arbeiter wollen sich organisieren.
Im August 1869 treffen sich 263 Delegierte im Gasthof „Goldener Löwe“ in Eisenach mit der Absicht, eine politische Partei zu gründen. Flügelkämpfe führen dazu, dass ein Teil der Delegierten die Versammlung verlässt, um im Hotel „Zum Mohren“ die Beratungen zur Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei fortzusetzen. Da das Hotel „Zum Mohren“ im Ersten Weltkrieg zerstört wurde, wird heute meist nur der „Goldene Löwe“ als Gründungsstätte der SDAP genannt.
Nach ein paar Schritten erreichen wir den repräsentativen Theaterplatz. Hier ruhen wir uns neben Ernst Abbe, der als Bronzeskulptur auf einer Bank sitzt, aus. Inzwischen ist es ganz schön warm geworden. Also erst einmal was trinken. Der weiträumig angelegte Platz wird durch das Landestheater, das Amtsgericht und Gebäude des Ernst-Abbe-Gymnasiums flankiert. Ernst Abbe (1840-1905) wurde in Eisenach geboren. Als Physiker arbeitet er mit Carl Zeiss und Otto Schott zusammen. Gemeinsam erarbeiteten sie die theoretischen Grundlagen der modernen Optik und entwickelten viele neue optische Instrumente.
 

Es gäbe in Eisenach noch Vieles zu sehen und zu erkunden: Das Bach-Haus, das Luther-Haus, die Automobile Welt, das Thüringen Museum im Stadtschloss und nicht zu vergessen die Stätten für Sport und Fun. Wir fahren aber weiter an den Fuß der Wartburg und finden erst einmal keinen Parkplatz. Endlich stoßen wir auf eine Lücke, die wir auch schnell zuparken. 4€ bis 18 Uhr. Das passt.

Wartburg


Die Wartburg thront in ca. 200 Meter Höhe über der Stadt Eisenach. Es gibt einen Shuttlebus, der den Höhenunterschied ruckzuck überwindet. Aber das ist nichts für uns. Ich gebe mich sportlich und denke, es wird schon gutgehen. Wir machen uns an den Aufstieg. Der Weg steigt zunächst moderat und führt durch den schattigen Wald. Da die Mädchen andauernd etwas zu entdecken und zu fotografieren haben, kommen wir nur langsam voran, was wiederum mir sehr entgegenkommt. An der Eselstation machen wir eine kurze Pause. Agi ist von den Grauen hingerissen. Sie hat ein großes Herz für Tiere. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass diese Tiere Touristen auf die Burg schleppen sollen. Mein Gott, die armen Tiere! Aber dann lese ich, Kinder und Personen mit einem


Zufahrt zur Wartburg


Gewicht unter 60 Kilogramm können sich tragen lassen. Naja, wenigsten diese Einschränkung. Das habe ich noch anders in Erinnerung.

Nach einiger Überzeugungsarbeit meinerseits laufen wir weiter. Der Weg wird steiler und steiler. Nach einer Dreiviertelstunde ist es geschafft. Wir stehen vor dem Haupttor der berühmten Wartburg.

Ludwig der Springer, ein Ludowinger, gründete die Wartburg im Jahre 1067. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort. Hier traten die Dichter und Minnesänger Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach auf. Hier wohnte Anfang der 13. Jahrhunderts die Landgräfin Elisabeth von Thüringen, die später wegen ihrer Barmherzigkeit von der Katholischen Kirche heiliggesprochen wurde. Die Burg bot dem geächteten Martin Luther Schutz und dieser nutzte die Zeit zur Übersetzung des neuen Testaments ins Deutsche. Anfang des 19. Jahrhunderts trafen sich auf dem Wartburgfest Studenten und Professoren, um gegen Kleinstaaterei und eine reaktionäre Politik zu protestieren. Sie setzten sie sich für einen deutschen Nationalstaat mit einer einheitlichen Verfassung ein.

Kutsche als Kulisse im Burghof


Wir betreten den Burghof und schauen nach einen Platz zum Ausruhen. Nach der Anstrengung des Aufstiegs lassen wir die Beine ruhen und genießen ein Eis. Aber da haben Marthe und Agi schon etwas Interessantes entdeckt. Den Nachbau der Kutsche, in der Luther auf die Wartburg gebracht wurde. Das muss erkundet werden.

Ritter


Natürlich wollen wir uns auch die Ausstellung ansehen. Die Tickets werden immer für ein bestimmtes Zeitfenster verkauft. Die Preise sind durch die Sonderausstellung anlässlich des Lutherjahres etwas teurer. Wir bezahlen 22€ (12€ und 2x 5€) inklusive Audioguide. Um 14:40 Uhr können wir die Ausstellungsräume betreten. Ich selbst war schon mehrere Male auf der Wartburg, aber für die Mädchen ist es der erste Besuch. Ich staune, mit welchem Interesse und mit welcher Ausdauer sie alles betrachten und in sich aufnehmen. Das braucht Zeit: Die Kunstsammlung, das Museum, der Festsaal im Palas der Burg, die historischen Räume der Burg, wozu auch die Lutherstube gehört. Knappe zwei Stunden dauert unser Rundgang. Dann sind wir wieder auf dem Burghof im Freien. 
Marthe ist erschöpft. Sie lässt sich der Länge nach auf eine Bank fallen. Agi hat noch Kraft. Sie geht in den Museumsshop, um ein Andenken zu erwerben.


Blindschleiche

Den Rückweg nehmen wir über die Sängerwiese. Es geht abwärts. Das ist gewiss sehr romantisch. Aber in mir keimt der Verdacht, dieser Weg ist länger … Ich spüre meine Knie. Die Mädchen sind gut drauf. Marthe ist wieder voll fit. Sie haben eine Blindschleiche entdeckt. Die muss natürlich fotografiert werden. Es gilt die richtige Position für ein gutes Foto zu finden. Ja, Starfotografen können nicht unter Zeitdruck arbeiten.

Nach einer knappen Stunde erreichen wir das Auto. Der Parkplatz hat sich merklich gelehrt. Die Rückfahrt verläuft unspektakulär. In Friedrichroda suchen wir eine Gaststätte fürs Abendessen. Heute ist es das „Boulevard-Steak-Pizza“ in der Hauptstraße. Ein gutes. preiswertes Essen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.