Gorki-Park und Moskau-City

 

06. August 2018

Es ist 9 Uhr als wir den Früh­stücks­raum betre­ten. Das ist für unse­re Ver­hält­nis­se zei­tig. Muss aber sein, denn Ste­fie und Tors­ten wol­len heu­te ins Dia­man­ten­mu­se­um, das sich in der Rüst­kam­mer des Kremls befin­det. Seit ges­tern wis­sen wir, die Ticket­ver­ga­be ist begrenzt. Und wer zu spät kommt, … Na ja, das kennt man ja.

Wäh­rend die Bei­den sich auf den Weg zu den Glit­zer­stei­nen machen, star­te ich zur Tret­ja­kow-Gale­rie. Am Nach­mit­tag ver­ab­re­den wir einen Treff­punkt im Gor­ki-Park. Die Ent­fer­nung vom Hotel zur Gale­rie sieht auf der Kar­te sehr über­schau­bar aus, d.h. ich mache mich zu Fuß auf den Weg. Aller­dings bin ich vor­ge­warnt, was Ent­fer­nun­gen angeht. Doch ich habe Zeit, die Son­ne meint es wie­der gut. Alles passt.

Die Tret­ja­kow-Gale­rie beher­bergt eine der größ­ten Kunst­samm­lun­gen Russ­lands. Dar­über habe ich schon Eini­ges gele­sen und freue mich, heu­te das Ori­gi­nal im Mos­kau­er Stadt­be­zirk Samo­skwo­ret­sch­je besu­chen zu kön­nen. Die Haupt­ge­bäu­de der Gale­rie befin­den sich in der Lawru­schin­skij Gas­se. Hier sind Gemäl­de, Gra­fi­ken, Zeich­nun­gen, Skulp­tu­ren und Iko­nen aus dem Zeit­raum vom 11. bis zum Anfang des 20. Jahr­hun­derts unter­ge­bracht. Nach­dem ich von der Ere­mi­ta­ge so beein­druckt war, bin ich gespannt, was mich in der Mos­kau­er Tret­ja­kow-Gale­rie erwar­tet.

Auf dem Weg zur Tret­ja­kow-Gale­rie

Vom Hotel führt mich der Weg am Ufer des Sadow­ni­sches­kij Kanals ent­lang direkt bis zur Lawru­schin­skij Gas­se, die links gegen­über dem Wolot­na­ja Platz (zur Erin­ne­rung: Dort star­ten die Sight­see­ing-Bus­se und eine Fuß­gän­ger­brü­cke mit „Schlos­ser-Bäu­men“ führt über den Kanal) abzweigt. Es ist ein ange­neh­mer Spa­zier­gang zur Tret­ja­kow-Gale­rie. Doch dann die Ent­täu­schung: Heu­te geschlos­sen! Ich kann es erst gar nicht fas­sen. Das geht doch gar nicht! Und ich bin mit mei­ner Ent­täu­schung nicht allein. Ein rus­si­scher Tou­rist schaut genau­so ver­wirrt. Wir kom­men ins Gespräch. Und weil die­ses etwas län­ger dau­ert, neh­men wir auf einer Bank Platz. Unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on voll­zieht sich mit Eng­lisch, Rus­sisch, Ges­tik und Mimik. Das macht rich­tig Spaß. Der Mann erzählt mir (wenn ich es rich­tig ver­stan­den habe), dass gegen­über der Gale­rie ein wei­te­res Muse­um wäre, in dem Iko­nen aus­ge­stellt sind. Das wol­le er nun besu­chen und ich könn­te mich anschlie­ßen. Da mir aber nach Iko­nen nicht der Sinn steht, ver­ab­schie­den wir uns und jeder zieht sei­ner Wege.

 
Als Ori­en­tie­rung dient mir der Gor­ki-Park. Aber noch ver­bleibt viel Zeit bis zum ver­ab­re­de­ten Treff­punkt, Zeit, um Mos­kau ein wenig abseits der Tou­ris­ten­rou­ten ken­nen­zu­ler­nen. Ich lau­fe bis zur Staro­mo­net­nij Gas­se und keh­re in ein Café ein. Lei­se Musik, frisch gepress­ter O-Saft und ein Snack hel­fen die Ent­täu­schung etwas abzu­bau­en. Es liegt eine deutsch-rus­si­sche Zei­tung aus, in der ich eine Wei­le inter­es­siert lese. Nach die­ser Pau­se strome­re ich wei­ter durch ver­schie­de­ne Stra­ßen. Als es wie aus hei­te­rem Him­mel anfängt zu reg­nen, suche ich Schutz in einem gro­ßen Buch­la­den. Es dau­ert eine Wei­le, aber plötz­lich hört der Regen so schnell auf wie er gekom­men ist.

