Deutscher Bundestag

 

Der deutsche Bundestag im Reichstagsgebäude  
Platz der Republik 1, 11011 Berlin
Ich hatte mich für eine geführte Besichtigung im Deutschen Bundestag angemeldet. Geht alles wunderbar online und ist kostenlos. Drei Termine konnten vorgeschlagen werden und der thematische Schwerpunkt der Führung war anzugeben. Nun, das war alles schnell getan und bereits einige Tage später erhielt ich eine Einladung  für eine Hausführung mit Schwerpunkt Parlamentsgeschichte. Die Führung startet am 28. Februar um 13.30 Uhr. 
In Berlin ist es meist ratsam die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. In kurzen Taktabständen verkehren S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn und Busse. Auf jeden Fall entfällt die leidige Parkplatzsuche und man ist in der Regel auch schneller am Ziel. Ich fahre mit der S1 bis Brandenburger Tor und mit der U5 bis Bundestag. Wie gesagt, alles sehr komfortable.   

U-Bahnstation der Linie U5

Der Deutsche Bundestag hat sein Domizil im alten Reichstaggebäude und den in unmittelbarer Nachbarschaft neu errichteten modernen Gebäuden. Zu Füßen des Hauptportals an der Scheidemannstraße sind Container (wohl eine Lösung auf Zeit) aufgebaut, in denen die Einlasskontrolle vorgenommen wird. Ab 13 Uhr erfolgt der Einlass. Alles wie auf einem Flughafen beim Einchecken. Nach der Überprüfung bekomme ich eine Plakette, auf der die aufgedruckten Buchstaben verraten, welcher thematischen Gruppe ich mich anschließen muss. Aber erst einmal werden alle Besucher in das Reichstagsgebäude geführt. Noch ist etwas Zeit. Viele nutzen die bequemen Sitzgelegenheiten, andere wandern herum und schauen sich den großzügigen Eingangsbereich an (oder suchen noch schnell die Toiletten auf – sicher ist sicher).

Dann geht es los. Meine Gruppe verbleibt zunächst im Eingangsbereich und unser Guide, eine freundliche, kompetente junge Frau, erzählt etwas über die Geschichte des Gebäudes.

1894 wurde der unter Leitung des Architekten Paul Wallot errichtete Reichstag eingeweiht. Ein imposantes Gebäude mit vier Ecktürmen und in der Mitte eine Kuppel. Im Februar 1933 zerstörte ein gelegter Brand den Plenarsaal und weitere Räume des Reichstags. 1973 wurde der erste Wiederaufbau des Reichstagsgebäudes abgeschlossen. Nach der Wiedervereinigung erfolgte der Beschluss, das Parlament und die Regierung von Bonn nach Berlin zu verlegen. In diesem Zusammenhang erhielt der britische Architekt Norman Foster 1991 den Auftrag, eine Neugestaltung des Gebäudes einschließlich der Errichtung einer Kuppel vorzunehmen. Die Umbauarbeiten dauerten von 1995 bis 1999.

Nach dieser Einführung begeben wir uns in den Plenarsaal und nehmen auf der Besuchertribüne Platz. Ein großer lichtdurchfluteter Saal mit einer blau-violetten Bestuhlung (Foster-Blau wird uns gesagt), die je nach Anzahl der gewählten Parlamentarier in Parteiblöcke gestellt werden kann. Praktisch! Weite und Helligkeit erzeugen eine angenehm freie, offene Atmosphäre. Wir erfahren etwas über die Sitzordnung und den Ablauf von Debatten.

Über dem Präsidium thront (genauer: hängt) der Bundesadler, der – einer Glaswand sei Dank – auch von der Rückseite zu sehen ist. Der Plenarsaaladler ist dem Bonner Adler, der „Fetten Henne“, nachempfunden. Auf seiner Rückseite kreierte Norman Foster einen neuen Adler, der eine (unglaubliche) Fläche von 58 Quadratmeter hat und damit größer und schwerer als sein älterer Bruder ist.

  

Plenarsaal des Bundestages

 

Bundesadler

Nach dem Verlassen des Plenarsaales macht uns unser Guide auf die Narben des Gebäudes aufmerksam. Vor allem der Brand und der Zweite Weltkrieg haben Spuren hinterlassen. Diese wurden bei der Neugestaltung durch Norman Foster nicht zudeckt oder ausgelöscht, sondern bewusst sichtbar gemacht. Dazu gehören auch Graffiti von sowjetischen Soldaten, die nach der Eroberung Berlin im Mai 1945 ihre Botschaften hinterlassen haben. Wir stehen davor, einige versuchen, die kyrillischen Schriftzüge zu entziffern.  

Graffiti von sowjetischen Soldaten im Mai 1945

Im Reichstag ist auch vielfältige Kunst von 29 etablierten Künstlern zu sehen. Nur zwei Beispiele: Schon in der Eingangsbereich fallen die von Gerhard Richter geschaffenen 21 Meter hohen Glastafeln in den Landesfarben Schwarz-Rot-Gelb sofort ins Auge. Im Eingangsbereich Nord installierte Jenny Holzer (USA) eine Stele, auf der senkrechte Leuchtschriftbänder mit Reden und Zwischenrufe von Abgeordneten ununterbrochen ablaufen.

