Domstadt Havelberg

 

 Juli 2018

Kurz bevor die Havel in die Elbe fließt, ganz im Nord­os­ten von Sach­sen-Anhalt, liegt auf eine Flus­s­in­sel das Alt­stadt­zen­trum von Havel­berg. Die­se Stadt war im Mit­tel­al­ter Mit­glied der Han­se. Von Sten­dal aus sind es mit dem Auto 45 Minu­ten. Havel­berg ist mit über 1000 Jah­ren eine sehr alte Stadt. Ursprungs­ort für die Ansied­lung ist der Bau des Doms gewe­sen. Es ist mei­ne zwei­te Fahrt nach Havel­berg.

Elb­fäh­re “Räbel” im Febru­ar

Die­ses Mal wäh­le ich aus­schließ­lich die Stra­ßen­ver­bin­dung über die B107. Bei mei­nem ers­ten Besuch habe ich mich auf den Navi ver­las­sen und bin schließ­lich bei der klei­nen Auto­fäh­re „Räbel“ bei Wer­ben gelan­det. Das klingt zwar roman­tisch, ist es auch, nur muss man Geduld mit­brin­gen, wenn die Fäh­re gera­de auf der ande­ren Fluss­sei­te ist. Was natür­lich der Fall war. 

Ich par­ke das Auto im Alt­stadt­zen­trum direkt an der Stadt­kir­che St. Lau­ren­ti­us, einer goti­schen Hal­len­kir­che. Das ist kos­ten­los. Nach ein paar Schrit­ten durch die Schul­stra­ße bie­ge ich rechts ab in die Dom­stra­ße. Das kann nur rich­tig sein. Die Ver­län­ge­rung, der Prä­la­ten­weg führt über eine Brü­cke, die den Stadt­gra­ben quert.

Blick auf den Dom St. Mari­en


Mein Blick geht nach oben. Von hier aus erhebt sich auf einer Anhö­he der Dom St. Mari­en umge­ben von ehe­ma­li­gen Klos­ter­bau­ten. Die­ses beein­dru­cken­de, monu­men­ta­le Bau­werk gehört sicher zu den Höhe­punk­ten der Stra­ße der Roma­nik. Über 100 Stu­fen der Dom­trep­pe sind zu bewäl­ti­gen, um den Dom­platz zu errei­chen. Eine sehr ange­nehm zu erstei­gen­de Trep­pe mit fla­chen Stu­fen und vie­len brei­ten Absät­zen für klei­ne Pau­sen, falls nötig. 
Die Son­ne lacht. Es ist ein Bil­der­buch­tag. Im eins­ti­gen Klos­ter befin­det sich das Pri­gnitz-Muse­um. Doch vor einem Muse­ums­be­such schlen­de­re ich durch den idyl­li­schen Klos­ter­gar­ten mit sei­nen duf­ten­den Kräu­tern: u.a. Sal­bei, Rin­gel­blu­me, Laven­del, Thy­mi­an und Min­ze. Von hier aus hat man eine herr­li­che Aus­sicht auf die von den Have­lar­men umschlun­ge­ne Alt­stadt. Ähn­lich wie schon im Jeri­chow­er Klos­ter wird auf die sym­bo­li­sche Bedeu­tung bestimm­ter Pflan­zen auf­merk­sam gemacht. Nar­zis­sen und Löwen­zahn ste­hen für Auf­er­ste­hung und ewi­ges Leben, die Erd­bee­re für Recht­schaf­fen­heit, das Gän­se­blüm­chen ist ein Gleich­nis für Unschuld, das Veil­chen für Beschei­den­heit, die Lilie ver­kör­pert Rein­heit, ewi­ges Leben und Tod.
  