Jetzt habe ich die Bol­scha­wa Jaki­man­ka Stra­ße erreicht. Hier fällt mir sofort ein Gebäu­de­kom­plex durch sei­nen alt­rus­si­schen Bau­stil auf. Was wird das wohl sein? Ich bin nicht wenig erstaunt: Hier resi­diert die Fran­zö­si­sche Bot­schaft. Ohne Fra­ge, eine fei­ne Adres­se. Ich ver­mu­te, dass es sich um ein ehe­ma­li­ges Klos­ter han­deln könn­te. Die Bol­scha­wa Jaki­man­ka Stra­ße ist eine brei­te, viel befah­ren­de Haupt­stra­ße mit Geschäf­ten, Gast­stät­ten, Kir­chen. In einer der Gast­stät­ten mache ich noch ein­mal einen kur­zen Stopp um etwas zu essen und zu trin­ken.

Dann kommt auch schon ein rie­si­ger Platz in Sicht­wei­te, der Kalusch­ska­ja-Platz (Metro­sta­ti­on „Oktja­brska­ja“) mit einem monu­men­ta­len Lenin-Denk­mal. Lenin steht auf einer hohen Gra­nit-Säu­le. Auf dem Säu­len­po­dest ist eine kämp­fe­ri­sche Grup­pe von Revo­lu­tio­nä­ren ver­sam­melt. Ja, Lenin ist über­all zu fin­den. Das ist mir bereits in Peters­burg auf­ge­fal­len. Ob in der Ere­mi­ta­ge, als Stra­ßen­na­me oder Skulp­tur – Lenin ist gegen­wär­tig. Jeden­falls an die­sem gro­ßen Platz bie­ge ich, nach einem Blick auf die Kar­te, rechts in die Krims­kij Stra­ße ab. Auch das eine brei­te Magis­tra­le, die zur die Mosk­wa über­que­ren­den Krims­kij Stahl­hän­ge­brü­cke führt. Also wei­ter geht’s.

Zen­tral­ein­gang des Gor­ki-Parks

Das Ziel ist erreicht. Auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te ist das zen­tra­le Ein­gangs­por­tal zum Gor­ki-Park. Auf mei­ner Sei­te ent­de­cke ich die Neue Tret­ja­kow-Gale­rie, einen moder­nen Bau, in dem Wer­ke aus der Zeit ab Mit­te des 20. Jahr­hun­derts aus­ge­stellt sind. Das wäre doch was. Aber lei­der reicht dafür die Zeit nicht mehr. Durch eine Unter­füh­rung errei­che ich die ande­re Stra­ßen­sei­te und gehe in den Gor­ki-Park, unse­rem Treff­punkt. Der Park­be­such ist kos­ten­los. Mit einem lecke­ren Mos­kau­er Eis neh­me ich auf einer Park­bank Platz und war­te.

Ste­fie und Tors­ten sind noch voll von „Dia­man­ten-Ein­drü­cken“. Begeis­tert erzäh­len sie, was sie gese­hen haben: die Zaren­kro­ne, den pracht­vol­len Orlow-Dia­man­ten und den eben­so beein­dru­cken­den Schah-Dia­man­ten, gro­ße Gold­klum­pen – also einen unbe­schreib­li­chen Reich­tum an Juwe­len, Schmuck und Edel­me­tal­len. Mär­chen­haft – wie in “Tau­send und eine Nacht”. Ich ver­su­che mir das vor­zu­stel­len. Eige­ne Bil­der wird es nicht geben: Foto­gra­fie­ren ver­bo­ten. Klar, man kann im Inter­net nach­schau­en. Was man im Inter­net aber nicht kann, sind Ein­tritts­kar­ten für die Dia­man­ten-Aus­stel­lung zu erwer­ben. Es wer­den sowohl am Vor­mit­tag als auch am Nach­mit­tag nur je 80 Per­so­nen rein­ge­las­sen. Die Odys­see der bei­den, an die­se Ein­tritts­kar­ten zu kom­men, war also auch beim drit­ten Anlauf eine äußerst schwie­ri­ge und zugleich glücks­brin­gen­de Erfah­rung.

So im Rede­fluss spa­zie­ren wir durch den 1927 eröff­ne­ten Frei­zeit- und Erho­lungs­park, der am Ufer der Mosk­wa liegt und mit 1,2 Qua­drat­ki­lo­me­ter eine beacht­li­che Flä­che auf­weist. Wir erle­ben eine sehr gepfleg­te Gar­ten­an­la­ge (Bäu­me, Sträu­cher, Blu­men­ra­bat­ten, Wie­sen), mit­ten­drin klei­ne Seen mit Boots­ver­leih, zum Teil mit Musik unter­leg­te Was­ser­spie­le, diver­se Sport­an­la­gen und Spiel­plät­ze bzw. Tanz­flä­chen und ein Frei­licht­ki­no, an jeder Ecke ein Kiosk mit Spei­se-Eis und ver­schie­de­ne gas­tro­no­mi­sche Ein­rich­tun­gen. In die­sem Park spürt man eine leben­di­ge und akti­ve Stim­mung, für jung und alt wird viel gebo­ten. Der moder­ne Life­style der Mos­kau­er kommt hier vor Ort abso­lut zur Gel­tung.

