New Lanark – die Visionen des Robert Owen

 

27. Juli 2017

Waverley Station in Edinburgh. Pünktlich 11:11 Uhr setzt sich der Zug der CrossCountry Company nach Glasgow in Bewegung. Es heißt aufpassen. In Motherwell müssen wir in die Bahn der ScotRail Company nach Lanark umsteigen. Das geschieht ohne Hast. Wir haben eine halbe Stunde Zeit den Bahnsteig zu wechseln. Nach anderthalb Stunden erreichen wir Lanark.

  

Ja, was wollen wir in dieser unspektakulären, langweilig daherkommenden  Kleinstadt in der Grafschaft South Lanarkshire? In unmittelbarer Nähe befindet sich das Dorf New Lanark, das 1785 als eine völlig neue Industriesiedlung der Baumwollindustrie am Fluss Clyde gegründet wurde und sich um 1820 zum größten Zentrum der Baumwollherstellung des Landes entwickelt hatte. Diese  wurde erst 1968 eingestellt.

Lageplan von New Lanark

Die gesamte Anlage kam unter Denkmalsschutz, aufwendig restauriert und für Besucher zugänglich gemacht. 2001 wurde New Lanark in die UNESCO Liste von World Heritage Site aufgenommen. Diese Geschichte interessiert uns. Deshalb der Ausflug nach Lanark.

Unter der Leitung von Robert Owen entwickelte sich New Lanark zu einer frühsozialistischen Mustergemeinschaft mit einer profitablen Produktion.

Für die damaligen 2500 Einwohner wurden aus dem örtlich vorkommenden Sandstein Mietwohnungen für Arbeiter, Wohnhäuser für die Eigentümer, Verwaltungsgebäude, eine Schule und eine Kirche und eben Fabrikgebäude errichtet. Der Antrieb der Maschinen der Baumwollspinnerei erfolgte durch die Wasserkraft des Clyde.

Doch zunächst stehen wir etwas verloren auf dem Bahnhofsvorplatz und halten Ausschau nach einer Busverbindung. Nach einigen Hin und Her und vielen freundlichen Hinweisen bekommen wir mit, dass jetzt mit keinem Bus zu rechnen ist. Kurze Beratung: Dann nehmen wir ein Taxi. Auf geht es in das ca. zwei Kilometer entfernte, im – wie wir gleich sehen werden – romantische Tal des Clyde gelegene New Lanark.

Besucherzentrum

Der erste Weg führt uns in das Besucherzentrum, um Eintrittskarten (Senioren £10,50) für die Annie-McLeod-Experience-Ride, eine 3D-Rundreise durch die Vergangenheit von New Lanark, zu erwerben. Annie McLeod, eine virtuelle junge Spinnereiarbeiterin, führt die Besucher in die hiesige Lebens- und Arbeitswelt des 19. Jahrhunderts. Wir folgen den Erklärungen auf Deutsch. Das ist sehr entspannend.

 

New Lanark

Nach der Tour genießen wir die frische Luft und den Ausblick auf dem Dachgarten. Was für ein Panorama! Nun brauchen wir eine Stärkung. Im „Mill Café“ machen wir eine ausgedehnte Pause. Lotti gönnt sich ein Eis.

Danach werfen wir einen Blick in das Shopping Centre: Kleidung, Haushaltswaren, Schmuck, Kunsthandwerk, Geschenke aller Art, Bücher, Spielzeug usw.

Robert Owen
(1771-1858), Unternehmer, Sozialreformer und Frühsozialist begründete hier eine Form des Genossenschaftswesens. Er hatte sich zur Aufgabe gemacht, die Lebens- und Arbeitsqualität von Industriearbeitern durch annehmbareren Wohnraum und Reduktion der täglichen Arbeitszeit auf 10,5 Stunden zu verbessern. Er richtete einen Dorfladen mit bezahlbaren Preisen und eine Sparkasse ein. Die Einwohner konnten eine kostenlose medizinische Versorgung in Anspruch nehmen. Vehement engagierte er sich auch politisch gegen Kinderarbeit. In New Lanark waren jüngere Kinder in einer Kleinkindschule untergebracht (In Deutschland gründete Friedrich Fröbel 1840 im thüringerischen Blankenburg den ersten Kindergarten), ältere Kinder besuchten das „Institut for Formation of Charakter“, eine reformpädagogische Schule. 