Wie der Klos­ter­gar­ten ist auch das Pri­gnitz-Muse­um saniert und neu gestal­tet. Der Ein­tritt kos­tet 4 Euro. In den obe­ren Klos­ter­sä­len und im Kreuz­gän­gen sind Expo­na­te und Erklä­run­gen zur Dom-, Stadt und Sied­lungs­ge­schich­te unter­ge­bracht. Alles ist sehr lie­be­voll und über­sicht­lich gestal­tet. Beson­ders inter­es­sant, der Gro­ße Kur­fürst Fried­rich Wil­helm I. ließ in Havel­berg eine Schiffs­werft errich­ten. Er hat­te wohl Ambi­tio­nen Preu­ßen als See­macht zu eta­blie­ren. Unter Lei­tung hol­län­di­scher Fach­leu­te wur­den 15 see­tüch­ti­ge Schif­fe gebaut. Aber das Geschäft war nicht erfolg­reich und so wur­den die­se Arbei­ten wie­der ein­ge­stellt. 
Neben den Dau­er­aus­stel­lun­gen fin­den im Ost­flü­gel regel­mä­ßig tem­po­rä­re Prä­sen­ta­tio­nen statt. Bei mei­nem Besuch ist es die Aus­stel­lung „Tole­ranz und Toten­tanz“ der Grup­pe Alba Blau. Die Wer­ke der sechs Künst­le­rin­nen stel­len sich dem Anspruch die ambi­va­len­te Span­nung zwi­schen Lebens­lust und Todes­angst aus­zu­drü­cken.
Vom Muse­um gibt es einen direk­ten Über­gang in den Dom. Die­ser ent­stand 1150 bis 1170 als roma­ni­sche Bruch­stein-Pfei­ler Basi­li­ka. Nach einem Brand 1279 wur­de er in einer 50jährigen Bau­zeit unter Ver­wen­dung von Back­stein gotisch umge­baut. Mit dem Dom wur­de auch der Bau des Klos­ters durch den Prä­mons­tra­ten­ser Orden begon­nen. Zu die­sem Orden hat­te wahr­lich nicht jeder Zugang.

Der ers­te Ein­druck: Das Kir­chen­schiff beein­druckt durch Wei­te und Höhe. Auch die durch den Son­nen­schein leuch­ten­den Bunt­glas­fens­ter, auf denen sakra­le Sze­nen dar­ge­stellt sind, fal­len sofort ins Auge. Reli­efs und Skulp­tu­ren gehö­ren zu den Schmuck­ele­men­ten.

Auf­nah­me­be­din­gun­gen des Prä­mons­tra­ten­ser Orden von 1551:

  • Ehe­li­che Geburt, deutsch
  • Alter min­des­tens 21 Jah­re
  • 3 Jah­re Uni­ver­si­täts­stu­di­um
  • 100 Gold­gul­den Sta­tu­ten­geld
  • Ab 1755: Nach­weis von min­des­tens 8 adli­gen Vor­fah­ren
  
Vor dem Dom trifft man auf eine bron­ze­ne Skulp­tu­ren­grup­pe, die den rus­si­schen Zaren Peter I. und den preu­ßi­schen König Fried­rich Wil­helm I. zeigt.

Rus­si­scher Zar Peter I. und preu­ßi­scher König Fried­rich Wil­helm I.


Was hat es damit auf sich? Der rus­si­sche Zar in Havel­berg? Eine Infor­ma­ti­ons­ta­fel gibt Aus­kunft. 1716 ver­si­cher­ten sich die Mon­ar­chen in Havel­berg ihre gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung beim Kampf gegen die Schwe­den, bei dem es um die Vor­herr­schaft im Ost­see­raum ging. Anläss­lich die­ses Tref­fens schenk­te der preu­ßi­sche König dem rus­si­schen Zaren ein reprä­sen­ta­ti­ve Yacht und – das von Andre­as Schlü­ter gefer­tig­te inzwi­schen legen­dä­re Bern­stein­zim­mer. Der Zar ver­sprach im Gegen­zug dem Sol­da­ten­kö­nig für des­sen Armee 200 „lan­ge Kerls“. Und das alles spiel­te sich in Havel­berg ab! 
Zurück auf der Alt­stadt­in­sel brau­che ich erst ein­mal eine Stär­kung. Im Muse­um habe ich den Tipp erhal­ten, es doch in dem Bil­der­buch­ca­fé zu ver­su­chen. War­um nicht? Das Café befin­det sich in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft zum Rat­haus. Ich fin­de einen frei­en Tisch vor dem Café. Der Hun­ger zwickt schon. Da es inzwi­schen so unglaub­lich warm ist, suche ich etwas Fri­sches: Salat mit Kar­tof­fel­ta­schen. Ja, das kann ich emp­feh­len, sehr lecker.  