Der Magen mel­det sich. In dem ita­lie­ni­schen Café „Mer­ka­to“ neh­men wir Platz. Ange­neh­mes Sit­zen auf der Ter­ras­se, schnel­ler, freund­li­cher Ser­vice, Essen und Trin­ken in Ord­nung.
Der Park ist so groß, dass jeder, der es möch­te, ein ruhi­ges Plätz­chen fin­det. Irgend­wo ent­de­cken wir einen Fahr­rad­ver­leih. Ja, das macht Sinn. Ich mer­ke wie­der mei­ne Bei­ne. Als wir auf ein gro­ßes kas­ten­för­mi­ges Gebäu­de sto­ßen, gerät Tors­ten plötz­lich ins Schwär­men. Das ist die Gara­ge! Ja und? Gara­ge, was soll das? Tors­ten erklärt: Die Gara­ge ist eine moder­ne Kunst­hal­le für zeit­ge­nös­si­sche Kunst. Sie wur­de 2008 von der Freun­din des Olig­ar­chen Roman Abra­mo­witsch, Dascha Schu­ko­wa, gespon­sert. Dazu hat der hol­län­di­sche Archi­tekt Rem Kool­haas ein her­un­ter­ge­kom­me­nes Café umge­baut. Natür­lich müs­sen wir einen Blick hin­ein­wer­fen. Innen ist alles sehr groß­zü­gig gestal­tet. Ganz offen­sicht­lich läuft eine Vor­stel­lung. Das hören wir an der Geräusch­ku­lis­se. Es gibt unter­schied­li­che Pro­gram­me für Kin­der Jugend­li­che und Erwach­se­ne, Insze­nie­run­gen und Aus­stel­lun­gen. In einem Sou­ve­nir­shop kön­nen Kunst­ar­ti­kel und Bücher über Kunst und Künst­ler erwor­ben wer­den. Tors­ten und Ste­fie kau­fen gleich mal ein paar Post­kar­ten, kei­ne Main­stream-Ware, alles wun­der­schön gestal­te­te Mos­kau­er Moti­ve.

Auf dem Rück­weg zum Zen­tral­ein­gang kom­men wir wie­der an dem gro­ßen Spring­brun­nen vor­bei. Vie­le Men­schen haben sich hier ver­sam­melt und auf der Holz­ein­fas­sung Platz genom­men. Es ertönt klas­si­sche Musik. Gro­ße Laut­spre­cher sind in der Mit­te des Was­ser­be­ckens instal­liert. Was­ser­fon­tä­nen stei­gen auf und sprit­zen im Rhyth­mus der Melo­di­en. Wir blei­ben eine gerau­me Wei­le fas­zi­niert ste­hen. Was für eine schö­ne Idee!

Es geht auf den Abend zu und unser letz­ter Tag in Mos­kau neigt sich dem Ende ent­ge­gen. Aber noch ist Zeit, damit sich Tors­ten einen Wunsch erfül­len kann: Einen Abste­cher nach Mos­kau City zu machen. Die Wol­ken­krat­zer die­ses moder­nen Geschäfts­zen­trums haben wir seit unse­rem ers­ten Tag in Mos­kau immer schon aus der Fer­ne gese­hen. Na dann los, auf zur Metro „Oktja­brska­ja“. Von hier aus fah­ren wir bis zur Sta­ti­on „Kiew­ska­ja“, stei­gen dort in die Linie 4 um. Die End­sta­ti­on die­ser Linie „Mesch­duna­rod­na­ja“ ist direkt unter dem Zen­tral­kern von Mos­kau City. Als wir die unter­ir­di­schen Gän­ge der Metro ver­las­sen und wie­der ans Tages­licht kom­men, sind wir von Wol­ken­krat­zern umringt. Wie klein der Mensch doch ist. Die spi­ral­för­mi­ge Archi­tek­tur eines Wol­ken­krat­zers scheint einer DNA nach­emp­fun­den, wor­auf auch des­sen Name „Evo­lu­ti­on“ schlie­ßen lässt. Das Gebäu­de hat 54 Stock­wer­ke und erreicht eine Höhe von 255 Meter. Der höchs­te Wol­ken­krat­zer ist mit sage und schrei­be 373 Meter und 95 Stock­wer­ken der „Feder­a­zi­ja“ („För­de­ra­ti­on“).

Wir unter­neh­men einen Rund­gang in den nicht enden wol­len­den Pas­sa­gen des Zen­tral­kerns, einem mehr­stö­cki­gen Ein­kaufs- und Unter­hal­tungs­zen­trum. Das ist schon beein­dru­ckend. In der fünf­ten Eta­ge las­sen wir uns in einem der Gas­tro­no­mie­be­rei­che nie­der und sto­ßen mit einem Glas Wein auf unse­re Rei­se an, die noch nicht zu Ende ist. Mor­gen geht es mit dem Flie­ger nach Sot­schi ans Schwar­ze Meer.

 

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