1995 verhüllte das Aktionskünstlerpaar Christo und seine Frau Jeanne-Claude das gesamte Gebäude mit einem silberglänzenden festen Stoff, der mit blauen Seilen um das Mauerwerk herum verschnürt wurde. Ein Highlight und Besuchermagnet. Über fünf Millionen Zuschauer lockte das Spektakel „Verhüllter Reichstag“ an. Was für eine Werbung für Berlin! Unmittelbar danach begannen die Umbauarbeiten.

Unser Guide fragt uns fürsorglich, ob wir noch die Kraft hätten, einen Abstecher in das Paul-Löbe-Haus zu machen, das unterirdisch durch einen weitläufigen Gang mit dem Reichstag verbunden ist. Die einhellige Antwort: Ja!

An den Wänden des Ganges ist die Parlamentsgeschichte in einer Bildergalerie dargestellt. Wir eilen aber nur vorbei. Schade, aber die Besichtigungszeiten sind begrenzt. Die Architektur dieses Gebäudekomplexes ist supermodern. Wir werden aufgeklärt: Hier tagen vor allem die parlamentarischen Fachausschüsse und hier wird die Öffentlichkeitsarbeit organisiert. Aha.

Das Paul-Löbe-Haus gehört wie das Kanzleramt zum Band des Bundes, das über die Spree reicht und auf der östlichen Seite des Flusses das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, in dem die Bibliothek des Bundestages untergebracht ist, einschließt. Unser Guide: Die Abgeordneten müssen sich informieren können! Dem kann man nur zustimmen und wird hoffentlich auch intensiv praktiziert.   

Marie-Elisabeth-Lüders-Haus

Jetzt geht es den Gang zurück. Wir bleiben unter der Erde. Alle Gebäude von Parlament und Regierung sind unterirdisch miteinander verbunden. Nun das ist keine Überraschung. Wir erreichen den Innenhof des 2002 fertiggestellten Jakob-Kaiser-Hauses. Es ist das größte der neu erbauten Parlamentsbauten. Hier befinden sich u.a. die meisten Abgeordnetenbüros und das Pressezentrum des Deutschen Bundestages.
Ich weiß nicht, wie es den anderen Gruppenteilnehmern geht. Aber ich spüre schon deutlich meine Füße. Wir kehren in das Reichstagsgebäude zurück. Unser Guide zeigt uns noch das durch den französischen Installationskünstler Christian Boltanski gestaltete Archiv der deutschen Abgeordneten: Metallkästen mit den Namen aller Parlamentarier von 1919 bis 1999.   

Archiv der deutschen Abgeordneten

Danach führt sie uns zu einem großen Fahrstuhl, der uns in die dritte Etage bringt. Fahrstuhl – nicht Treppen. Ich glaube dafür bin nicht nur ich ihr dankbar. Sie informiert: In der dritten Etage haben die Parteien ihre Büroräume. Einer fragt nach neuen Parteien. Platz wäre nicht das Problem, lautet die Antwort. Unser Guide verabschiedet sich von uns mit Hinweis, wie man auf die Kuppel gelangen kann – wenn man möchte. Ich glaube, das will sich trotz lahmer Füße kaum einer entgehen lassen.

Ich nehme den Fahrstuhl. Die Kuppel ist ein Muss, hat sie sich doch zu einem Wahrzeichen Berlins stilisiert. Der Fahrstuhl endet in Höhe der Dachterrasse. Schon hier hat man einen wunderbaren Blick über Berlin.

Aber es geht noch höher. Auf einer spiralförmig angelegten Rampe erklimmt man Schritt für Schritt die Aussichtsplattform in der Kuppel. Kurz hinsetzen und verschnaufen. Dann die Rundumsicht genießen.

Schade, dass das Wetter nicht mitspielt. Es ist windig, es nieselt und dunkle Wolken bedecken den Himmel. Ich mache trotzdem ein paar Panorama-Aufnahmen. Mal sehen, was daraus wird.

 

Kuppel des Reichstages

In der Kuppel: Aussichtsplattform

 

Der Fahrstuhl bringt mich zurück ins Erdgeschoss. Auf dem Weg zur U-Bahnstation schaue ich noch einmal zurück. Über dem Hauptportal steht die von Paul Wallot entworfenen Widmung: Dem deutschen Volke. Aber, nach einer solchen Führung ist man doch immer ein bisschen klüger, diese Stelle blieb nach dem Bau des Reichstags zunächst über 20 Jahre frei. Sie gefiel dem Kaiser wohl nicht. Erst 1916 wurde der Schriftzug angebracht. Ja, manchmal dauern die Dinge etwas länger. Gut, wenn sie noch in den Zeitraum eines Menschenlebens von Zeitgenossen passen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.