Das Bil­der­buch­ca­fé

Nach die­ser wohl­ver­dien­ten Rast steht noch das Haus der Flüs­se auf mei­nem Besich­ti­gungs­plan. Neben dem holz­ver­klei­de­ten Neu­bau erstreckt sich ein rie­si­ger Park­platz, auf dem sage und schrei­be vier Autos ste­hen. Mei­nes ist das fünf­te. Als ers­tes ent­de­cke ich eine gro­ße höl­zer­ne Hand. Beim Näher­kom­men sieht man, dass aus ihr ein glä­ser­nes Boot glei­tet – so mei­ne Inter­pre­ta­ti­on. Dann lese ich: Das 5 Meter lan­ge Boot wird zwi­schen 2016 und 2019 als eine Art Arche mit einer Bot­schaft auf Rei­sen gehen: Es soll an die Zer­brech­lich­keit der Natur erin­nern und die Men­schen zum Nach­den­ken anre­gen. Wäh­rend sei­ner Fahrt durch Sach­sen, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen wird es an 20 Sta­tio­nen für eini­ge Wochen Halt machen. Letz­ter Anker­platz der Glas­ar­che soll in Zeitz sein. Was für eine abge­fah­re­ne Idee! 
Der Besuch des Infor­ma­ti­ons­zen­trums des Bio­sphä­ren­re­ser­vat Mit­tel­el­be ist kos­ten­los. Hier im Haus der Flüs­se wird über Natur­schutz­groß­pro­jek­te infor­miert. Die Geschich­te der Fluss­land­schaf­ten zwi­schen Elbe und Havel ist anschau­lich dar­ge­stellt. Das Pro­blem Hoch­was­ser ist inter­ak­tiv dar­ge­stellt, der ein­hei­mi­schen Tier­welt kann mit allen Sin­nen nach­ge­gan­gen wer­den und man lernt „Natu­ra 2000“ ken­nen. Das ist ein von der Euro­päi­schen Uni­on geschaf­fe­nes Schutz­ge­biet für gefähr­de­te Lebens­räu­me und Arten.

Im Frei­ge­län­de laden eine nach­emp­fun­de­ne Auer­land­schaft mit einem inter­es­sant gestal­te­ten Lern­pfad und ein Was­ser­spiel­platz zum Ver­wei­len ein. 

Ein Steg führt über einen rena­tu­rier­ten Neben­arm der Havel zu einer Aus­sichts­platt­form. Hier erlebt man ein beein­dru­cken­des Pan­ora­ma von Dom, Alt­stadt und Havel. Lang­sam wer­den die Füße schwer. Noch ein Blick auf das Glas­boot, dann schnur­stracks zum Auto und zurück nach Sten­dal. Ich erin­ne­re mich an die Ankün­di­gung von heu­te Mor­gen: Ab 18 Uhr wird auf der Ter­ras­se des Hotels „Schwar­zer Adler“ gegrillt. Gute Aus­sich­ten!

 

4 Kommentare zu “Domstadt Havelberg

  1. Gille

    …gleich am Anfang ist im Text ein klei­ner Feh­ler. Havel­berg gehört erst durch Bür­ger­ent­scheid nach der Wen­de zur Alt­mark und damit nicht mehr zu Bran­den­burg. Es soll eine knap­pe Ent­schei­dung gewe­sen sein, über die heu­te immer noch dis­ku­tiert wird, weil nicht alle Ein­woh­ner damit zufrie­den sind. Es war wohl tat­säch­lich eine Fehl­ent­schei­dung. Die Havel­ber­ger haben das Bes­te dar­aus gemacht: Wenn es gut für sie ist, dann sind sie Alt­mär­ker oder eben Pri­gnit­zer.
    Es gibt den Alt­mär­ki­schen Han­se­bund erst seit der Wen­de. Im Mit­tel­al­ter gehör­te Havel­berg, wie auch die alt­mär­ki­schen Städ­te zum Nord­deut­schen Han­se­bund. Sie hat­ten alle­samt im Han­se­bund kei­ne Bedeu­tung, waren eben Mit­läu­fer oder Was­ser­trä­ger. In der Alt­mark sagt man, ohne groß zu dis­ku­tie­ren: Ick slut mei an! (Ich schlie­ße mich an!). Von den Vor­tei­len konn­ten sie Nut­zen zie­hen.

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