Schulzimmer

Jetzt möchten wir uns die vielgepriesene Schule ansehen. Aber dieser Wunsch bleibt unerfüllt. Wir brauchen eine Weile um mitzubekommen, dass die Schulzimmer für eine temporäre LEGO-Ausstellung genutzt werden. Schade. Sehr schade.

Bei einem früheren Besuch konnte ich die Räume besichtigen und kann sagen, sie sind sehenswert. Ja, ganz erstaunlich.

Schule ist also nicht. Wir beschließen, das schöne Wetter für eine kleine Wanderung durch die Schlucht des Clyde zu nutzen. Auf dem ausgeschilderten fünf Kilometer langen Clyde-Wanderweg (es gibt noch drei weitere Wanderouten) genießen wir Natur pur. Die ungestüme Wildheit des Flusses wird an den Wasserfällen deutlich. 
 

Aber diese Gegend ist auch sehr geschichtsträchtig, wie eine Informationstafel an einer Felsenwand verrät.

Der schottische Rebell William Wallace, der Ende des 13. Jahrhunderts gegen die englische Vorherrschaft kämpfte, tötete den englischen Sheriff von Lanark. Auf seiner Flucht versteckte er sich in den hinter dieser Felswand befindlichen Höhlen.

In dem mit fünf Oscars ausgezeichneten Film „Braveheart“ (1995), einem gewaltigen und sehr blutigen Schlachtepos, steht der schottische Freiheitskampf gegen die englische Vormundschaft und Unterdrückung im Mittelpunkt. In der Hauptrolle des Anführers William Wallace agiert Mel Gibson.

Zurück in New Lanark besichtigen wir den kleinen Kolonialwarenladen, in dem man auch heute noch einkaufen kann – das Meiste sind Souvenirs für Touristen. Was auch sonst? Wir müssen uns etwas beeilen, wollen wir noch einen Blick in die historischen Wohnräume werfen. Das gelingt auch im Schnelldurchgang. Schade, aber um 17 Uhr ist Schließzeit.

 

Wie kommen wir zurück nach Lanark zum Bahnhof? Das hätten wir sinnvoller Weise vorher abklären sollen. Nun stellen wir fest, ein Bus fährt nicht. Taxis sind nicht stationiert. Das Besucherzentrum ist geschlossen. Na prima. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg. Klingt einfach, ist ja auch nicht sehr weit. Aber wir müssen aus dem Tal heraus. Das heißt, es geht stracks bergauf. Wir laufen und laufen. Ab und zu nieselt es. Dann scheint wieder die Sonne. So erreichen wir etwas abgekämpft Lanark. Wo geht es zum Bahnhof? Kein Mensch auf der Straße, den man fragen könnte.

Wir schauen uns um und entdecken noch manches interessante Detail, das Lanark plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lässt. Im Innern gar nicht mehr lKircheangweilig. Es hat eine überaus interessante Geschichte.

Hier lebte William Wallace in einem Haus in der High Street. In der St.-Kentigern-Kirche (heute eine Ruine) heiratete er Marion Braidfute, die, so die Geschichte, von dem englischen Sheriff geschändet und ermordet wird. Wallace nimmt blutige Rache und wird zum Anführer des schottischen Freiheitskampfes.

Weitere Information über William Wallace und Lanark

Lanark Library, 16 Hope Street, Lanark
The Royal Burgh of Lanark Museum, 29 Bloomgate, Lanark
Fremdenverkehrsamt Lanark, The Horsemarket, Lanark

An der St Nicholas‘ Kirche ist eine Statue von Wallace.

Jetzt entdecken wir den Bahnhof. Ist auch keine große Herausforderung. Lanark ist überschaubar. Inzwischen hat heftiger Regen eingesetzt. Noch ist etwas Zeit bis zur Abfahrt des Zuges um 18.23 Uhr. Wir stellen uns unter und warten.

Bahnhof Haymarket in Edinburgh


Bis jetzt war die Bahn pünktlich. So auch heute. Es geht zurück nach Edinburgh. Am Bahnhof Haymarket steigen wir aus. Der Regen hat aufgehört. Ja. Das Wetter wechselt hier schnell. Auf der Suche nach einem Restaurant in der Nähe unseres Hotels werden wir bei einem Steakhaus fündig. Lotti kriegt sich gar nicht mehr ein, so sehr schwärmt sie von den Rippchen. „Nie zuvor …!“

 

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